Wiesn der drauf?

Tracht stärken und Schnupftabak kaufen oder doch noch schnell flüchten? Jeder bereitet sich anders aufs Oktoberfest vor. Eine Typologie.
Text: Christian Helten und Jakob Biazza, Illustrationen: Joanna Swistowski
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Collage: jetzt.de

Auf dem Oktoberfest ist jeder irgendwann, wie er ist: voll oder maßvoll, spendabel oder knauserig, immer präsent oder doch eher reserviert. Gleiches gilt für die Vorfreude. Eine Typologie der Gestalten, die dir – als Jungs oder Mädchen – in der nächsten Zeit auf jeden Fall wieder begegnen werden.

Der Reumütige

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Illustration: Julia Schubert

Die Gemütslage in den Wochen vorm Anstich:

Sein Handy und größere Teile seines Geldbeutels wurden im vergangenen Jahr wohl zusammen mit dem Schottenhamel eingepackt. Seine Freunde schicken einander außerdem noch immer Bilder vom „münchen-kotzt“-Tumblr, auf dem er vergangenes Jahr zu sehen war. Kurzum: Den Schmarrn macht er heuer nicht mit! Er begegnet dem anstehenden Fest also mit gezwungener Gleichgültigkeit, die leicht zum Grant gegenüber den ständigen Fragen von Freunden tendiert, wann man denn über die Wiesn ziehe. Schließlich hat er sich doch klar geäußert.

An diesem Satz erkennst du ihn:

„Nein bedeutet nein!“

Das ist der Plan:

Endlich mal Zeit für das, was wirklich glücklich macht! Kur statt Kater! Sollen die anderen sich doch zuschütten und ihre Telefone verlieren. Dann rufen sie ihn wenigstens nicht ständig an, um „Das rote Pferd“ aus dem Zelt auf die Mailbox zu grölen, zusammen mit der Frage, wo er denn bleibe. Stattdessen: Lesen, Radlausflüge und am Wochenende früh raus – Wandern!

So sehen die Vorbereitungen aus:

David Foster Wallaces „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ bereitlegen. Wanderstiefel aus dem Keller holen.

So erlebt er den Anstich:

Auf dem Gipfel des Heimgarten. Fast hätte er ihn sogar vergessen. Wären da nicht die vielen SMS von den Freunden, die seit morgens am reservierten Tisch auf den Anstich warten, Schafkopf spielen, schnapseln und immer noch nicht glauben können, dass er dieses Jahr nicht dabei ist...

Und dann:

...erwischt es ihn am zweiten Wochenende. Da wiegt er sich schon in Sicherheit ob der beeindruckenden Konsequenz, mit der er alle Einladungen abgewehrt hat. Und zack – „Komm, einmal rüberschlendern. Hendl und Spezi in der Sonne! Gebrannte Mandeln, du magst doch gebrannte Mandeln“ – ist er verloren: Ein Spezi, zwei Radler und sieben Maß später verabredet er sich für den nächsten Abend. „Diesmal aber Augustiner!“

Der Airbnb-Hai

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Illustration: Julia Schubert

Die Gemütslage in den Wochen vorm Anstich:

Freudig erregt, routiniert geschäftig. Bald kommen wieder die vielen Wiesn-Besucher, denen er den dritten Raum seiner Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung teuer für ein paar Tage untervermieten kann. Er wittert Geld und will noch mehr rausschlagen als im Vorjahr – mehr aus sportlichem Ehrgeiz denn aus echter Gier.

An diesem Satz erkennst du ihn:

„Nach dem ersten Wiesn-Wochenende hab ich eine Monatsmiete drin.“

Das ist der Plan:

Schnelles Geld, quick and dirty. Klar sind britische Bauchhaare in der Dusche eklig. Aber solange der Vermieter keinen Stress macht, geht er aus der Nummer schließlich mit mächtig Gewinn raus.

So sehen die Vorbereitungen aus:

Profil pimpen: Die Wohnung „im Münchner Westen“ (Neugilching), „zentrumsnah und mit guter Verkehrsanbindung“ (Feldmoching) oder „direkt am Flughafen“ (Oberpfaffenhofen) mit guten Bildern (von Bier anstelle der fensterlosen Kammer; Topfpflanzen helfen auch) anpreisen. Vor Ankunft der Gäste: teuren Schnaps wegsperren. Kleine Adresskärtchen drucken, die die Gäste dem Taxifahrer geben können.

So erlebt er den Anstich:

Zu Hause. Eigentlich wollte er ja schon hin, aber jetzt muss er auf Jimmy und Ethan warten, die dachten, der Flughafen „Munich West“ sei doch irgendwie näher an der Stadt.

Und dann:

„Dirty“ stimmt – schnell geht nix. Denn natürlich werden Jimmy, Ethan und ein seltsamer Typ, den alle nur als Tito kennen und der seit dem ersten Abend auch an wechselnden Orten in der Wohnung übernachtet hat, ihren Flieger verpassen und sich noch zwei Nächte einnisten.

Der Marathon-Mann

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Illustration: Julia Schubert

Die Gemütslage in den Wochen vorm Anstich:

Grenzenlose Euphorie! Der Tisch ist seit Oktober 2012 reserviert, auf dem Facebook-Profil zählt ein Countdown in Sekundenschritten runter. Auf dem iPod läuft Polts Sketch „Attacke auf Geistesmensch“ auf Repeat.

An diesem Satz erkennst du ihn:

„MC Harras is gegen mi a Weichei.“

Das ist der Plan:

Höchstens einmal aussetzen. Minimalziel: zwölfmal „’nausgehen“.

So sehen die Vorbereitungen aus:

Er hat sich zwei Wochen Urlaub genommen und der Katze ausreichend Trockenfutter für mindestens zehn Tage in den Napf gekippt. Die Aspirin-Monsterpackung, die er bei der Tante aus den USA bestellt hat, steht auf dem Nachttisch (neben den Kondomen). Der Schnupftabak ist in der Krachledernen deponiert, alle zwölf Trachtenhemden liegen gestärkt in Reih und Glied bereit wie eine kleine Armee.

So erlebt er den Anstich:

Verschwommen. Er hat schon seit morgens am reservierten Tisch auf den Anstich gewartet, Schafkopf gespielt und geschnapselt. Nachdem er seine erste Maß bekommen hat, schreibt er eine SMS an seinen Kumpel, der sich in den vergangenen Wochen ganz komisch benommen hat und heute aus unerklärlichen Gründen auf den Heimgarten gewandert ist.

Und dann:

Geht’s weiter. Nach vier Tagen begrüßen ihn die Bedienungen mit Vornamen und setzen sich her, wenn kurz mal Zeit ist. Nach sieben Tagen hat er vier Mal geknutscht – bei einem Abend ist er sich nicht mehr so sicher. Nach neun Tagen hat er keine Stimme mehr. Der Rest der Wiesn verschwimmt zu einem wohligen Erinnerungsbrei mit Bildern weiß-blauer Bierzelthimmel, Dirndl-Ausschnitten und Jauchzen im Kettenkarussell. Am Ende bleiben übrig: ein leeres Konto, ein paar zerknitterte Schießstandrosen auf dem Kleiderhaufen in seiner Zimmerecke und Krümel von gebrannten Mandeln in allen Hosentaschen.

Der Auswärtige

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Illustration: Julia Schubert

Die Gemütslage in den Wochen vorm Anstich:

In freudiger Erwartung und etwas nervös. Eigentlich kommt er aus der Nähe von Bad Fallingbostel, lebt aber seit vielen Jahren in Berlin und trägt seither Bart, Holzfällerhemd und grellbunte Turnschuhe. Es ist das erste Mal für ihn, und er hat schon viel von „diesem Oktoberfest“ und der Maß (sprich: „Maahß“) gehört.

 

An diesem Satz erkennst du ihn:

„Ich bin sehr gespannt, wie diese Wiesen sind!“

 

Das ist der Plan:

So, wie er sonst berlinerischer als jeder Berliner ist, will er für ein Wochenende bayerischer als jeder Münchner sein. Der Satz „No a Maß!“ klingt bei ihm allerdings noch nach einer asiatischen Grußformel.

 

So sehen die Vorbereitungen aus:

Tracht kaufen. Ist ganz leicht: „Habe ich alles komplett für 100 Euro bekommen! Sieht total echt aus, oder?“ Unterkunft besorgen. Ist nicht so leicht: Er hat die zwei Münchner angeschrieben, die er von seinem Island-Trip kennt – ohne Antwort. Zum Glück kommt er in letzter Sekunde bei einem echt netten Typen unter, der „zentrumsnah und mit guter Verkehrsanbindung“ ein Zimmer für ein paar Tage vermietet.

 

So erlebt er den Anstich:

Am Mandelstand, weil sein Kumpel und er nicht glauben wollten, dass man wirklich um 8 Uhr vorm Zelt stehen muss, wenn man auch nur den Hauch einer Chance haben will reinzukommen.

 

Und dann:

So richtig glücklich wird er nicht auf der Wiesn. Er und sein Kumpel kämpfen zwei Stunden um Einlass, verlieren einander währenddessen zwei Mal im Gedränge und setzen sich schließlich, wütend aufeinander, das Oktoberfest, die unfreundlichen Bedienungen und Bayern insgesamt, in den Biergarten der Knödelei. Weitere markante Momente des Wiesnwochenendes: die Beinahe-Schlägerei, in die er vor dem „Breakdancer“ verwickelt wird. Die Enttäuschung darüber, dass um 23 Uhr wirklich schon Schluss ist. Die Freude über das Adresszettelchen, das er in seiner Hosentasche findet, als er mit der Fahrrad-Rikscha nach Hause fahren will.

 

Der Ohne-mich-Typ

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Illustration: Julia Schubert

Die Gemütslage in den Wochen vorm Anstich:

Erhabene Gleichgültigkeit. Die Wiesn existierte für ihn nur in der Zeit, in der er in der Nähe der Theresienwiese gearbeitet hat und es morgens schlechter und nachmittags besser roch als sonst. Ansonsten spielt höchstens noch ein kleiner Anteil Verwirrung mit hinein, weil ihm einfach nicht in den Kopf will, warum erwachsene Menschen sich aktiv Magenverstimmungen holen, weil sie mit etwas fahren, das „Wilde Maus“ heißt.

 

An diesem Satz erkennst du ihn:

„Ich hab’ Angst vor großen, besoffenen Menschenmengen – Bier mag ich auch nicht.“

 

Das ist der Plan:

Kein Plan. Das Leben geht weiter wie vorher. Ein Freund hat ihm aber gerade ein Foster-Wallace-Buch empfohlen: „Lese ich gerade. Das passt zu dir!“ Vielleicht da mal reinblättern?

 

So sehen die Vorbereitungen aus:

Lauschige Abende zu Hause planen. Vorm Kamin schmeckt der Rotwein um diese Jahreszeit schließlich schon besonders gut.

 

So erlebt er den Anstich:

„Ach, war der dieses Wochenende? Und?“

 

Und dann:

Muss er doch einmal hin. Weil Besuch aus Barcelona kommt. Widerwillig führt er den also herum, geht ins Hofbräuzelt und erklärt, was er irgendwann aufgeschnappt: dass die Krüge eine Sollbruchstelle haben etwa. Oder dass die Bedienungen pro verkauftem Bier bezahlt werden. Gegen 18 Uhr erwähnt er den Kumpel, der gleich bei einer Vernissage in Schwabing auflegt. Ob man nicht lieber da noch vorbeischauen wolle?

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