Meine Straße: Clemensstraße

Zwischen Kellnern mit Schlangenphobie, genial verplanten Getränkeläden und düsteren Kneipen mit Kerzenleuchtern, die zu langen, sehr langen Abenden einladen: Moe, 26, stellt uns die Clemensstraße vor.
mercedes-lauenstein

Ich wohne in einem Hinterhof am Dreieck Clemens-, Belgrad- und Apianstraße, direkt zwischen dem Jennerwein und der X-Bar – zwei unverzichtbaren Münchner Kneipeninstitutionen. Die Clemensburg gehörte auch mal dazu, leider hat sie gerade dicht gemacht. Das X war mal ein Geheimtipp und es ist auch heute von außen kaum zu erkennen. Drinnen ist es düster, mit Kerzenleuchtern an den Wänden und roten Ledercouchen.

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Illustration: Julia Schubert

Moe in seiner Straße. 

Auch ein Schlangenterrarium gibt es. Neulich ist mal eine Schlange ausgebüxt. Das war blöd. Der Kellner, der an dem Tag da war, hat nämlich eine Phobie. Es musste also extra ein anderer Mitarbeiter angefahren kommen, um sie zu suchen und einzufangen. Die Kellner sind ohnehin alle ziemlich eigene Typen. Jeder hat so sein Jahrzehnt, das er darstellt: von den Zwanzigern über die Fünfziger bis zum Neunziger-Grunge ist alles dabei. Und es gibt Augustiner für drei Euro gradaus. Und zwar vom Fass.

Regelmäßig trifft man hier auch Florian Post, den Bundestagsabgeordneten der SPD für Schwabing-West, und einmal hatte er auch Christian Ude und Gregor Gysi im Schlepptau.

Ich liebe diese Ecke Schwabings, hier ist noch ganz viel vom alten Boheme-Geist zu spüren. In meinem Hinterhof hat sich ein Lichtdesigner seine Werkstatt in einer alten Kegelbahn eingerichtet: Markus Widmann. Der macht tolle Sachen und bestimmt bald dem Ingo Maurer Konkurrenz.

Und komische Gestalten gibt’s hier im Eck eh zuhauf: Eine ziemlich durchgeknallte Heiratsschwindlerin hat zum Beispiel mal einen meiner Nachbarn auf dem Friedhof am Grab seiner verstorbenen Frau aufgegabelt. Die sah aus wie die Hexe Befana, bestimmt schon 70 und immer ein riesiges schwarzes Vogelnest auf dem Kopf. Morgens um drei Uhr putzte sie von außen die Fensterbänke unserer Wohnung im Erdgeschoss und dekorierte den Hof mit irgendwelchen Skulpturen. Manchmal war sie wochenlang verschwunden und tauchte dann plötzlich wieder auf.

In der Clemensstraße befindet sich natürlich auch das Haus, in dem Rainer Werner Fassbinder gewohnt hat, und am 10. Juni 1982 tot aufgefunden wurde.

Legendär ist auch das Schwabinger Straßenfest im Juli. Da tun sich das Jennerwein, das X und früher auch die Clemensburg zusammen und veranstalten ein ziemlich alternatives Sommerfest mit Punkbands und Rockern. Außerdem ist die Clemensstraße eine Zubringerstraße zur Leopold, und während der WM oder großen Fußballspielen ist hier eine großartige Stimmung – überall Bierbänke und Bildschirme auf der Straße. Aber alles etwas weniger anstrengend als auf der Leopold.

Die Ecke ist also sehr lebenswert, was auch an den vielen Spätis und Restaurants liegt: Bei Sami’s Getränke zum Beispiel gibt es auch spät abends noch Bier, Wein, Saft und Knabbereien. Das Geilste sind die Preise. Die sind nämlich jeden Tag ein bisschen anders. Vier Biere kosten mal 3,67 Euro, mal einen anderen krummen Preis. Dass der Betrag oft überhaupt nicht durch vier teilbar ist: egal!

Dann gibt es noch die Pizzeria Venezia – halb Supermarktregal mit kaltem Bier, Zigaretten und Drehtabakauswahl, Spüli und Klopapier, halb Pizzaservice. Manche Leute hier in der Straße nennen sie „Die Terrorzelle“. Bei Tante Emma, einem herzlichen italienischen Bistro an der Ecke, gibt es exzellenten Kaffee und die Preise sind angenehm moderat. Essen gehe ich beim Italiener Nabucco, beim Peruaner El Mirador, beim Vietnamesen Bonjour Vietnam (unbedingt probieren: H 8!). Supergeil ansonsten in der Nähe: Der Inder Dhaba, der Grieche Elia, der Österreicher Ö1 und die Burger von Effe und Gold.

Ziemlich gern bin ich auch am Bayernplatz, die Verlängerung des Luitpoldparks, die viele gar nicht kennen, dabei ist die so schön. Und noch dazu ist sie – daher auch der Name – das erste Trainingsgelände des FC Bayerns gewesen. Und zwar von 1900 bis 1907.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Juri Gottschall

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