Westend vs. Untergiesing

Angeblich sollen beide Stadtteile seit Jahren das Glockenbach als Szeneviertel ablösen. Aber schaffen sie es überhaupt? Ein Vergleich der ewig Kommenden
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Illustration: Julia Schubert



Das Westend

In drei Schlagworten: Glasscherbenviertel/Monaco Franze/Multikulti-Flair
Einwohnerzahl: 10548 (Stadtteil Schwanthalerhöhe)
Lage: Wer vom Westend spricht, meint meistens eigentlich den Stadtbezirk Schwanthalerhöhe, das Viertel oberhalb der Theresienwiese also, das im Süden, Westen und Osten von Bahntrassen begrenzt wird. Großer Vorteil dieser Lage: Die Nähe zur Wiesn. (Kann auch zum Nachteil werden, zumindest für Bewohner, die auf dem Weg zur Arbeit über eine Bierleiche im Hauseingang stolpern). Das Westend ist vom Hauptbahnhof oder dem Sendlinger Tor schnell zu erreichen. Die Augustiner-Brauerei schickt je nach Windrichtung ihren Duft durchs Viertel. Münchnerischer geht's kaum.
Altersdurchschnitt: 37,3 Jahre
Erste urkundliche Erwähnung als kommendes Szeneviertel: Go, 09/2005: „Die neue Konkurrenz für’s Glockenbachviertel? Das Münchner Westend etabliert sich zu einem multikulturellen, jungen Stadtviertel.“
Die „Kastanienallee“: Eine eindeutige Flaniermeile mit Scharen jungurbaner Menschen gibt es nicht. Die Schwanthalerstraße mutete am ehesten kastanienalleesk an. Hier spaziert man an Klamottenläden, Cafés, karg eingerichteten Architekturbüros und Barista-Equipment-Läden vorbei.
Das sagt der Westend-Bewohner: „Trendviertel? Geh weider!“
Das sagen die anderen: „Da gibt’s doch auch nur das Kilombo.“
Das sagt der Lonely Planet: „There are no major sights, which is just fine because its charms reveal themselves in subtler, often unexpected, ways: on leafy Gollierplatz, for instance, or in hip cafés or pubs. Or in the growing number of artists’ studios and indie boutiques, and the Turkish corner store with its artfully piled produce.“ (2008)
Das sagt die New York Times: „Munich’s newfound livability can be summed up in the Schwanthalerhöhe, a k a the Westend, a mixed-use neighborhood with an attractive blend of artists’ studios, cafes and immigrant communities.“ (2010)
Wer trifft sich hier sonst noch? Der Georg-Freundorfer-Platz ist bei Skatern aus München nur als „der Spot“ bekannt. Mittlerweile ist das Skaten dort wegen Lärmbeschwerden von Anwohnern zwar nicht mehr ausdrücklich erlaubt. Trotzdem: Wenn München so etwas wie ein Zentrum der Skater hat, dann ist es die Schwanthalerhöhe. Skateparks im Feierwerk und auf der Theresienwiese sind nicht weit, im U-Bahn-Zwischengeschoss der Schwanthalerhöhe trifft man sich bei schlechtem Wetter für eine Rail-Session. Und in der Westendstraße hat das kleine Münchner Skate- und Snowboard-Magazin „Irregular“ seinen Sitz (inklusive Klamottenladen).
Freitag, 23.30 Uhr. Was geht? Die naheliegendste Anlaufstelle ist das Kilombo – hier kann man gut ein Bier trinken und irgendwer legt bestimmt gute Musik auf. Einen richtigen Club gibt es aber nicht. Immerhin, in der Kongress Bar gibt’s jeden Freitag Livemusik (ebenso übrigens jeden ersten und dritten Dienstag und jeden zweiten und vierten Donnerstag. Am letzten Samstag im Monat ist Jamsession). Und wenn man Glück hat (oder sich gezielt informiert hat, ist in der IG Feuerwache in der Ganghoferstraße 41 gerade HipHop-Jam. Diese Jams sind immer erstaunlich nett und mit sehr guten Musikern und Münchner Rapgrößen wie Roger Reckless besetzt.
Samstag auf Einkaufstour. Was gibt’s für Möglichkeiten? Menschen auf Klamottensuche werden hier ziemlich sicher fündig, egal ob sie gerne schwedische Designerlabels tragen („Parke 6“) oder in den Angeboten von Second-Hand-Läden wie „Herrenabteilung Damenabteilung“ oder kleinen Modeateliers wie „Judid“ stöbern.
Was es hier nicht gibt: Läden mit „lustigen“ T-Shirt-Motiven. (Gottseidank.)
Anzahl Biosupermärkte: Einer.
Ein ortsunkundiger Hipster hat sich ins Viertel verirrt. Wo findet er Anschluss? Im Neondorn-Store, der Fotostudio, Designbüro, Café, Plattenladen und Modeboutique gleichzeitig zu sein behauptet.
Was der Gentrifizierung bereits zum Opfer fiel: Bisher traf es vor allem kleine Läden, die Neubauten oder Haussanierungen weichen mussten. Bekanntestes Beispiel: Das wegen seiner unübersehbaren Reklame im Viertel als „Döner macht schöner“-Haus bekannte Gebäude in der Schwanthalerstraße 119.
Neueste Errungenschaft: Erst vor einer Woche eröffnete in der Westendstraße „Huij“. Das ist natürlich nicht nur ein Laden, sondern auch eine DIY-Mitmach-Werkstatt, in der gestrickt, gedruckt und gebastelt wird. Damit auch mal Jungs kommen, ist Mittwochs Plattensprechstunde.
Prognose: Es kommt schon, das Westend. Aber immer nur ein kleines bisschen, so dass man gar nicht merken würde, wenn es wirklich irgendwann so richtig da wäre. Was wahrscheinlich nie geschehen wird. Und was total okay ist.

Auf der nächsten Seite: die Szeneviertel-Qualitäten von Untergiesing



Untergiesing

In drei Schlagworten: Boazn/ Löwen / Designbüros
Einwohnerzahl: 12372
Lage: Zwischen Isar und Humboldstraße im Norden und dem Candidplatz im Süden. Mit der U1 ist man sowohl vom Hauptbahnhof als auch vom Stachus und der Fraunhofer Straße sehr schnell hier.
Altersdurchschnitt: 41,4 Jahre
Erste urkundliche Erwähnung als kommendes Szeneviertel: Süddeutsche Zeitung vom 23.6.2006: „Untergiesing und die Au machen sich mit kreativen Boutiquen, Ateliers und Bars auf, ein neues Szeneviertel zu werden.“
Die „Kastanienallee“: Mit sehr viel Optimismus könnte man eventuell die Schyren-/Freibadstraße als die Szenemeile Untergiesings bezeichnen. Dort konzentriert sich mit dem Club-Restaurant „Charlie“ und der Filterkaffee-Schenke „Bald neu“ die Szenegastronomie, so dass hier gelegentlich Flaneure gesichtet werden. Ein Kiosk versorgt sie außerdem mit Getränken, Snacks und Magazinen.
Das sagt der Untergiesinger: „Obacht, Gentrifizierer! Bleibt fei auf der anderen Isar-Seite!“
Das sagen die anderen: „Aber es ist so zentral und die Mieten sind halbwegs okay!“
Das sagt der Lonely Planet: In der aktuell erhältlichen Version von 2008: noch gar nichts. Womöglich wird Untergiesing aber ja in der neuen Ausgabe erwähnt, die Anfang März erscheint.
Das sagt die New York Times: Schweigt ebenfalls noch. Die Kunde vom neuen, kommenden Viertel ist bisher offenbar nur über den Fluss, nicht aber über den Atlantik geschwapppt.
Wer trifft sich hier: Bierfreunde mit Lokalpatriotismus. In Untergiesing kann man unter sehr vielen Boazn und Stüberln wählen. Die Untergiesinger greifen beim Bier bevorzugt zum eigenen Brauerzeugnis, dem hier heimischen Giesinger Bräu.
Freitag, 23.30 Uhr. Was geht? Pech gehabt, wenn du nicht bloß auf ein Bier in eine Boazn, sondern ausgehen inklusive tanzen willst. Denn dann musst du auf die andere Seite des Flusses wechseln. Der einzige Club ist nämlich das besagte Charlie – und der öffnet nur am Samstag Abend.
Samstag auf Einkaufstour. Was gibt’s für Möglichkeiten? Schaut ebenfalls eher mau aus. An Modeboutiquen herrscht eine Knappheit wie an Bananen in der DDR. Für sein Radl findet man dafür bei „Feine Fahrräder“ und in der auf Retro-Modelle spezialisierten „Fahrrad-Zentrale Kropfhamer“ wirklich alles, was man braucht. Und im Anschluss kann man im „Hukodi“ die Bundesligakonferenz hören und sich parallel vom Autor der Basic-Kochbuchreihe Sebastian Dickhaut verköstigen lassen.
Was es hier nicht gibt: Außer dem Fehlen kleiner Boutiquen muss für Sveneviertel-Maßstäbe auch ein auffälliger Mangel an Arthouse-Kinos (0) festgestellt werden.
Anzahl Biosupermärkte: Einer
Ein ortsunkundiger Hipster hat sich ins Viertel verirrt. Wo findet er Anschluss? In der Gastronomie gibt es mit dem „Bald Neu“ optisch ein perfektes Hipster-Café. Allerdings gibt es hier keine Latte Macchiato. Ansonsten könnte er auch einfach an die Fensterscheibe eines der unzähligen Ladenlokale kleiner Designbüros klopfen und um Obdach bitten.
Was der Gentrifizierung bereits zum Opfer fiel: Der Schuhmacher in der Hans-Mielich-Straße, der sich die Miete nicht mehr leisten konnte.
Neueste Errungenschaft: Vor zwei Wochen hat das Restaurant „Essen und Trinken im Sommer“ in der Sommerstraße eröffnet. Die Karte mutet mit Kürbis-Kokossüppchen und Vergleichbarem auch schon sehr aufstrebend an.
Prognose: Im Augenblick ist oben auf dem Nockherberg in Obergiesing mindestens genauso viel geboten wie hier. Das muss ein angeblich angehendes Szeneviertel auch erst einmal schaffen.

Text: juliane-frisse - und christian-helten Collage: Katharina Bitzl

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