"War hier nicht mal...?"

Bars und Clubs schließen oder ziehen weiter. Die Erinnerungen an sie bleiben aber mit den Orten verbunden, an denen sie mal standen - selbst wenn auf den alten Tanzflächen längst Supermarktregale stehen.
mercedes-lauenstein

Es gibt eine Frage, die man sich als Stadtbewohner häufig stellt. Sie lautet: „War hier nicht mal. . .?“ Man steht zum Beispiel im Arnulfpark an der Donnersberger Brücke in München, hinter einem die brandneue Filiale eines Schweizer Fitnessstudios, vor einem ein architekturmodellgrauer Platz mit Sonnenterrasse und Dean&David-Imbiss. War hier nicht mal das Backstage? Aber wo stand es genau? Sah man, wenn man in der Kassenschlange stand, die Gemäuer des heutigen Freiheiz? Oder war es doch in der anderen Richtung? Kann es wirklich sein, dass man hier damals nach der Party diesen Typen mit diesem Mädchen hat knutschen sehen, und dann noch den Geldbeutel verloren hat und dachte, das Leben sei jetzt endgültig vorbei? All das ist jetzt ausradiert. Oder in der Müllerstraße, wo bis 2010 das Café King war. Früher war dort der spärlich beleuchtete Kickertisch von schwitzendem Tanzpublikum umringt, jetzt stehen Tütensuppen und Dosenerbsen in modernen Supermarkt-Regalen. Wo früher Biertische standen, drängt sich jetzt wie ein raumschiffartiger Fremdkörper das Bürohaus neben das Forum-Café.



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Die Stadt bewegt sich. Immer ist irgendetwas eingehüllt oder durch einen Bauzaun verunstaltet, immer wird irgendwo eine Straße auf- oder ein Haus abgerissen. Man fragt sich, welche makellose Stadt das eigentlich ist, die man auf Postkarten sieht. Ist ein Straßenzug mal ohne Baugerüst zu sehen oder sind die Türme der Frauenkirche mal völlig nackt, überkommt einen gleich ein Ausnahmezustandsgefühl, wie man es sonst nur bei einer Sonnenfinsternis erlebt: So sieht die Stadt also wirklich aus, denkt man dann – und ahnt, dass es natürlich genau andersherum ist.

Eine Konstante im Leben des Stadtbewohners ist deshalb der Rekonstruierungsversuch. Der Schauder, wenn man sich irgendwo schon einmal gewesen wähnt und sich doch nicht genau erinnern kann, weil alles so anders aussieht.

Die Frage „War hier nicht mal. . .?“ tut immer ein bisschen weh: Warum ist man selbst noch da, wenn alles andere weggeht? Darum wird in dieser „Nehmt uns das Vertraute nicht“-Dramatik jedes Mal, wenn sich eine Veränderung ankündigt, erst mal protestiert und geheult, oder wie derzeit nach dem Ende der maroden Ruby-Bar ein Aufstand um drei Kastanien gemacht, von denen München wahrscheinlich mehr hat als jede andere Stadt. Und dann gibt es doch bald wieder etwas Neues. Um das Alte wird es still, bis kaum mehr jemand davon spricht. Der Ort bekommt ein neues Gesicht, das irgendwann ganz selbstverständlich wird. Bis man eines Tages wieder da steht und sich fragt: War hier nicht mal. . .?

Zum zweiten Teil dieser Geschichte ("Hier müsste man doch mal...") geht es hier.


Text: mercedes-lauenstein - Fotos: juri-gottschall

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