Meine Straße: Ehrengutstraße

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Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:

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Illustration: Julia Schubert


 

Stephanie, 29, Architektin


Das einzige Problem mit der Ehrengutstraße: das Hin- und Wegkommen. Im Dreimühlenviertel gibt es schließlich weder eine eigene U-Bahn- noch eine Tram-Station. Man ist auf das Rad oder den Bus angewiesen. Leider gibt es auch kaum normale Supermärkte in der unmittelbaren Umgebung. Für eine Drogerie muss man schon bis zur Lindwurmstraße fahren. Davon abgesehen kann man hier aber prima leben, ohne je woanders hinzumüssen.

Zum Frühstücken gehe ich ins Café Zimt – ein herzlicher, bodenständiger Laden mit einem guten Chai-Latte, was ich toll finde, da ich keinen Kaffee mag. Ich bestelle immer das „Frühstück Nr.1“: Croissant mit Butter, Marmelade und Heißgetränk.
 
Mein totaler Lieblingsladen und meine Stammkneipe ist das YOL, ein griechisch-türkisches Restaurant, in Familienbetrieb. Er kommt aus der Türkei, sie aus Griechenland. Hier braucht man im Gegensatz zu fast allen anderen Lokalen keine Reservierung, sondern bekommt immer einen Platz. Samstags gibt es Bauchtanz. Unschlagbar sind der Vorspeisenteller, die Dorade und die Calamari. Aber mit Gemüse als Beilage und nicht mit Salat. Das ist wichtig, weil das Gemüse richtig, richtig gut schmeckt. Und als Nachtisch muss man dann unbedingt den „Nachtisch mit Beleuchtung“ bestellen. So steht er in der Karte. Es ist ein Obstteller – auf einer Etagere serviert und obendrauf steht eine ausgehöhlte Orange mit einem Teelicht drinnen. Natürlich gibt es auch für jeden Gast immer mindestens einen Ouzo umsonst.
 
Gleich nebenan gibt es das uralte Eiscafé Italia, in dem schon meine Mutter in jungen Jahren Eis essen war. Das wird von zwei lustigen Cousins und der strengen Mutter von einem der beiden betrieben. Der Laden ist nicht hip – normales, selbstgemachtes Eis halt, wie man es früher gegessen hat – aber gut. Einer der beiden Cousins, Tommaso, schreit immer durch die Gegend und quatscht alle Leute an. Selbst wenn du mit dem Rad vorbeifährst, kommst du um einen Kommentar von ihm nicht herum.
 
Das Roeckl ist auch super. Und wunderschön eingerichtet. Die betreiben da Wiedereingliederung von benachteiligten Jugendlichen ohne lupenreine Vorgeschichte – sie bekommen dort die Chance auf eine Ausbildung. Ist jetzt kein Laden für jeden Tag, weil er etwas feiner und teurer ist, aber ein Besuch lohnt sich definitiv, vor allem zum Steak- und Schnitzelessen.
 
Das Bavarese, in dem man eine gute Pizza Funghi essen kann, und die gegenüberliegende Kneipe, das Valentin Stüberl, muss man ja eigentlich gar nicht erwähnen, das kennt sowieso jeder. Leider ist das Bavarese immer gnadenlos überfüllt, so dass man kaum einen Platz bekommt. Im Stüberl geht es vor allem zu Fußballmeisterschaften ab. Die legen dann echten Rasen vor der Tür aus, und das ganze Dreimühlenviertel besetzt die Straßenkreuzung.
 
Ercan’s Body Gym ganz am Westende der Straße ist hier in der Gegend fast schon legendär. Der Betreiber ist ein supersympathischer Bodybuilder, über den es auch einen Kinofilm gibt: „Pumping Ercan“. Die Sauna kann man auch ohne Mitgliedschaft nutzen.
 
An diesem Ende kommt auch das Schlacht- und Viehhofareal. Der Schlachthof wird noch als solcher genutzt – morgens um neun hört man an bestimmten Tagen die Kühe muhen. Abends nicht mehr. Der Viehhof dagegen ist eher eine Stadtoase, in die man vor allem im Sommer einfach abtauchen kann wie in eine andere Welt. Mit Open-Air-Kino, Nachtbiergarten und vielen guten Veranstaltungen. Die Schlachthofakademie, gegründet von benachbarte Freunde, ist übrigens auch einen Tipp wert. Die organisieren im Weinladen F.X. Muschelkalk ganz unterschiedliche Themenabende: einen Wettbewerb um den Witz des Jahres zum Beispiel, einen Tagebuchabend, Filmabende oder Interviews und Diskussionen, bei denen es um Themen wie Flüchtlingspolitik oder Eurokrise geht. Die Organisation läuft ausschließlich über Facebook und es findet immer in recht kleinem Rahmen statt – maximal 30 Leute pro Veranstaltung.
 
Und zwischen alldem findet man tatsächlich auch noch Betriebe wie unseren Schreiner Christoph im Hinterhaus, der wunderschöne Möbel baut, mit seinem Sägen den sympathischen Klang von echtem Handwerk versprüht und das manchmal etwas überhandnehmende Kindergeschrei übertönt.
 
Eine schleichende Verspießerung ist aber leider auch nicht zu leugnen. Man sieht tatsächlich manchmal Menschen, die morgens mit Kamera losziehen und Falschparker fotografieren, um diese dann von der Polizei abschleppen zu lassen. Neuerdings gibt es einen mysteriösen schwarzen Paintball-Fleck an einer Hauswand, der aber natürlich auch längst fotografisch erfasst und dokumentiert ist.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: juri-gottschall

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