Wo der Fleischpackerlexpress hält

In München nennt sich vieles Park - ohne eine einladende Wiese vorzuweisen! Eine kleine Entdeckungstour zum Start der Freiluftsaison.
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Der Frühling ist da und alle rennen in die Stadtparks, um ja keinen der ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres zu verpassen. Neben Vorzeigeparks wie dem Englischen Garten oder dem Park des Nymphenburger Schlosses begegnet man in dieser Stadt aber auch immer wieder Vertretern der Gattung "Park", in denen man keine Slackliner oder Trommler trifft. Dahinter verbergen sich häufig Neubaugebiete, Einkaufszentren oder Büroflächen. Wir haben fünf von diesen Parks besucht, um herauszufinden, was genau sie eigentlich zu bieten haben.



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Kustermannpark
Status: Der Versuch, einem unattraktiven Brachgrundstück an der Bahntrasse ein wenig modernen Büroglamour anzudichten.
Lage: Für ein Gelände, das damit wirbt, zentral gelegen zu sein, könnte die Lage innenstädtischer sein. Doch wer den nahegelegenen V-Markt als Einkaufsmöglichkeit, den direkten Zugang zum Ostbahnhof für den Fernverkehr und die umliegenden Plattenbauten als Zeichen von pulsierender Urbanität schätzt, kann sich hier sicher wohlfühlen. Wie man vor diesem Hintergrund den parkeigenen Werbespruch "Keine Kompromisse" verstehen soll, bleibt unklar.
Das gibt es dort zu sehen: Entgegen eigener Geländebeschreibungen nichts, was mit ruhig und grün zu tun hat. Dafür viele Büros, eine Kinderkrippe namens Kita Pünktchen, jede Menge Beton und dann und wann einen einsamen Kaktus auf einem Fensterbrett.
Hauptattraktion: Sucht man eher lange. Es könnten die moderne, in weiß gehaltene Cafeteria im Erdgeschoss oder die Kantine im ersten Stock mit Blick auf die Hochspannungsleitungen der Bahn sein. Essen oder Kaffeetrinken kann dort jeder, wenn er sich vorher am Automat eine Gästekarte zieht, doch dafür gibt es eigentlich keinen Grund. 




Arnulfpark
Status: Ein seit 2004 entstehendes Wohn- und Bürogelände, das von sich behauptet, Manhattan-Feeling anbieten zu können.
Lage: Im zentrumsnahen Westen, auf dem Gelände des ehemaligen Containerbahnhofs zwischen Hacker- und Donnersbergerbrücke.
Das gibt es dort zu sehen: Von der thematischen Anlehnung an die antike Symbolik der Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft, mit der das neue Wohn- und Büroflächenareal beschrieben wird, jedenfalls nichts. Stattdessen eröffnet sich einem hier jedoch ein hervorragender Panoramablick auf die Stammstrecke der S-Bahn, ein paar spielende Kinder und eine Restaurantbar mit dem vielversprechenden Namen Pompidou. So sieht es wohl aus, wenn ein Stadtteil neu entsteht.
Hauptattraktion: Definitiv das Gelände des Freiheiz, einem alten Heizkraftwerk, in dem heute Konzerte und sonstige Kulturveranstaltungen stattfinden. Ansonsten könnte man hier noch den Tengelmann an der Donnersbergerbrücke hervorheben, der mit einer erstaunlich großen Palette nie zuvor gesehener Drogeriemarktprodukte und Neunzigerjahre-Spielwaren wie Tiersammelbildchen oder Erbsenpistolen auftrumpft. 
 


Arabellapark
Status: Die Überreste städtebaulicher Zukunftsvisionen längst vergangener Zeiten.
Lage: Im Osten, zwischen der Richard-Strauss-Straße und Mittleren Ring, U-Bahn Station Arabellapark.
Das gibt es dort zu sehen: Die Achtzigerjahre. Das liegt nicht nur an der Architektur, sondern auch an den in der Zeit stehengeblieben Läden, Cafés und Sektbars, die Namen tragen wie Mona, Rosys Welt oder Fashion for Girls and Women. Auch Menschen und Hunde, die hier unterwegs sind, umweht ein merkwürdiger Charme des Vergangenen. Nicht zu verachten ist außerdem das Cadillac Kino in der komplett betonierten Fußgängerzone, das aussieht wie sein Name: glänzend und amerikanisch.
Hauptattraktion: Gibt es leider nicht mehr. Im Keller des Sheraton Hotels lagen einst Giorgio Moroders Musicland-Studios, in denen in den Siebziger- und Achtzigerjahren die bedeutendsten Musiker der Welt ihre Platten aufgenommen haben, unter ihnen die Rolling Stones, Led Zeppelin, Queen, Iggy Pop und Elton John. Leider wurden die Studios aufgelöst, als Mitte der Achtziger die zweite U-Bahn-Trasse zum Arabellapark gebaut wurde und der Lärm saubere Tonaufnahmen unmöglich machte.



Euroindustriepark
Status: Vielseitiges Gewerbegebiet mit ausgeprägtem Rotlichtambiente. Was sich in anderen Städten über die gesamte Stadt verteilt, sammelt sich aufgrund Münchens Sperrbezirkregelung hinter Großbäckerei und Fahrradmarkt im Nicht-Ort Industriepark.
Lage: Ein offensichtlich amerikabegeisterter Mann namens Anton Ditt kaufte in den Sechzigerjahren von der Deutschen Bahn ein großes Gelände in Freimann, um am nördlichen Rand der Stadt ein Gewerbegebiet anzusiedeln, wie es sonst nur in den USA üblich war. Daraus ist der heutige Euroindustriepark entstanden. Von den U-Bahnstationen Kiefergarten und Am Hart fährt ein eigener Einkaufsbus bis direkt vor den real-Markt, von Kennern auch der "Fleischpackerlexpress" genannt.
Das gibt es dort zu sehen: Riesige Einkaufsmärkte wie Toys'R'Us, real, Metro, Radl Bauer, diverse Tankstellen, Münchens Hausmeisterwelt, Gauselmann-Spielautomaten, den italienischen Großmarkt Feinkost Spina und mindestens hinter jeder Ecke ein Mon Cherie, ein Lamour oder eine Rote Laterne.
Hauptattraktion: Liegt nicht mehr ganz auf dem Gelände, hat aber auch mit Einkaufen zu tun: Direkt angrenzend findet drei Mal wöchentlich einer der größten Münchner Floh- und Antikmärkte statt.




Parkstadt Schwabing
Status: Ein Wohngebiet mit Büros in Hochhäusern, in dem die Straßen bedeutungsschwanger nach großen Gestaltern und Bauhaus-Designern wie Wilhelm Wagenfeld und Marcel Breuer benannt wurde. Wohl um jeden Zweifel aus dem Weg zu räumen, dass hier zeitlose Architektur entstehen könnte.
Lage: Im Norden, zwischen Autobahn, Mittlerem Ring und Domagkstraße. Zu erreichen mit einer der neuesten Tramlinien Münchens: der 23.
Das gibt es dort zu sehen: Seit hier am Heimkehrerendspurt einige der höchsten Gebäude Münchens stehen, wird man auf der Autobahn aus Richtung Norden stets von einer für Münchner Verhältnisse weltstädtischen Skyline begrüßt. Die Bürokomplexe tragen hier Namen wie m.pire oder Highlight Towers und alle paar Meter begegnet man Umrissen von großen, weißen Würfeln, die von Drahtseilen durchzogen sind, an denen eines Tages vermutlich Pflanzen hochwachsen sollen. Bis es soweit sein wird, besteht dieser Park aus drei einsamen Birken.
Hauptattraktion: Die Parkstadt Schwabing ist vermutlich der einzige Ort in München, an dem die Straßenbahn dort fährt, wo gar keine Straße ist und sogar auf einer Brücke den Mittleren Ring überquert. Für dieses spektakuläre Erlebnis wurde eigens eine neue Tramlinie gebaut.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: Juri Gottschall

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