Zwischen Ratten und Kindergartenkindern

Im Proberaum: Die Band Candelilla übt im Keller der Glockenbachwerkstatt. Dort bekommen sie eigentlich ständig Besuch von gebetenen und ungebetenen Gästen.
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Im Proberaum schlägt das Herz einer Band. Hier entstehen die Songs, die eines Tages vielleicht jeder mitsingen kann. Deshalb besuchen wir regelmäßig junge Münchner Musiker in ihren Proberäumen. Heute erzählen Candelilla, bestehend aus Mira (26), Sandra (35), Rita (26) und Lina (23), von ihrem Raum in der Glockenbachwerkstatt.

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Illustration: Julia Schubert



Aus unserem ersten Proberaum sind wir wegen „exorbitanter Vermüllung“ rausgeflogen. Unser Vermieter, ein Sozialpädagoge, schrieb uns das in einem Brief. Eigentlich war er sehr nett, darum sind wir dann irritiert, aber stolzen Hauptes mit Sack und Pack abgezogen. Als wir unsere Sachen abholten, trafen wir ihn noch einmal. Er sagte erschrocken: „Was macht ihr denn, ich meinte das doch gar nicht so, das war doch nur eine sozialpädagogische Maßnahme, als Verwarnung gedacht!“ Aber es war zu spät.

Danach probten wir eine Zeit lang in einem zu Bandräumen ausgebauten Teil einer Tiefgarage am Frankfurter Ring. Die Gegend ist schlecht zu erreichen und wenn du nachts um drei nach einem Konzert dein Equipment nach Hause bringst, ist es schon ein bisschen gruselig dort. Außerdem hörte man die anderen Bands ständig sehr laut proben, deshalb waren wir sehr froh, als Sandra 2007 neu in die Band kam und den absoluten Glücksgriff mitbrachte: unseren heutigen Proberaum in der Glockenbachwerkstatt.

Den Raum teilen wir derzeit mit drei anderen Bands und einer Solomusikerin. Stress gibt es sehr selten, wenn etwa alle Bands auf einmal eine neue Platte produzieren wollen. Wir zahlen nur 120 Euro im Quartal, dafür dürfen wir an unseren Probetagen so lange hier sein, wie wir wollen, theoretisch auch bis fünf Uhr früh. Wenn man nach der Arbeit reinkommt, gibt es oben in der Bar meistens was Günstiges zu essen. In der Glocke passiert sowieso so viel Kultur! Wir sind da immer mittendrin, das ist unbezahlbar. Wir hoffen inständig, dass wir noch lange hier bleiben können.

Wir proben sehr intervallsmäßig. Zuletzt haben wir viel geübt, gut drei bis vier Mal die Woche, weil wir im April von Berlin bis nach London getourt. In ruhigeren Zeiten lässt das dann wieder nach. Da wir schon so lange zusammen Musik machen, gibt es eigentlich nie Streit um die Termine. Und wenn wir uns zum Proben verabreden, ziehen wir sie durch und halten uns nicht mehr so lange mit Quatschen auf wie früher.

Hier unten ist schon sehr viel passiert, vor allem emotional ist das so richtig „unser Raum“. Wir haben hier immerhin unser komplettes letztes Album geschrieben. Es kommt vor, dass hier Leute ein Bier mit uns trinken, es gab auch schon kleine Partys hier unten, aber nicht geplant, sondern es hat sich dann einfach ergeben. Richtig lange möchte man hier unten aber eigentlich gar nicht sein, denn weil der Glockenbach direkt unter uns durchfließt, ist es hier oft feucht. Im Sommer wird die Luft manchmal zum Reinbeißen dick, da ist man hinterher fast nass. Und man riecht auch modrig, jeder, den man trifft, sagt: „Ah, du warst wieder im Bandraum“.

Es ist hier sehr ordentlich. Vom Chaos, das in unseren ersten Proberäumen herrschte, ist hier nichts mehr zu sehen. Es nervt einfach, wenn man stundenlang nach einem Kabel suchen muss. Sandra neigt dazu, immer zu putzen, wenn wir zu einem Konzert los wollen, weil dann endlich mal alles leer ist. Im Aufräumrausch schmeißt sie gerne alles weg.

Toll ist, dass oft Leute reinkommen, weil sie mal gucken möchten, wer da so laut Musik macht. Das kann anstrengend sein, wenn man gerade an einem intimen Song schreibt, aber meistens ist es schön. Oben im Hof ist außerdem ein Kindergarten. Manchmal kommt es vor, dass eine ganze Kinderschar oben am Kellerfenster steht, klatscht, tanzt und ganz viele Fragen stellt. Manchmal sieht man statt Kindern aber auch nur ein paar Ratten. Eine Zeit lang kam immer der „Steinemann“, so ein Typ, der uns immer Glückssteine geschenkt hat. In Wahrheit hat er darauf spekuliert, mal unsere Instrumente spielen zu dürfen, glauben wir.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: juri-gottschall

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