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Statt Lebkuchen

Es gibt in München zu wenige Orte für Kultur, sagen die Kulturkonsorten und übernehmen im Westend eine Eisdiele im Winterschlaf. Dort gibt es jetzt Bücher, Wein, Lesungen - und postfeministische Häkelabende für Herren. Ein Gespräch.
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Die winterliche Transformation einer Stadt kann deprimierend sein: Eisdielen, in denen Strickwaren, Besen oder Dekoschätze aus dem Erzgebirge verkauft werden – wenig sagt deutlicher: „Der Spaß ist für dieses Jahr vorbei, besuch uns doch im kommenden Jahr wieder.“ Dabei wäre doch gerade jetzt ein warmer Ort wichtig. Die Kulturkonsorten übernehmen deshalb die Eisdiele Punto Gelato (Schwanthalerstraße 131) und nennen sie Eisfrei. Statt Vanille und Erdbeer gibt es dort jetzt Bücher und Wein, an den Wänden hängen Fotodrucke und Schmuckständer. Und zwischen alldem fällt Sybille Greisinger und Felix Wegener, zwei der Kulturkonsorten, das Stillsitzen schwer – aus Vorfreude auf das Adventsprogramm an ihrer Theke.

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jetzt.de München: Mal ehrlich, die Zeit vor Weihnachten ist doch der reinsten Stresstest. Warum sucht ihr euch genau diese Zeit für euren Laden und euer Kulturprogramm aus?
Sybille: Wir wollten es unbedingt vor Weihnachten machen, in dieser Zeit der Vorfreude. Im Januar oder Februar wäre das nicht dasselbe, weil man darauf nicht so hinfiebert.
Felix: Stress hat jeder. Jeder von uns und jeder von den Leuten hier in München. Und gerade da ist es eben die Kunst, mal loszulassen und einen schönen Abend zu verbringen. Außerdem bin ich ein echter Weihnachtsfan. Ich bekenne mich.
 
Das heißt, ihr gestaltet hier den Übergang zum Winter so, wie ihr ihn selbst gerne hättet?
Sybille: Wir organisieren auf jeden Fall Veranstaltungen, zu denen wir selbst gerne gehen würden, ja.
Felix: Ich wohne im Westend und hab’ mir im Sommer hier immer mein Eis geholt. Da lag die Idee nahe, hier ein Projekt zu realisieren: Eine Kulturtheke mit vielen Büchern. Und jetzt falle ich eben zweimal um und bin im Eisfrei.
Sybille: Der Dezember wird so etwas wie ein Adventskalender – auch für uns selbst. Das Türchen bleibt gleich, aber dahinter gibt es jeden Tag eine andere Überraschung.
 
Was zum Beispiel?
Sybille: Für mich ist gleich der 2. Dezember ein Highlight: eine Lesung mit dem Schauspieler Tim Bergmann und Felix.
Felix: Wir lesen aus allen 24 Büchern vor, die wir auch hier an der Kulturtheke haben. Am 3. Dezember gibt es dann einen postfeministischen Häkelabend für Herren. Das wird sicher lustig, genauso wie die Veranstaltung mit Christian Gries, der aus den schönsten Spam-Nachrichten der Welt vorliest.
 
An einem Tag flaniert ihr auch mit allen Gästen durchs Westend.
Felix: Wir wollen uns auch im Viertel einbringen und vernetzen.
Sybille: Das Westend ist ein toller Stadtteil. Hier gibt es noch viel zu entdecken, kleine Läden, Agenturen, Kneipen.
Felix: Wir flanieren aber nicht nur, sondern es wird ein Instawalk.
 
Ein was?
Felix: Eine Tour, der man komplett auf Instagram folgen kann. Es wir dafür einen eigenen Hashtag geben. Es geht uns darum zu zeigen, dass das Analoge mit dem Digitalen zusammenpasst und zusammengehört.
Sybille: Die meisten unserer Veranstaltungen streamen wir auch ins Internet. Andere Sachen versuchen wir dafür aus dem Netz analog an die Kunsttheke zu holen. Wie zum Beispiel bei „Sharing is Daring“. Da darf jeder kommen und seine alten Dias oder Super-8-Filme zeigen. Ein ähnliches Prinzip wie auf Youtube oder Instagram, nur dass die Distanz zwischen den Leuten dabei viel geringer wird.
Felix: So etwas macht man ja sonst vor allem mit der Familie.
Sybille: Wenn es Winter wird, suchen doch alle das Gefühl von Nähe. Das merkt man doch in der ganzen Stadt.
 
Wie verändert sich München denn in dieser Zeit?
Felix: Die Leute suchen einfach alle nach Orten, an denen man sich wärmen kann – wo es gemütlich ist und gesellig. München bietet da schon ganz viel, nur eben in Kombination mit kulturellen Angeboten noch nicht. Und wenn, dann ist das sehr versteckt.
Sybille: Ich hab’ schon in Berlin und in Köln gewohnt. München ist dagegen eine sehr intime Stadt. Alles ist zentrierter. Im Winter verstärkt sich diese Intimität noch. Im Sommer breiten sich die Menschen aus an der Isar, über den Gärtnerplatz und im ganzen Englischen Garten. Wenn der Winter kommt, kuscheln sich alle gerne ein bisschen zusammen.
Felix: Das hast du sehr schön gesagt.
Sybille: Bei unseren Veranstaltungen machen wir die Heizung aber trotzdem noch an.

Text: teresa-fries - Foto: juri-gottschall