"München war ihr Eldorado"

Zwei HFF-Studenten haben einen Film über Menschenschleuser in der Türkei gedreht. Ihre beiden Protagonisten verfolgten mit ihrer Arbeit einen eigenen Traum. Für einen der beiden endete der tragisch.
nicola-staender

Festung Europa: In ihrem Dokumentarfilm „Nacht Grenze Morgen“ begleiten die jungen Münchner Regisseure Tuna Kaptan und Felicitas Sonvilla zwei Schleuser in der Türkei. Die Protagonisten – der 26-jährige Naser aus Palästina und der 30-jährige Ali aus Syrien – wollten mit ihrer Arbeit an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland allerdings nicht einfach nur Geld zum Leben verdienen, sie verfolgten einen Traum: Sie wollten selbst nach Deutschland, am liebsten nach München.
 
jetzt.de München: Eine Grenze schließt sich – wie wolltet ihr das dokumentieren?
Felicitas: Unser Ziel war, unsere Identität als Europäer zu betrachten. Deshalb war es uns wichtig, von außen auf Europa zu schauen, auf das, was häufig als „Festung“ bezeichnet wird. Am Anfang haben wir dafür vor allem eine Gruppe junger Iraner begleitet, die darauf gewartet haben, sich illegal schleusen zu lassen. Als 2012 dann die Grenze aufgerüstet wurde, haben wir uns immer mehr mit den Schleusern beschäftigt.

Illustration: Julia Schubert


Tuna Kaptan und Felicitas Sonvilla studieren Dokumentarfilm-Regie an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film.
 
Deren Arbeit ist illegal. Man würde also meinen, dass sie sich nicht dabei filmen lassen wollen.
Tuna: Dass wir die beiden kennengelernt haben, war eigentlich ein riesengroßer Zufall. Wir waren gerade zwei oder drei Wochen in Edirne, einer Stadt an der Grenze zu Griechenland, durch die große Flüchtlingsströme fließen, und haben mit dem einäugigen, kahlen Besitzer eines ziemlich schäbigen Hotels gesprochen. Wir standen mit ihm in seiner Lobby, er beklagte sich darüber, keine Kunden mehr zu haben, seit der Grenzzaun gebaut wurde. Plötzlich kamen zwei Männer herein, winkten uns zu und verschwanden in einem dunklen Gang im Hotel. Der Besitzer hat auf einmal geflüstert und meinte: „Die beiden sind aber auch nicht ganz koscher.“ Feli und ich wussten sofort, dass wir die für unseren Film wollten.
 
Wie konntet ihr sie überreden, mitzumachen?
Felicitas: Wir haben uns oft mit ihnen getroffen und viel und lange mit ihnen geredet. Irgendwann haben wir uns angefreundet. Ausschlaggebend war auch, dass die beiden selbst nach München wollten, wo wir ja herkamen. München war ihr Eldorado: Da gibt es Arbeit und Geld, dachten sie.
Tuna: Die beiden waren auch einsam. Ihre Kunden blieben ja immer nur ein, zwei Nächte bei ihnen, und sonst hatten sie niemanden. Wir waren eine Konstante, wir haben oft zusammen abgehangen.
 
Welches Bild hatten die beiden von München?
Tuna: Die Stadt war für sie eine Art Paradies: Für wenig Arbeit würde man viel Geld bekommen. Naser hat auch immer wieder betont, wie sehr er sich wünscht, würdevoll behandelt zu werden. Seine Sehnsucht nach einem guten Leben hat er stark auf München projiziert.

http://www.youtube.com/watch?v=_WmVs73YYtI
 
Und wovon wollten sie leben?
Tuna: Naser und Ali haben immer wieder Fragen gestellt, die mit der Lebensqualität hier zusammenhingen. Sie haben gefragt, wie hoch die Miete ist, und was es kostet, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Ali wollte auf dem Bau arbeiten, denn er ist ausgebildeter Maler.
 
Habt ihr ihnen gesagt, dass es in München für Flüchtlinge nicht so leicht ist, gut bezahlte Arbeit zu finden?
Tuna: Wir haben ihnen vorgerechnet, wie viel sie etwa verdienen würden und dass ihnen nach der Miete zum Leben quasi nichts übrig bliebe.
Felicitias: Sie wollten das nicht so richtig wahrhaben. Es war auch wegen der Sprachbarriere schwierig, das genau zu erklären. Die beiden sprechen kein Englisch und wir nur Türkisch und rudimentär Arabisch.
 
Hättet ihr nicht einen Dolmetscher engagieren können?
Felicitas: Das wäre für Naser und Ali zu gefährlich gewesen. Wir haben niemanden gefunden, bei dem wir uns sicher waren, dass er sie nicht verrät.
 
Hat euer Film aufgrund eurer persönlichen Nähe zu den Protagonisten an Objektivität eingebüßt?
Tuna: Wir wollten nie einen objektiven Film machen, sondern die persönliche und bewegende Geschichte von Menschen erzählen, die sonst unsichtbar bleiben und bei denen immer Klischees mitschwingen, wenn über sie geredet wird.
Felicitas: Unser Film ist einerseits persönlich, aber andererseits auch politisch, weil er eine der Auswirkungen zeigt, wenn eine Grenze geschlossen wird.
   
Wie genau haben die beiden eigentlich geschleust?
Tuna: Es gibt mehrere Methoden. Zum Beispiel haben sich Flüchtlinge als Jugendliche getarnt. Sie haben ihren gesamten Besitz in ein paar Tüten von trendigen Klamottenläden gepackt, haben die in die eine und eine Pistazientüte in die andere Hand genommen und sind so in kleinen Gruppen ins Ausgehviertel von Edirne gegangen, das nah an der Grenze liegt. Irgendwann sind sie in die Felder verschwunden.
Felicitas: Da gab es aber den Zaun noch nicht. Das geht jetzt nicht mehr.
Tuna: Ein anderer Weg führt über den Fluss Evros. Der ist ziemlich schmal, da kam man ganz gut rüber. Und ein dritter Weg war die Ägäisroute: Von Izmir aus fuhren Flüchtlinge mit größeren Booten über das Meer.
 
Haben die beiden es selbst nach München geschafft?
Tuna: Ali hatte mehr gespart, er konnte es also früher probieren, während Naser noch weiter schleusen musste. Ali hat mich mal angerufen, aus Hamburg. Er meinte, er würde sich jetzt in einen Zug nach München setzen. Im Zug hat man ihn allerdings mit seinem gefälschten Pass erwischt. Doch er hat es noch einmal probiert und ist jetzt in einem europäischen Land. Seinem Asylantrag wurde stattgegeben. Und Naser... Er ist ums Leben gekommen. Er hat die dritte Route genommen, über die Ägäis. Das Boot war überladen und ist gekentert. Wir haben von Überlebenden gehört, dass er ertrunken ist.
 
"Nacht Grenze Morgen" ist zu sehen am Mittwoch, 28. Mai, 19 Uhr beim Kameraforum im Audimax der Hochschule für Fernsehen und Film in München.



Text: nicola-staender - Foto: Nina Wesemann

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