Vorwiesnfreude

Das Oktoberfest gilt in München als fünfte und zugleich aufregendste Jahreszeit. Es gibt aber noch eine sechste, vielleicht sogar schönere Jahreszeit: die Wochen vor der Wiesn.
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Die Wiesn steht immer unerwartet vor der Tür. Wenn man sich noch völlig gedankenverloren an der Isar sonnt, alle Viertelstunde den Schweiß vom kühlen Wasser flussabwärts waschen lässt und an alles denkt, nur nicht an den Herbst, dann sagt jemand wie aus dem Nichts: „Die bauen schon wieder auf.“

Dieser eine Satz reicht schon, damit jeder weiß, was gemeint ist: Auf der Theresienwiese stehen jetzt die ersten Gerüste der Bierzelte. Vor ihnen rostrote oder dumpfblaue Container, aus denen Bänke und Aufsteller ragen, irgendwo gibt es vielleicht schon ein Stück Riesenlöwe oder einen deplatzierten Pappgockel zu sehen.

„Aaach eeecht, jetzt schon, naja klar, stimmt“, strahlen und wundern sich dann alle. Wenn Mitte Juli die ersten Zelte hochgezogen werden und neun Wochen lang auf Hochtouren gebaut und dekoriert wird, kommt einem das jedes Mal wieder absurd vor. Nirgends sonst wird ein Volksfest so lange vorbereitet wie in München das Oktoberfest. Es scheint im ersten Moment weltfremd, so, als würden die Eltern den Weihnachtsbaum schon im August aufstellen. Dabei kann eigentlich niemand bestreiten, dass einem die Theresienwiese das ganze Jahr über zwar schön, aber auch sehr nackt vorkommt: Ihr Kleid fehlt.

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Illustration: Julia Schubert



Sobald man sich an den frühen Aufbau gewöhnt hat, weil man begreift, dass eben eine Menge zu tun ist, kommt die Vorfreude. Mit ihr kommen all die Sätze, die zur Zeit des Wiesn-Aufbaus gehören wie der Anstich zum ersten Wiesn-Tag. Schon tausend Mal hat man sie gehört und nickt sie trotzdem jedes Mal so teilnahmsvoll ab, als hätte man sie einfach wieder vergessen: „Das soll ja jetzt alles abgezäunt sein“, und: „Seit diesem Jahr darf man jetzt aber echt nicht mehr drüberspazieren“. Am legendärsten aber ist: „Früher konnte man sich da ja noch in die Baustellenkantine schummeln und das ganze gute Wiesn-Essen für ganz wenig Geld essen.“ Dann erklärt jemand, dass das heute nur noch mit Kantinenausweis geht und den kriegt man natürlich nicht, und dann ist man ein bisschen enttäuscht, so wie man immer enttäuscht ist, wenn man die guten Zeiten gerade verpasst hat. In München gibt es von diesen Die-gute-Zeit-war-vor-meiner-Zeit-Momenten viele, etwa, wenn jemand von Schwabing spricht oder man eine Folge „Kir Royal“ oder „Monaco Franze“ schaut.

Es ist tatsächlich so, dass man die Baustelle offiziell nicht mehr betreten darf. Die Regelung gilt, damit die Münchner begreifen, dass hier nicht für Unbefugte gehaftet wird. Irgendwie schafft man es dann aber doch immer problemlos dorthin, auch ohne sich hineinzuschleichen, schon allein, weil es zwei Querstraßen für Fahrradfahrer und Jogger gibt. Ein Spaziergang mit Freunden über die Baustelle der Wiesn ist deshalb etwas, das man sich jedes Jahr für diese Zeit vornimmt wie das Obazda-Essen im Biergarten.

Selbst jene, die behaupten, die Wiesn sei eigentlich eine ziemlich ätzende, überbewertete Veranstaltung, schlendern gern an der Baustelle vorbei. Denn da sind die saufenden Leute im Bierkrugkostüm noch fern und das ganze Traditionsbuhei liegt so schön dekonstruiert brach. Auf Facebook sieht man zu dieser Zeit einige künstlerisch ambitionierte Bilder von halb aufgebauten Achterbahnen in der Dämmerung, unter denen dann kommentiert wird: „Super Blick, interessante Stimmung.“ Egal wie leicht man das ins Lächerliche ziehen kann: Es hat schon etwas Magisches, vor den amputierten Einzelteilen einer weltberühmten Erlebniswelt zu stehen. Denn in diesem Moment schlummert vor einem in der Dämmerung das ganze Zeug, das später blumenumrankt wird, von Blaskapellen bespielt und gestriegelten Trachtenzügen gefeiert.

Man kann mit einem Fuß auf die klappernden Holzdielen eines Zelts steigen, den schief hängenden Aloisius belächeln. Oder das komische Gefühl genießen, wenn man ganz nah vor den Containern steht, auf den nachlässig draufgesprüht „Ochs“, „Löw“ oder „Deko-Fass 1“ steht und sich alles ein bisschen so anfühlt, als habe man sich im Freizeitpark in den Wartungs- und Reparaturbereich verlaufen. Der ganze Vergnügungszauber ist plötzlich in Rohteile zerfallen und man begreift, dass das ja auch alles nur von jemandem aufgebaut und von jemandem bezahlt wird, dass „Spaß“ hier einfach kalkuliert und verkauft wird. Man kann in der Dämmerung pseudokulturwissenschaftliche Diskussionen über die Architektur des Vergnügens anstellen und sich dem Gefühl hingeben, allen Touristen, besoffenen Zehntklässlern und Neu-Münchnern schon etwas ein klitzekleines bisschen voraus zu haben.

Die Wochen des Aufbaus sind zwar immer auch ein Signal, dass der Sommer zuneige geht. Interessanterweise ist man darüber aber gar nicht traurig. Denn auch zum Wetter gibt es einen jedes Jahr aufs Neue aufgesagten Wiesn-Satz: „Wenn Wiesn ist, ist ja woanders immer schon Herbst. Aber in München bricht dann noch einmal ein goldener Altweibersommer an.“ Diese Münchner Eigenheit wird dann von den Dozierenden noch schwelgerisch auf die Spitze getrieben, damit zum Beispiel, dass dieser Wiesn-Altweibersommer manchmal sogar noch schöner ist als der schönste Sommertag, weil die Luft nämlich nicht mehr stickig ist, sondern glasklar.

Die Zeit des Wiesn-Aufbaus ist deshalb so spannend, weil es eine Zeit der unschuldigen Vorfreude ist, in der alles noch ganz sauber und unverbraucht ist. Die Menschen holen ihre eingemotteten Trachten aus den Kellerabteilen und schmieden Pläne für den Tag des Anstichs. Freunde aus anderen Städten melden sich zum Besuch an und ganz allmählich beginnt alles zu leuchten.

Doch selten bestätigt sich die Redewendung „Vorfreude ist die schönste Freude“ so eindeutig wie jetzt: Der erste Wiesn-Tag ist der Höhe-, aber auch der Wendepunkt dieser Freude. In allen Straßen spürt man den Stolz und wer nicht schon seit fünf Uhr morgens vor den Zelten campiert, bekommt sogar daheim ein bisschen Wiesn-Fieber ab. In den folgenden Tagen aber, wenn die Wiesn in vollem Gange ist, merkt man, dass sie in der Vorstellung wieder schöner war als in echt. Denn an den meisten Tagen ist sie einfach viel zu voll und man selbst irgendwann doch nur genauso besoffen wie die vielen Zehntklässler und die Bier-Pilgerer aus aller Welt. Schlimm ist das nicht: Man gibt sich der Sache hin, wie sie ist, verdrückt sein Hendl, tanzt auf den Bänken und für den Moment ist es gut so. Nach einigen Malen aber wird es zu dreckig und zu laut und die Luft ist dann gar nicht mehr so glasklar, sondern viel zu pappig. Man nimmt sich eine Tüte gebrannte Mandeln mit nach Hause und denkt sich: Jetzt darf gerne wieder abgebaut werden. Der Wiederaufbau kommt früh genug.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Niklas Nau

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