Wenn Godzilla in die Frauenkirche beißt

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Sebastian Metschls Leben muss ganz schön aufregend sein: Obwohl er fast jeden Abend einen neuen Comic zeichnet, schafft er es nicht, alle Geschichten aus seinem Münchner Alltag zu erzählen, die er gerne teilen würde. Jetzt München hat mit ihm über seine Inspirationen und die Vorteile digitaler Comics gesprochen.
  
 Jetzt München: Deine Facebook-Seite heißt „Comics and Soundtrack of my life“. Ist das eine Art Tagebuch?
 Sebastian: Ja, so hat es angefangen. Das ist einfach eine sehr subjektive Sicht auf München und die Dinge, die ich mit meinen Freunden und meinem Umfeld erlebe. Aber das ist natürlich nicht das wirkliche München. Eher so eine Art Pop-Trash-München.
 

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Illustration: Julia Schubert



 Warum hast du angefangen, dein Leben in Comics festzuhalten?
 Ich habe drei Jahre in England studiert und hatte da ziemlich viele Freunde. Nach meiner Rückkehr habe ich festgestellt, dass es unheimlich viel Zeit kostet, die alle in Telefongesprächen darüber auf dem Laufenden zu halten, was gerade in meinem Leben abgeht. Weil wir in der Agentur, in der ich arbeite, sehr viele Facebook-Apps machen, habe ich dann begonnen, abends zu zeichnen und das morgens auf Facebook hochzuladen. Deswegen sind die Comics auch auf Englisch.
 
 Welche Erlebnisse überträgst du in deine Zeichnungen?
 Die meisten Geschichten basieren auf Dialogen und Spinnereien – was man eben abends so zusammenfantasiert, wenn man rumsitzt, Witze reißt und ratscht. Es gibt viel zu viele Geschichten, die eigentlich erzählt werden müssten, aber aus Zeitgründen nicht erzählt werden. Manchmal sind das sehr banale Sachen. Einmal ist einem Kollegen jemand in sein parkendes Auto gefahren und abgehauen. Dann kam die Polizei, es waren aber keine Spuren am Tatort und wir sind zur Unfallaufnahme gefahren. Die sitzt in einem alten Nazigebäude in Giesing, in der damaligen Zeugmeisterei der NSDAP. Ich hatte das Gebäude vorher noch nie gesehen und nichts über dessen Vergangenheit gewusst. Das sieht aber wahnsinnig einschüchternd aus, und da dachte ich mir: Das wäre doch erwähnenswert.
 
 Die Personen in deinen Comics sind also alle echt. Finden deine Freunde es gut, da aufzutauchen?
 Es gibt Leute, die sich dagegen gewehrt haben. Es gibt auch welche, die gerne rein wollen, aber nicht rein kommen. Manche sind ein bisschen verfremdet – die Zeichnungen haben ja generell einen gewissen Fantasy-Touch. Meine Freunde können natürlich keine Dinge per Berührung zu Leben erwecken. Aber vom Typ her sind die schon alle real.
 
 Wie kommt dieser Fantasy-Touch zustande?
 Wenn ein Godzilla-Film im Fernsehen kommt, denke ich mir: Warum spielt so was immer nur in Tokio oder New York? Wenn ich eine Riesenechse wäre, würde ich mir durchaus mal München anschauen.
 
 Machst du dir Notizen, um nicht zu vergessen, was du zeichnen willst?
 Nein, ich habe eigentlich ein sehr gutes Gedächtnis und ich zeichne ja fast jeden Abend. Außerdem mache ich unterwegs Fotos mit meinem Handy, auf denen viele Comics basieren. So hat sich nebenbei eine riesige Münchner Fotodatenbank angesammelt, mit lauter Bildern, die auf meiner Festplatte herumliegen und darauf warten, verarbeitet zu werden.
 
 Es tauchen sehr oft Insignien des Münchner Lebens auf: Die Frauenkirche, Augustinerflaschen und so weiter. Wie sehr prägt die Stadt dein Leben?
 Die Stadt ist immer Kulisse und beeinflusst mich und meine Zeichnungen sehr. Ich war ja drei Jahre weg, und danach ist man erst mal wieder an so einer Art Nullpunkt. Die Rückkehr nach München war eine ziemlich bewusste Entscheidung. Dieses Gemütliche, die Biergärten, Weißwurstfrühstück in der Arbeit - das ist schon was, das mir gefällt. Ich bin hier zwar aufgewachsen, habe die Stadt nach meiner England-Zeit aber noch mal ganz anders kennengelernt.
 
 Was war denn neu?
 Die Clubs haben sich in den drei Jahren verändert und sind in die Stadt gezogen. Außerdem liegt unser Büro im Schlachthofviertel. Das habe ich komplett neu kennenlernen müssen, da bin ich vorher nie hingegangen.
 
 Deine Zeichnungen zeigen nichts von dem krachledernen, volkstümlichen München. Warum?
 Dieses Lederhosen-München hat mit meinem München nicht viel zu tun. Trachten hängen zwar bei manchen jungen Münchnern im Schrank und werden drei Mal im Jahr ausgepackt. Aber im Alltag spielen sie keine Rolle.
 


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 Du zeichnest regelmäßig Comcis mit dem Titel „Streets of Munich“, die zusammengenommen wie ein Comic-Stadtführer wirken. Welche Straßen hast du dafür ausgewählt?
 Das sind Ecken, die ich gerne mag, die ich zufällig entdecke oder die für mich ein besonderes Stück München sind. Zum Beispiel das Viertel zwischen Hauptbahnhof und Landwehrstraße - das ist schon sehr anders als der Rest der Stadt, repräsentiert für mich aber trotzdem München. Denn wenn ich mir da einen Döner kaufe, dann ist das ein Münchner Döner, und der schmeckt tatsächlich anders als ein Hamburger Döner oder einer aus Berlin. Mir ist auch ein Münchner Türke näher als mancher Berliner. Der Münchner Türke sagt „Oida“ und „Servus“. Ein Norddeutscher lacht, wenn ich da in der Bäckerei Semmeln bestelle. 
 
 Wie lange brauchst du für so einen Comic?
 Zwei bis vier Stunden, das geht eigentlich ratzfatz. Die sind mit dem Grafik-Tablet gezeichnet, es gibt die also alle nur digital.
 
 In den Kommentaren liest man manchmal Fragen, ob man die Comics auch irgendwo offline sehen kann. Hast du so etwas geplant?
 Die Comics sind rein technisch so ausgelegt, dass sie theoretisch gedruckt werden könnten. Aber ich finde, dass die Infrastruktur von Facebook einfach die beste für das Projekt ist. Man kann Leute und Orte taggen und zeigen, dass all das real existiert. Das ginge offline oder auf einem Blog nicht so leicht. Auch die Soundtracks, die dabeistehen, würden wegfallen.
 
 Was für Lieder sind das?
 Das ist Musik, die ich beim Zeichnen höre oder von der ich denke, dass sie dazu passt. Auf einem Comic über die Münchner Surfer ist zum Beispiel ein Lied aus dem Film „Keep Surfing“ verlinkt.
 
Ohne Links und Tags, aber trotzdem toll: Mehr Comics von Sebastian gibt es in Zukunft öfter auf der Jetzt München-Seite in der Süddeutschen Zeitung zu sehen.

Text: christian-helten - Comics: Sebastian Metschl

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