Und draußen nur die Ämter

Seit einem Jahr haben Janette und Ben keine eigene Wohnung. Sie sind 19 und 23 Jahre alt und können oft nicht schlafen - aus Angst, endgültig auf der Straße zu landen.
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Janette versucht, freundlich zu bleiben. "Vielen Dank", sagt sie zum Mann hinter dem Schalter und lächelt. Schon als sie sich umdreht, sieht die junge Frau aus, als wüsste sie nicht, ob sie heulen oder hysterisch lachen soll. Janette ist an diesem Montagmorgen ins Amt für Wohnen und Migration in die Franziskanerstraße gekommen, um sich "mittellos" zu melden. So heißt es amtlich, wenn man um Geld bittet. Wie so oft, wenn es in Janettes Leben amtlich zugeht, klappt nichts: Mittellos kann sich die 19-Jährige nur mit einem Personalausweis melden. Den hat sie keine Stunde zuvor beim Kreisverwaltungsreferat an der Poccistraße nicht bekommen, weil sie nur neun statt der nötigen zehn Euro für einen vorläufigen Ausweis auftreiben konnte. Mit Geld wird es deshalb heute nichts, hat ihr der Mann hinter dem Schalter im Wohnungsamt gerade gesagt. "Ohne Ausweis kein Geld, ohne Geld kein Ausweis", fasst Ben, 23 Jahre und Janettes Freund, das lapidar zusammen. Der junge Mann mit den rotblonden Haaren und dem Band-Shirt steht neben ihr. "Komm erst mal raus", sagt er und legt den Arm um sie. Er setzt sich auf eine Mauer in die Sonne und zündet sich eine Zigarette an. Nur nicht ausflippen. Situationen wie diese hat Ben seit zwölf Monaten einmal am Tag. Mindestens.

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Illustration: Julia Schubert


Janette und Ben in ihrem Zuhause - der sieben Quadratmeter Rumpelkammer von Bens Oma

Nach Haidhausen kommen viele Münchner zum Vergnügen. Sie biegen vom Rosenheimer Platz ab Richtung Weißenburger Platz, gehen frühstücken, bummeln durch die vielen Boutiquen oder trinken abends ein Bier. Für Janette und Ben ist Haidhausen der Teil der Stadt, in den sie fahren, wenn sie Geld brauchen, ihren Sachbearbeiter am Telefon nicht erwischt haben oder einen Antrag nicht alleine ausfüllen können. Viele Stunden haben die beiden schon in dem großen Betongebäude mit der Glasfront verbracht, im Warteraum mit den Holzstühlen, mit Aushängen an den Wänden, auf denen Sätze stehen wie "Der Aufenthalt in den Räumen des Dienstgebäudes ist ansonsten nur für den Zeitraum gestattet, der zur Erledigung der Angelegenheit notwendig ist." Die Stadt ist für sie längst nicht mehr der Ort, an dem sie Spaß haben und leben, sondern ein Netz aus Ämtern und Behörden.

Die Stadt ist für sie ein Netz aus Ämtern Behörden

Seit August 2012 haben Janette und Ben keine Wohnung. Zur Zeit übernachten sie in einem Sechzigerjahre-Bau zehn Fußminuten von der U-Bahn-Haltestelle Laimer Platz. Unten ist eine Senioreneinrichtung untergebracht, im dritten Stock teilen sich die beiden 50 Quadratmeter mit Bens Oma Albertine. Janette mit ihren schwarz-grünen Haaren und Ben mit Tattoos und Silberringen passen nicht in diese Wohnung: Deren Wände zieren Blumendrucke, ein Porzellan-Leopard thront auf dem Fernseher und eine Schrankwand, die so alt ist wie Janette und Ben zusammen, füllt den halben Raum. Links geht es ins Schlafzimmer der Oma. Auf der anderen Seite liegt eine schmale Tür, ein kleiner Durchgang zwischen Couch und Schrankwand. Sie führt in ein sieben Quadratmeter großes Kabuff.

Der Raum liegt unter einer Dachschräge. Am hinteren Ende ist die Wand nur 30 Zentimeter hoch, ein kleines Fenster lässt Tageslicht herein. Im Eck stehen Putzmittel in einem Drahtkorb, auf der Kleiderstange daneben hängen die Wintermäntel der Oma in verschiedenen Brauntönen. Nur die Matratze auf dem Boden und der Fernseher davor zeugen davon, dass das hier mehr ist als eine Rumpelkammer. Es ist ein Zuhause.

Noch vor zwei Jahren haben Janette und Ben nicht damit gerechnet, je unter solchen Umständen zu leben. Damals haben sie sich ineinander verliebt, Ben zog in Janettes Wohnung in Markt Schwaben. Sie machte ihre Friseurlehre, er arbeitete in einem Restaurant. Was danach passiert ist, fasst Janette mit "ziemlich scheiße gelaufen" zusammen. Weil sie eine Angststörung hat, bekam sie immer öfter Panikattacken und brach ihre Lehre ab. Die Unterstützung, mit der der Staat den geringen Ausbildungslohn aufstockte, fiel weg. Gleichzeitig zog sich der Antrag auf Arbeitslosengeld. Bald konnten die beiden nur die halbe Miete zahlen. "Wir haben im Supermarkt gejobbt, weil wir unter allen Umständen die Wohnung halten wollten", erinnert sich Janette. Als der Lohn zu spät kam, mussten sie die Wohnung aufgeben. Für kurze Zeit zogen sie zu einer Freundin, doch deren Ein-Zimmer-Apartment war zu eng für drei Erwachsene. Im August fragte Ben seine Oma, ob sie ihn und Janette für einige Wochen aufnehmen würde – in der Zeit würden sie eine Wohnung finden, war er überzeugt. Das war vor einem Jahr. Janette und Ben sind zwei der mehr als 3400 Wohnungslosen, die bei der Stadt gemeldet sind.
 
Längst haben die beiden eine traurige Routine: Bis zu 30 Makler und Vermieter ruft Janette jeden Tag an, in München und Augsburg. Jeden Tag sitzt sie am kleinen Esstisch im Wohnzimmer, liest die Wochenblätter, Internetportale und Tageszeitungen. Jedes neue Inserat bedeutet Hoffnung. Ben kümmert sich in der Zeit um Papierkram. Vier Aktenordner füllen ihre Anträge, Belege und Bescheinigungen mittlerweile. Das Haus verlassen sie vor allem, um Ämter zu besuchen. "Was sollen wir denn sonst draußen?", fragt Janette.
 
Ein neuer Tag, ein neuer Versuch auf den Ämtern. Ben und Janette sind früh aufgestanden, waren vor dem Kreisverwaltungsreferat in der Ruppertstraße unter den Ersten. Trotzdem ist es wieder zu spät, als sie es am Vormittag in die Franziskanerstraße schaffen: Der Infoschalter am Eingang hat noch offen, aber für persönliche Gespräche werden keine Nummern mehr vergeben, der Saal ist voller Menschen mit den gleichen Problemen. Die Öffnungszeiten sind kurz. Mehr als ein Amt am Tag schaffen sie selten. "Es ist deprimierend: Morgens steht man auf in der Hoffnung, dass sich etwas tut. Und jetzt, kurz vor Mittag, sind wir hier und es passiert nichts", sagt Ben. Drei Stunden werden sie jetzt warten, es hieß, ab 14 Uhr sei die Sachbearbeiterin nochmals zu erreichen. In ein Café zu gehen oder zum Italiener, wie sie es sich während der Ausbildung einmal im Monat geleistet haben, kommt finanziell nicht in Frage. "Wir versuchen, nicht mehr darüber nachzudenken, was wir gern mal wieder unternehmen würden", sagt Janette.

Ohne Wohnung keine Arbeit ohne Arbeit keine Wohnung

Dass gerade Ben und Janette in dieser Situation sind, könnte man Zufall nennen, auch Pech. Oder Schicksal. Beide haben mehrere Jahre im Heim verbracht, Bens Mutter war drogensüchtig und im Gefängnis. Er hat schon bei der Großmutter gelebt. Und auf der Straße geschlafen. Janettes Mutter war Alkoholikerin, in der neuen Familie ihres Vaters fühlte sich die 19-Jährige nicht willkommen. Bei solchen Biografien zieht ein Problem besonders schnell das nächste nach sich. Das fängt schon damit an, dass in Notsituationen oft nicht klar ist, ob für sie die Jugendhilfe zuständig ist oder sie schon unter die Sozialgesetzgebung für Erwachsene fallen. Hilfe kommt erst, wenn das geklärt ist – und das kann dauern. Greift wie bei Janette und Ben die Sozialgesetzgebung, bleibt oft nur das Recht auf Hartz IV. Auf dem Mietmarkt, wo junge Menschen ohnehin nicht die beliebtesten Kunden sind, haben sie kaum eine Chance. Die Marktlogik lautet: Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung.

In dem Dilemma stecken auch Janette und Ben. Weil sie auf einen Therapieplatz in einer Tagesklinik wartet. Und weil er eine Festanstellung möchte. Mit einem der vielen Kellner-Jobs ist ihm nicht geholfen, denn der würde auf sein Hartz-IV-Geld angerechnet. Außerdem möchte er Sozialabgaben zahlen und "richtig arbeiten, nicht ein bisschen hier und da". Den Kreislauf, in dem er und Janette sich befinden, verstehen die wenigsten Vermieter.
 
Stattdessen gehe bei ihnen die Schublade Hartz IV auf, vermutet Ben. "Die bedenken nicht, dass man nicht die Wahl hat, in diese Situation zu kommen. Man sitzt ja nicht den ganzen Tag da und freut sich, fürs Nichtstun bezahlt zu werden." Auch der Schein, auf dem steht, dass die Bundesagentur für Arbeit für sie Provision, Kaution und Miete bezahlen würde, überzeugt Wohnungsbesitzer nicht. "Es ist nicht weniger sicher als wenn jemand arbeiten geht. Aber das geht nicht in deren Köpfe", sagt Janette.
 
In ihrer Verzweiflung haben die beiden verschiedene Taktiken probiert. Am Anfang haben sie verschwiegen, dass sie Sozialleistungen bekommen. Die Makler sollten sie erst kennenlernen. Mittlerweile klärt Janette die Situation sofort. Sie hat keine Lust, sich Hoffnung zu machen und doch Absagen zu erhalten. Seitdem wird sie selten zurückgerufen. "Ich sage auf dem Anrufbeantworter schon immer, dass ich so oft anrufe, bis ich jemanden erreiche oder zurückgerufen werde. Zur Not jeden Tag."
 
Nach Tagen wie heute, die sie auf Ämter-Plastikstühlen verbracht haben, fällt Janette und Ben die Rückkehr zur Wohnung besonders schwer. Einerseits sind sie dankbar. Die sieben Quadratmeter sind die einzige Alternative zur Notunterkunft. "Das wäre das, was wir noch bräuchten, um uns völlig allein zu fühlen", sagt Janette. Für sie wäre der Kampf um Normalität damit verloren. "Hier halten wir wenigstens die Stellung." Die Oma hat selbst wenig Geld, kocht ihnen aber oft etwas. Die beiden holen dafür Getränke oder putzen die Fenster. Andererseits ist die WG mit 50 Jahren Altersunterschied nicht einfach. Die Oma schaut gern fern im Wohnzimmer – Janette und Ben bleiben dann nur ihre sieben Quadratmeter. "Man kann nicht sagen: Lass mich in Ruhe, ich geh ins Schlafzimmer. ,Meine Ruhe’ gibt es nicht", sagt Janette. Wenn sie telefonieren und Ben lesen will, gibt es Ärger. Janette wird dann wütend. Auf Ben, auf die Situation. Er versucht, ruhig zu bleiben. "Natürlich könnte ich auch durchgehend heulen, aber einer muss sich zusammenreißen."

"Ich würde mich einweisen lassen."

Immer klappt das nicht. Denn zu den Wohnungssorgen kommen Geldprobleme. Je 364 Euro Grundsicherung bekommen sie im Monat. Das sind 11,93 Euro am Tag für Essen und Kleidung, Telefon und Fahrkarten. An Vergnügungen wie Konzerte ist nicht zu denken, auch, weil sie 5000 Euro Schulden haben: Als sie kein Geld mehr hatten, sind sie immer wieder beim Schwarzfahren erwischt worden. Auch aus ihrem Telefonvertrag in ihrer alten Wohnung ist Janette nicht herausgekommen. Statt auszugehen sitzen sie abends deshalb mit der Oma auf dem Sofa, sie ratschen, schauen gemeinsam fern – "eigentlich etwas Schönes", sagt Ben, wenn die Oma dann nicht auch darüber reden würde, dass sie sich Sorgen macht, wie es mit den beiden weitergeht. Und wenn sie nicht alt und ruhebedürftig wäre. "Der Oma ist die Familie die letzten 40 Jahre auf der Nase herumgetanzt, jetzt wäre sie dran und sollte ihre Ruhe haben, wenn ihr danach ist."
 
Oft fällt es Janette nach solchen Abenden schwer, auf der Matratze im Nebenraum einzuschlafen. Sie versucht, nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn es der Oma schlecht ginge und sie die Wohnung verlassen müssten. "Ich würde mich einweisen lassen", sagt sie. "Da hätte ich wenigstens ein Bett."
 
Eine Alternative wäre ein Kind – nur dann hätten sie zu zweit das Recht auf eine der 2000 Sozialwohnungen, die die Stadt pro Jahr vergibt und auf die sich mehr als 20 000 Menschen bewerben. "Uns wurde gesagt: ,Entweder ihr heiratet oder werdet Eltern.’ Mit 19!" Janette schüttelt den Kopf. Und Ben fügt an: "Was wäre das für ein Umfeld, in das wir ein Kind setzen?"

Einziger Luxus: lesen

An den meisten Tagen versuchen sie deshalb, aus dem Alltag das Beste zu machen. Alle drei Tage fährt Ben mit der Fahrkarte der Oma in die Bibliothek am Gasteig. "Lesen ist mein Luxus", sagt er. Weil es ihm zu unruhig ist in der Wohnung, fährt er S-Bahn und liest. "Einfach nur herumfahren, das ist schon ein Vergnügen." Janette hat entdeckt, dass in der Bibliothek auch ein Klavier steht, wo sie mit Kopfhörern spielen kann. "Ein bis zwei Stunden gehen da schnell rum."
 
Vor Kurzem haben sie ein Regal geschenkt bekommen. Endlich liegen ihre DVDs, Pullover und Bücher nicht mehr im Koffer am Boden. Und Ben hat einen neuen Sachbearbeiter, der ihm Mut gemacht hat, eine Prüfung zum Restaurantfachmann abzulegen. Janette hat Aussichten auf einen 400-Euro-Job. Auch ihren Traum, eines Tages doch noch ihre Ausbildung nachzuholen und Maskenbildnerin zu werden, gibt sie nicht auf, vorerst.
 
Bis es soweit ist, freut sie sich über kleine Schritte. Zum Beispiel, als sie am Tag nach dem Besuch beim Amt für Wohnen und Migration doch noch Bargeld ausgehändigt bekommt. "Die Beamtin war total nett und hat eine Ausnahme gemacht." Das reicht für die Woche.

Text: lea-hampel - Foto: juri-gottschall

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