Weite Wege, faule Menschen

Warum manches Viertel erstmal kein Szenequartier wird: Ein Interview mit dem Stadtsoziologen Detlev Sträter vom Münchner Institut für Medienforschung und Urbanistik
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Wird es nochmal was mit dem Westend oder Untergiesing? Ein Interview mit dem Stadtsoziologen Detlev Sträter über faule Menschen, den Schutz der Genossenschaften und kalkulierende Gastronomen.

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de München: Im Glockenbach werden die coolen Kneipen inzwischen durch weniger coole ersetzt und die Mieten steigen ins Unbezahlbare. München bräuchte dringend ein neues Szeneviertel. Vor allem das Westend gilt seit Langem als möglicher Nachfolger, doch irgendwie scheint der Prozess auf halbem Weg geendet zu sein. Wird das noch mal was mit dem Szeneviertelstatus?
Detlev Sträter: Ich würde das Glockenbachviertel nach wie vor als Szeneviertel bezeichnen – wenn man denn so einen Ausdruck benutzen will – das aber inzwischen sehr unter Druck unterschiedlicher Nutzerinteressen steht. Im Westend findet ein eher gemächlicher Gentrifizierungsprozess statt. Da müssen Sie ja nur die hintere Schwanthalerstraße entlang gehen und sich die Geschäfte und Lokale ansehen, die es dort inzwischen gibt oder verschwunden sind. So ein Prozess muss aber gar nicht zwingend immer weitergehen, sondern er kann, vielleicht auch nur zwischenzeitlich, zum Stillstand kommen.

Was hat den Prozess im Westend verlangsamt oder womöglich gestoppt?
Erstens spielen strukturelle Widerstände eine Rolle: Das Westend ist in hohem Maße von genossenschaftlichem Wohnen geprägt. Genossenschaften lassen sich durch die Immobilienwirtschaft und Kapitalanleger aber nicht so leicht verdrängen. Genossenschaften wirken einer Mieterverdrängung entgegen. Zweitens gibt es aktive Bürgerinitiativen im Westend, die sich gegen den Wandel wehren.

Das ist für die angestammten Bewohner des Viertels ja erstmal eine gute Nachricht. Aber was ist mit Cafés, Kneipen oder gar Clubs? Wenn das Westend angeblich seit Jahren im Kommen ist, warum gibt es dort noch immer weit weniger Cafés als im Glockenbach und keinen einzigen Club?
Weil ein Cafébesitzer seinen Laden nicht mit der Absicht aufmacht, dass er in ein oder zwei Jahren Umsatz machen wird, sondern ab morgen Umsatz machen muss. Außerdem muss man sehen, dass das Westend eher schlecht erreichbar ist im Vergleich mit anderen Vierteln in der Stadt. Das Westend ist mehrseitig von breiten Straßen umschlossen – und die jungen Leute, die im Westend womöglich Kaffee trinken wollen, wohnen ja nicht alle dort. Das ist übrigens ein Faktor, der bei Untergiesing den Gentrifizierungsprozess wohl ebenfalls verlangsamt hat: Untergiesing liegt von der Innenstadt aus betrachtet auf der anderen Seite der Isar – sie wirkt gleichsam als Hemmschwelle. Das bedeutet unter anderem auch Umwege – und der Mensch vermeidet gerne lange Wege.

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Illustration: Julia Schubert

Detlef Sträter

Was das Westend betrifft, war meine Laientheorie ja bisher, dass die nicht vollendete Szeneviertelwerdung damit zu tun haben könnte, dass die Isar und der Englische Garten, Münchens Draußen-Orte Nummer Eins, so weit weg sind.
Natürlich haben die Isar und der Englische Garten eine hohe Attraktivität, aber ein Szeneviertel definiert sich ja nicht allein durch schöne Parks in der Nähe. Und vom Westend ist der Westpark ja nun auch nicht sonderlich weit entfernt.

Text: juliane-frisse - Bild 1: _nild---photocase.com, Bild 2: privat

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