Meine Straße: Holzapfelstraße

In leeren Häusern stehen Fenster offen. Und beim Geigenbauer brennt immer Licht: Lisas Nachbarschaft.
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Niemand kennt eine Straße so gut wie die Menschen, die in ihr leben. Deshalb bitten wir hier regelmäßig junge Münchner, uns ihre Straße zu zeigen – die schönsten Ecken, die besten Läden, die schrulligsten Typen, die nettesten Anekdoten. Heute:
 

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Illustration: Julia Schubert

Lisa, 26, Studentin

Die Holzapfelstraße erinnert mich an einen Urlaub in San Francisco, in dem mein Hotel direkt am Eingang von Chinatown lag. Hier sieht es irgendwie ähnlich aus: die riesige, breite, graue Landsberger Straße nebenan, und durch die Holzapfelstraße geht es ins kleinteilige Westend – in eine ganz andere Welt.
 
Die Straße ist nicht sehr produktiv. Hier gibt’s nichts Schickes und viele Läden stehen leer. Aber ich mag diese uneitle Atmosphäre sehr gern, denn was es gibt, ist dafür gut. Und wenn man es mal etwas belebter oder hipper will, ist die Holzapfelstraße der perfekte Gateway zu den cooleren Straßen wie der Westendstraße oder Schwanthalerstraße.
 
Zunächst ist da mal das Augustinerbräu, direkt an der Brauerei. Da kann man sich alles zum Mitnehmen holen. Ich habe mir da schon oft abends noch schnell Kinderspätzle für 2,90 Euro die Portion geholt. Der Kellner sagt immer: „Die brauchst du doch nun echt nicht zu kaufen, die kann man doch so schnell selbermachen!“ Aber ich mag das eben so. Oben auf dem Augustiner gibt es eine Dachterrasse, die nicht viele Leute kennen und auf der man eigentlich immer Platz findet.
 
Im Café Josefa an der Ecke Schwanthalerstraße gibt es sehr guten Kuchen und Kaffee und auch immer ein paar Tagesgerichte. Der Kiosk dort ist super, weil er mindestens bis 22 Uhr offen hat und alles führt, was man so braucht, vom Bier über Klopapier bis zur Sprühsahne. Der Besitzer ist total nett. Früher, als ich noch geraucht habe und einmal nicht genug Geld dabei hatte, hat er mir die Zigaretten einfach geschenkt und ich habe ihm am Tag danach dafür dann Kuchen aus dem Café Kubitschek mitgebracht. Sonntags laufe ich immer um acht noch kurz rüber und besorge bei ihm Snacks und Getränke zum Tatortgucken.
 
Vor dem Donna Mobile stehen immer ganz viele Frauen, das wird von einem Verein für interkulturellen Austausch betrieben und ist speziell für Migrantinnen konzipiert: Es gibt ein Frauencafé, es werden zehn verschiedene Sprachen gesprochen, man bietet Radlkurse, psychologische Beratung, und sonstige Aktivitäten und Hilfestellungen für den Alltag an. Da kann man sich richtig aufgehoben fühlen, glaube ich, wenn man fremd in der Stadt ist oder irgendwie gerade eine schlechte Zeit durchmacht. Und einige Läden weiter sitzen vor einem Café immer ganz viele Männer, ich frage mich manchmal, ob die zu den Frauen vor dem Frauencafé gehören.
 
Es gibt auch einen Geigenbauer in meiner Straße. Da habe ich zwar noch nie jemanden reingehen sehen, aber ich freue mich immer wahnsinnig, wenn ich abends vorbeigehe, dass bis spät in die Nacht Licht brennt.
 
Man sagt ja seit Jahren, dass das Westend das neue In-Viertel wird. Aber irgendwie passiert es doch nie. Das sieht man vor allem daran, dass hier vieles noch immer total brach liegt. Das Haus mit dem Dönerladen an der Ecke beim Saturn zum Beispiel. Das ist leer, seit ich hier wohne. Wobei: Manchmal stehen da die Fenster offen und es weht ein Vorhang im Wind. Und dann frage ich mich: Vielleicht wohnt ja heimlich doch noch jemand dort? Auch nicht besonders kennzeichnend für ein hippes Viertel: Wenn in einen Laden, der zumachen musste, ein Ein-Euro-Shop einzieht statt einer coolen Modeboutique, oder? Das freut mich ja ein bisschen, muss ich zugeben.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: juri-gottschall

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