Meine Stammstrecken

Wenn man in und mit der Stadt erwachsen wird, merkt man: Jeder Lebensabschnitt hat seine dazugehörigen Routen.
christian-helten
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Illustration: Julia Schubert


Ins Zentrum: Starnberg – Stachus
  München ist immer nur so groß wie die Summe der Teile, die man kennt. In der sechsten Klasse war München für mich deshalb ziemlich klein. Der Abschnitt zwischen Stachus und Marienplatz war zu der Zeit alles, was ich von München kannte. Denn 1994 konnte man Musik noch nicht per Mausklick kaufen, und einen ernstzunehmenden CD- oder gar Plattenladen gab es im Vorort nicht. Es blieb nur der Weg nach München, zum WOM in der Fußgängerzone. Wenn ich mit meinen Freunden „in die Stadt“ fuhr, brauchten wir nicht darüber zu reden, wohin wir wollten. Der Weg war immer derselbe: vom Bahnhof in Starnberg, wo wir uns im Tabakladen oder am Kiosk am See noch eine Cola oder Süßigkeiten kauften, mit der S-Bahn durch all die Speckgürtel-Vororte mit den -ing-Endungen. Irgendwann kamen Pasing und Laim, man sah Graffiti und viele Gleise. Donnersberger Brücke, Hackerbrücke, unter die Erde, und dann waren wir bald am Stachus. Ein 12-Jähriger braucht nicht mehr als die Fußgängerzone bietet: den McDonalds, den Karstadt, Sport Scheck und eben den WOM mit seinen scheinbar endlos langen CD-Regalen. Wir hatten keinen Bedarf und keine Vorstellung von kleinen Läden mit eigenem Charme oder Ideen, wie man sie in Vierteln jenseits des Shoppingpflasters findet. Kurz: Der Rest der Stadt war uns egal.
 
Über den Zonen-Tellerrand: Starnberg – Boarders
  Wie der 12-Jährige sich in die Innenstadt aufmacht, weil der Vorort seinen Konsumansprüchen nicht mehr genügt, reicht dem 15-Jährigen irgendwann auch dort das Angebot nicht mehr. Der Typ zwei Klassen höher erzählte „von diesem Snowboard-Laden in Sendling“, in dem es nicht nur alles gab, was man brauchte, um die neue Lieblingssportart auszuüben. Dort stand auch eine Couch, auf der wir auch ohne etwas zu kaufen herumhängen und Snow- und Skateboardfilme anschauen konnten, die für unser Taschengeld zu teuer waren. Um dort hinzugelangen, mussten wir die vertrauten Pfade der S-Bahn-Stammstrecke verlassen und – total aufregend – U-Bahn fahren. Wir landeten in Sendling, einem Viertel, das uns sonst nichts sagte oder bedeutete. Deshalb hatten wir auch den Stadtplan aus Mamas Auto mitgenommen.

Auf dem Isarhighway: Starnberg – Muffathalle
  Noch heute nenne ich die Straße, die am Westufer der Isar entlang von der Brudermühlbrücke bis zum Isarring führt, manchmal den „Isarhighway“. Das ist einfacher, weil sie nach jeder Kreuzung plötzlich einen anderen Namen trägt, vor allem aber hat sich die Bezeichnung eingeprägt, weil diese Strecke unser Einfallsweg ins Münchner Nachtleben war und wir sie auf einer der Autofahrten dorthin irgendwann so getauft hatten. Der Isarhighway war der Weg, den wir immer Dienstags nahmen, wenn wir in den „Kingston Club“ in der Muffathalle wollten. Ob das der kürzeste Weg war, spielte keine Rolle. Es war schlicht der einzige, den wir kannten, weil der Fahrer, der uns das erste Mal mitnahm, nun mal diesen Weg gewählt hatte. Wir waren froh, uns an diese bekannte Route halten zu können. Wir waren ja jetzt mit dem Auto unterwegs, weil der 20-Minuten-Takt der S-Bahn, der bei unseren Tagesausflügen immer so komfortabel und zuverlässig gewesen war, uns nachts im Stich ließ. Das Straßennetz der Großstadt ist eine durchaus beängstigende Vorstellung für alle, die bei der Führerscheinprüfung auf dem Land aus Mangel an mehrspurigen Straßen nur einmal einen Spurwechsel vorführen mussten.
  Zum Isarhighway kamen bald ein paar neue Nachtleben-Routen hinzu, ins Atomic Café oder ins Backstage. Hätten wir mal von Club zu Club ziehen wollen, wären wir aber verloren gewesen. Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Wissen, wie man einen Ort erreicht, und dem Wissen, wo sich ein Ort befindet. Wir kannten jeweils nur den Weg aus Starnberg zum Club des Abends. Unsere Ortskenntnis glich dem Wachsen eines Baumes: Die Autobahn nach München war der Stamm, am Luise-Kiesselbach-Platz verzweigten sich die Wege in einzelne Äste, den Atomic-, den Backstage- und den Muffathallen-Ast, zwischen denen es aber keine Verbindung gab. Noch nicht.
 
Mit dem Rad durchs Geäst: Nymphenburger Straße – Universität
  Wie problemlos man von Ast zu Ast hüpfen kann, zeigte sich erst, als ich nach der Schule zum Studieren nach München gezogen war. Das erste Mal bewegte ich mich auf dem Fahrrad durch die Stadt, von der WG in der Nymphenburger Straße durch die Maxvorstadt zu den dort und in Schwabing verstreuten Instituten, Bibliotheken und in die Behausungen von Kommilitonen. Erst jetzt lernte ich die Stadt als Städter kennen, erst jetzt ergaben sich Relationen und Entfernungen, die nicht mehr an den Ausgangs- und Bezugspunkt Starnberg geknüpft waren. Der Königsplatz, bisher für mich nur eine Haltestelle auf der roten U-Bahn-Linie, bekam ein oberirdisches Gesicht. Die Pinakotheken, in die mich meine Eltern früher mal mitgenommen hatten, lagen plötzlich auf meiner Uni-Route. Und als ich für einen Einkauf auf dem Viktualienmarkt auf dem Heimweg von der Uni einen Schlenker machte und nach dem Trial-and-Error-Prinzip durch die Gassen der Altstadt kreuzte, kamen mir die Fassaden auf einmal bekannt vor, und die vertraute, wenn bei Tageslicht auch ungewohnt anmutende Tür des Atomic Café tauchte auf. Sie war jetzt nicht mehr nur das Ende des Astes aus Zeiten der Ausflüge aus der Vorstadt ins Nachtleben, sondern ein realer Ort mit einer definierten Entfernung zu meiner täglichen Uni-Radlroute. Neben dem Baum mit dem Starnberg-Stamm wuchs jetzt also ein neuer, sein Stamm war der Weg von der WG in die Uni, aber er bekam schnell viele kleine Äste, von denen auch ein paar Efeu-Ranken zum alten Starnberg-Baum hinüber wuchsen.
 
Zur Arbeit: Donnersberger Brücke – Hultschiner Straße
Ein paar Umzüge und Praktika in anderen Städten später kam der erste Job. Süddeutsche Zeitung, ein Hochhaus am Stadtrand. Die tägliche S-Bahn-Fahrt von der Donnersberger Brücke nach Berg am Laim. Butterbrezn beim Bäcker, ein Schmunzeln über die Boulevard-Schlagzeilen in den Zeitungskästen. Den Bahnsteig bis zur dritten Bank nach vorne gehen, dann hat man beim Aussteigen am Bahnsteig in Berg am Laim direkt die Treppe vor sich. Zwei Stationen stehen, am Hauptbahnof steigen die Pendler aus dem Umland aus und machen vorgewärmte Sitzplätze frei. Alles ziemliche Routine. Die meisten Wege, die ich wochentags in meinem Leben in der Stadt zurücklege, sind Abzweigungen dieser Arbeitsroute. Erledigungen vor oder nach der Arbeit, das Feierabendbier mit Freunden. Am besten in einer Kneipe, die nicht allzu weit abseits der Route liegt.

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