„Und? Wie ist es in Afrika?“

Rassismus beginnt im Kleinen. Am Münchner Michaeli-Gymnasium, in dessen Nähe einer der NSU-Morde verübt wurde, kämpfen Schüler und Lehrer gemeinsam gegen die Wurzeln rechten Gedankengutes
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Nur wenige Minuten vom Michaeli-Gymnasium in Berg am Laim entfernt, in der Bad-Schachener-Straße 14, arbeitete früher Habil Kiliç. Am 29. August 2001 wurde der türkischstämmige Gemüsehändler in seinem eigenen Laden von Mitgliedern der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) erschossen. Schon lange bevor die öffentliche Empörung über die Mordserie der NSU hochkochte und der dem Begriff „Döner-Mord“ innewohnende Rassismus verurteilt wurde, haben Schüler und Lehrer des benachbarten Gymnasiums beschlossen, allen Anfängen von Rechtsextremismus und Rassissmus an ihrer Schule entgegenzutreten.

Seit Sommer 2010 ist das Michaeli-Gymnasium deshalb offiziell eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Dafür musste eine bestimmte Anzahl von Schülern und Lehrern eine Art Vertrag unterschreiben, mit dem sie sich zum mutigen Einschreiten gegen Rassismus verpflichten. Seitdem prangt eine schwarz-weiße Plakette im Schulflur. Doch ändert so ein Titel noch mehr, als dass sich eine Schule mit einer hübschen Auszeichnung schmücken darf? Ein Gespräch mit dem Lehrer Jochen Arlt, 31, und den Schülerinnen Svenja Perret, 16, und Dilara Güdül, 16, die sich in dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage “ engagieren.

jetzt.muenchen: Svenja und Dilara, vor rund zehn Jahren wurde hier um die Ecke ein türkischstämmiger Mann von Rechtsextremisten ermordet. Was hat das mit euch Schülern heute zu tun?

Dilara: Obwohl ich einen türkischen Pass habe, hatte ich nie die Sorge, dass sich dieser Mord auch gegen mich gerichtet haben könnte. Ich spreche fließend Deutsch und verstehe mich mit allen gut. Trotzdem ist es natürlich schrecklich, was da passiert ist und darf nicht vergessen werden.

Svenja: Wir waren beide damals zu jung, um etwas von dem Mord direkt mitzubekommen. Dadurch, dass er bei uns in der Nähe stattfand, hat die Tat trotzdem etwas mit uns zu tun.

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Illustration: Julia Schubert

„Schule gegen Rassismus“ soll am Michaeli-Gymnasium mehr als ein Lippenbekenntnis sein. Dafür engagieren sich Lehrer Jochen Arlt und die Schülerinnen Svenja Perret (Mitte) und Dilara Güdül.

Herr Arlt, Sie leiten das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“am Michaeli-Gymnasium. Was wissen Schüler über den NSU-Mord?

Jochen Arlt: Obwohl viele der Schüler in direkter Nähe zur Bad-Schachener-Straße wohnen, wissen die Wenigsten von dem Vorfall. Ich spreche deshalb in jeder Vertretungsstunde mit den Schülern darüber, was damals passiert ist. Ich versuche, ihnen klarzumachen, dass auch sie etwas tun müssen, damit so etwas nicht mehr vorkommt.

Inwiefern hilft da das Projekt?

Dilara: Für den Titel müssen mindestens 70 Prozent der Schüler eine Art „Vertrag“ unterschreiben, in dem steht, dass man sich gegen Rassismus einsetzt und Courage zeigt, wenn jemand diskriminiert oder bedrängt wird. Bei uns haben von 1300 Schülern 92 Prozent unterschrieben. Das war natürlich super.

Aber ist das nicht ein bisschen zu einfach gedacht? Ein Stück Papier unterschreiben kann schließlich jeder.

Svenja: Unsere Arbeit hört da ja nicht auf. Mit der Projektgruppe wollen wir noch jede Menge Ideen umsetzen. Geplant ist zum Beispiel ein Frühlingsfest für die unteren Klassen, bei dem jeder Essen mitbringt, das für sein Heimatland typisch ist. Wir wollen auch gerne eine Ausstellung oder einen Film über das Thema Rassismus machen, zu denen wir dann vielleicht auch die Nachbarn einladen könnten. Ich selbst habe an einem Anti-Rassismus-Training teilgenommen.

Jochen Arlt: Neulich haben mich nach dem Unterricht auch zwei Schüler angesprochen, dass sie gerne etwas über die NSU-Morde machen wollen. Als Medienreferenzschule sind wir gut mit Laptops ausgestattet, wir wollen die Schüler daher verstärkt über Rechtsextremismus im Netz aufklären. Es ist erschreckend, wie leicht man im Internet auf rechtsextreme Parolen stößt. Früher war es zudem einfacher, Nazis als „Glatzköpfe“ zu erkennen. Heute sind sie viel besser getarnt, tragen Palästinenserschals und posten ihre Parolen auf Youtube.

Inwiefern ist Rassismus ein Thema an Schulen?

Jochen Arlt: Meiner Meinung nach gibt es an Schulen öfter eine latente Ablehnung von „Fremden“, als man es mitbekommt. Ich sah Anfang des Jahres ein Theaterstück, in dem Schüler dunkler Hautfarbe von ihrem Alltag erzählten. Denen haben Lehrer ernsthaft die Frage gestellt: „Und? Wie ist es in Afrika?“ Dabei sind die Schüler nie dort gewesen.

Svenja: Oft gibt es ja auch unter Schülern diesen Witz „das sagst du nur, weil ich schwarz bin“.

Dilara: Solche Leute sollte man einfach nicht ernst nehmen. Die denken doch gar nicht darüber nach, was sie da sagen. Ich würde so etwas nicht persönlich nehmen. Aber ich hatte bisher auch noch kein Problem mit Rassismus. Man erlebt aber immer wieder, dass andere Schüler gemobbt werden. Dann suchen wir mit den Mobbern das Gespräch. In mehreren Fällen war das erfolgreich.

Zur Zeit wird wieder ein NPD-Verbot diskutiert. Würde das euch nicht viel Arbeit abnehmen?

Jochen Arlt: Rechtsextremismus und Rassismus sind gesamtgesellschaftliche Probleme, die nicht nur in der NPD vorkommen. Schüler müssen deshalb darüber informiert werden, damit sie von Anfang an nicht für die Verführungen des Rechtsextremismus anfällig sind. Allerdings reicht es nicht, wenn nur die Schuleninformieren. Das muss auch in den Familien passieren.

Svenja: Wir müssen auch darüber aufklären, dass Rechtsextremismus mehr als ein Einzelfall ist – und dass nicht nur der Staat etwas dagegen tun kann, sondern auch wir.

Hat euch das Projekt denn im Kampf gegen das Wegschauen weitergebracht?

Svenja: Auf jeden Fall. Allein schon die „Schule ohne Rassismus“-Plakette im Flur erinnert uns jeden Tag an unser Versprechen, nicht wegzuschauen. Und wer nicht weiß, wofür das Schild steht, fragt eben bei uns nach und wird so darauf aufmerksam.
Jochen Arlt: Circa 30 Prozent der Schüler am Michaeli-Gymnasium haben einen Migrationshintergrund, das Zusammenleben funktioniert dabei sehr gut. Wir wünschen uns natürlich, dass es auch dank des Projekts weiterhin so bleibt.


Text: charlotte-haunhorst - Foto: Charlotte Haunhorst

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