Näher dran

Maria Siebenhaar und Mirja Kofler filmen Band-Sessions und stellen die Videos auf ihrer Website classroomconcert.com zur Verfügung. Ein Interview über Netzkonzerte.
juri-gottschall
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Illustration: Julia Schubert



Erstmal: Was ist eine Session überhaupt?
Eine Session ist ein spontan gespieltes und ebenso spontan aufgenommenes Konzert. Meistens handelt es sich nur um einen Song, gefilmt mit einer Kamera. Es gibt ein paar richtig berühmte Sessions, wie die Black Cab Sessions in London, die immer in einem Taxi stattfinden, oder die Take Away Shows in Paris. Das waren auch diejenigen, die wir vor zwei oder drei Jahren zum ersten Mal wahrgenommen haben.
 
Woher kommt der Trend zu solchen Sessions?
Das liegt wahrscheinlich daran, wie das Musikgeschäft heute funktioniert. Früher veröffentlichte eine neue Band eine Single, die dann im Radio gespielt und dadurch bekannt wurde. Heute gibt es keine richtigen Singles mehr. Wer heute eine mp3-Datei kauft, hat nicht mehr wie früher eine CD oder ein Plattencover, also etwas Greifbares von einem Musiker. Alles ist so weit weg. Wir schaffen mit unseren Videos wieder etwas Echtes, das man ansehen und fühlen kann und wo eine Band live, vielleicht auch mit Ecken und Kanten, einen Song spielt. Dadurch kommen die Leute wieder näher dran.
 
Wieso wolltet Ihr selbst Musiker filmen?
Wir haben im Studium schon richtige Musikvideos gedreht, was aber immer mit einem riesigen Aufwand verbunden war. Als wir dann Anfang des Jahres während einer Vorlesung darüber nachdachten, was wir nach unserem Studium machen könnten, kam uns die Idee, auch mal Live-Bands zu filmen. Irgendwie interessiert sich ja in der Schulzeit fast jeder für Musik oder spielt sogar in einer Band. Oft spielt das Klassenzimmer da auch eine Rolle. Deshalb haben wir uns auch für den Namen „Classroom Concert“ entschieden. Weil aber natürlich nicht jede Band im Klassenzimmer spielen kann, bringen wir das Klassenzimmer zur Band, meistens in Form einer Schultafel, auf der sich die Musiker dann verewigen können. Manchmal haben wir auch alte Schulbänke und Stühle im Gepäck.
 
Wie sucht ihr die Bands aus?
Oft machen uns Freunde oder Bekannte auf Bands aufmerksam, die wir dann kontaktieren. Manchmal schreiben wir auch Bands an, die wir einfach selbst gut finden. Wir informieren uns ständig, wer gerade in München tourt und eventuell Zeit hat. Damit wollen wir kleine, neue Bands unterstützen und ihnen eine Plattform geben. Aber auch bekannte Künstler aus dem Ausland haben wir schon zu einer Session gebeten. Es ist einfach ein Projekt, bei dem jeder etwas lernt, das keinen etwas kostet und bei dem wir alles selbst machen können.

http://www.youtube.com/watch?v=pAXH4cIVuUw
Das neueste Classroom Concert mit der Münchner Band Tuó.

Es gibt ja in München die Hauskonzerte, die kleine Konzerte im privaten Rahmen filmen und ins Netz stellen. Ist das nicht etwas ganz ähnliches?
Nein, das ist ein ganz anderes Konzept. Das sind richtige Konzerte mit Publikum, während bei uns alles ziemlich privat abläuft. Wir versuchen jeder Band ihre ganz spezielle Umgebung zuzuordnen und das Drumherum auszublenden. Bei uns stehen die Musiker klar im Vordergrund. Wir haben auch schon Kritik bekommen, dass wir mehr von der Umgebung zeigen sollen, aber das möchten wir gar nicht. Uns geht es um die Musik, nicht um ein Publikum.
 
Was passiert mit den fertigen Videos?
Die landen auf unserer Homepage, wo sie jeder ansehen kann. Das bringt auch den Musikern etwas. Eine Band aus Südtirol wurde aufgrund unseres Videos für Konzerte in München gebucht. Es gibt so viel Musik auf der Welt, die man wahrscheinlich nie hören wird. Da wollen wir eine Möglichkeit bieten, etwas Neues zu entdecken. Außerdem klingt ja fast jeder auf CDs irgendwie gut. Wirklich entscheidend ist aber, ob die Musiker live was drauf haben. Das kann man in unseren Videos sehen.

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