Wie ich einmal keine Tickets für das Finale bekam

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Die Dame von der Uefa atmet tief aus. Sie steht in den Arcaden in Riem, dem großen Einkaufszentrum bei der Messestadt West. Ihr Ausatmen ist eine Kombination aus Durchpusten und Seufzen, sie stemmt die Hände in die Hüften. Ihr Blick ist eine Kombination aus Mitleid, Bedauern und Genervtsein. Ich weiß ziemlich genau, was sie denkt. Sie fragt sich, ob ich die Frage gerade ernst gemeint habe. Ob ich entweder wirklich so blöd oder einfach nur dreist bin.

Ich hab diesen Blick in den vergangenen Wochen so oft geerntet, ich bin ihn mittlerweile gewohnt. Die Dame sagt erst mal gar nichts, sondern schaut nach links, wo 20 Menschen ihre Handykameras hochhalten. Vor ihnen steht silbern-glänzend mit großen ohrenförmigen Henkeln der Champions-League-Pokal.

Ich habe die Dame gefragt, ob sie Karten für das Finale am Samstag hat. Ernsthaft. Ich will den Pokal nicht hier bewundern. Ich will den Pott am Samstag im Stadion sehen. Und ich habe alles versucht, damit das klappt.

Vier Wochen vorher: Halbfinale, Madrid gegen Bayern, Elfmeterschießen. Bastian Schweinsteiger versenkt, Jubel, Ekstase, Finale dahoam. In diesem Moment war klar, dass ich Karten bekommen muss. Irgendwie. Ich war bei allen Spielen der K.O.-Phase im Stadion. Jedes Mal hat Bayern gewonnen. Wenn ich im Finale nicht dabei bin, geht es womöglich schief und ich wäre Schuld.

Am nächsten Morgen fahre ich den Laptop hoch, um die Fakten zu checken: 62500 Plätze sind zu haben, 3500 weniger als sonst, weil die Pressetribüne ausgedehnt wird. 7000 Karten hat die Uefa frei verkauft, je 17500 Karten wurden dem FC Bayern und dem FC Chelsea zugeteilt. 20500 Karten gehen an Sponsoren und Uefa-Funktionäre.

Könnte ich eine Akkreditierung bekommen? Ich habe mal für die Saarbrücker Zeitung geschrieben. Also... eher nicht. Bei der Uefa hatte ich mich auf eine 70-Euro-Karte beworben. Absage. Der FC Bayern verlost sein Kontingent unter Vereinsmitgliedern und denen der Fanclubs. Jetzt ist es wohl zu spät, um noch einzutreten.

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Illustration: Julia Schubert



Eine Woche später stehe ich am Odeonsplatz und warte auf meine Mitfahrgelegenheit. In Sachen Karten-Beschaffung bin ich noch nicht weitergekommen. Ich habe mit vielen Freunden telefoniert. Einer kennt jemanden, der bei Adidas eine höhere Position hat, aber selbst der hätte Schwierigkeiten an Karten zu kommen. Während ich überlege, wie viele von den Schönen und Reichen hier auf dem Odeonsplatz wohl eine Karte haben, kommt Simone und fragt, ob ich die Mitfahrgelegenheit nach Saarbrücken sei.

„Wir stehen da vorne“, sagt sie und führt mich zu einem Ford Mondeo mit Kölner Kennzeichen. Ihr Freund Michael sitzt am Steuer, Mitfahrer-Smalltalk. „Ich studiere schon lang nicht mehr“, sagt Simones Freund. „Ich bin Verkaufsleiter für Ford in Süddeutschland.“

Ford! Die sind Champions-League-Sponsor. Und der Typ ist Verkaufsleiter. „Hast du Karten für das Finale?“, platzt es aus mir heraus. Er dreht sich zu seiner Freundin, dann fängt er an zu lachen. „Also, ich gehe hin“, sagt er. Im Rückspiegel sehe ich sein Grinsen.

Zurück in München gehe ich ins größte Ford-Autohaus der Stadt, direkt am Olympia-Einkaufszentrum. Direkt hinter dem Eingang steht ein Focus mit dem Champions-League-Sterneball, es riecht nach Autopolitur. Ich gehe zum Kundenservice. „Entschuldigen Sie, aber haben Sie Karten für das Champions-League-Finale?“ Die Frau hinter dem Schreibtisch verzieht keine Miene und sagt „Einen Augenblick bitte“, als hätte ich nach Ersatzreifen gefragt. Sie schiebt die Maus hin und her, klick, klick. Guckt die ernsthaft nach Karten? Oder spielt sie Solitär? „Wenden Sie sich an den Mann dahinten, der kann ihnen weiterhelfen“, sagt sie schließlich und zeigt auf einen schwarzhaarigen Mann im weißen Hemd. Der wird doch nicht ernsthaft... „Wie bitte?“ antwortet er und setzt direkt einen  mitleidigen Blick auf. „Nein, wir hatten bloß zwei Karten für ein Gewinnspiel. Aber die sind mittlerweile weg.“

Ich schaue auch bei Sony vorbei, einem weiteren Champions-League-Sponsor. Dasselbe Ergebnis, diese Taktik funktioniert wohl nicht. Ebay ist auch keine Option, ich habe nicht mehrere tausend Euro herumliegen. Ich muss zur Quelle. Dorthin, wo wahrscheinlich die meisten Final-Karten in München existieren. Zum FC Bayern an die Säbener Straße.

Es ist Dienstag, die Sonne scheint, 23 Grad. Ich fahre mit dem Fahrrad, unterwegs halte ich an einem Blumengeschäft an und kaufe drei rote Nelken. Wer weiß, vielleicht bringt es was. An der Säbener ist Betrieb, es ist öffentliches Training. Viele Medienvertreter sind da, darunter eine blonde Moderatorin von Sky, die gelangweilt dreinschaut. „Entschuldigung, haben Sie Karten fürs Champions-League-Finale?“ Mitleids-Blick. „Nein hab ich nicht, ich bin an dem Wochenende beim Formel-1-Grand-Prix in Monaco.“ Auch schön. Also die Nelken-Nummer, auf zum Haupteingang. Am Empfang sitzen zwei Damen, eine blonde und eine schwarzhaarige. Ich gehe zur Schwarzhaarigen und stelle die Frage. Ihre Augen werden größer, ihr Mund öffnet sich. „Sie wissen nicht, wie das läuft?“ „Doch weiß ich, ich...“ „Sie haben keine Ahnung, oder?“, sagt sie und hebt dabei die Stimme. Sie erzählt was von einer Million Anfragen und Bewerbungsfristen und dass ich nicht so einfach kommen könnte. Aber ich habe extra Blumen dabei. „Da sind andere schon auf kreativere Ideen gekommen.“

Zwei Tage später laufe ich durch die Münchner Innenstadt. Es regnet, auf dem Pflaster bilden sich Pfützen. Final-Karten sind für mich mittlerweile so weit weg wie der FC Bayern am Samstagabend vom DFB-Pokalsieg. In der Maffeistraße blinkt im Fenster der Hypovereinsbank ein Bildschirm: „Gewinne Finalkarten!“ Okay Fernseher, was muss ich tun? Einen virtuellen Elfmeter schießen. Eine Kamera im Schaufenster überträgt meine Bewegungen von der Fußgängerzone auf ein Männchen auf dem Bildschirm. Wenn ich unter die Punktbesten komme, bin ich bei der Verlosung dabei.

Der erste Elfmeter. Ich stehe mitten im Regen in einer Fußgängerzone und trete ins Nichts. Was ich da mache, ist mit bescheuert noch nett umschrieben. Aber die ersten drei Elfer sind drin. Der virtuelle Torwart ist nicht so gut. Beim Vierten klatscht der Ball an die Latte. Was habe ich falsch gemacht? Hat die Kamera statt meiner Bewegung einen der Fußgänger erfasst? Das darf nicht wahr sein! Der Letzte ist wieder drin, es nutzt mir aber nichts. Zu wenig Punkte.

Ih fahre raus nach Riem. Dort steht der Pokal, und wenn ich nicht zu ihm ins Stadion kann, will ich ihn wenigstens vorher mal aus der Nähe gesehen haben. Er hat überall Kratzer und vorne am Rand ist eine kleine Delle. Die Dame von der Uefa steht immer noch neben mir. Sie hat auch keine Karten bekommen. Sie sagt, dass machen die hohen Tiere im Verband unter sich aus.

Sollen sie halt, müssen sie eben ohne mich auskommen. Wenn der FC Bayern verliert, weil ich nicht im Stadion war, soll aber nachher keiner kommen und sich beschweren.


Text: martin-schneider - Illustration: Katharina Bitzl

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