1,5 Millionen Lieder – ganz umsonst

Constantin und sein Münchner Start-Up „roccatune“ wollen weltweit für Furore sorgen, in dem sie der Musik im Netz wieder Wert geben
dirk-vongehlen

Vielleicht kann man die Arbeit von Constantin Thyssen am ehesten mit der eines Eheberaters vergleichen. Der 31-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Beziehung zu kitten, in der es in den vergangenen Jahren nicht gerade harmonisch zuging: die Beziehung zwischen der Musikindustrie und ihren Kunden. Böse Worte sind da gefallen. Von Raubkopierern war auf der einen Seite die Rede, von Menschen also, die für Musik nicht mehr bezahlen wollen, sondern sie kostenlos aus dem Netz laden und so für Umsatzrückgänge bei der Musikbranche verantwortlich seien. Auf der anderen Seite sprach man von Trägheit und von der Unfähigkeit, sich auf eine neue Situation einzustellen. Die Musikindustrie habe die Chance des Internets verschlafen und mache jetzt die Nutzer dafür verantwortlich, in dem sie ihre potenziellen Kunden verklage. Kurzum: Eine glückliche Beziehung sieht anders aus. Doch Constantin Thyssen glaubt, dass es eine Lösung geben kann für die verfahrene Situation, in der sich die Musikindustrie derzeit befindet. Er sitzt in einem schwarzen Ledersessel im obersten Stock eines schönen Altbaus in der Münchner Liebigstraße. Auf seinem Schoß liegt eine Tastatur, über die er kabellos einen großen Flachbildschirm steuert. Dort zeigt Constantin Thyssen den Ort, auf dem sich Musikindustrie und Endverbraucher zukünftig treffen sollen: die Website roccatune.com Singen statt streiten Das Angebot, das Constantin mit einer kleinen Gruppe Programmierer und Grafiker gegründet hat, soll die Musikindustrie und ihre Kunden wieder zusammenführen. Als „Europas erstes kostenloses, legales und vollinteraktives Musikportal“ beschreibt die Pressemitteilung das Angebot, das von München aus weltweit für Furore sorgen will. Auf roccatune.com kann man über 1,5 Millionen Lieder anhören, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen. Alle Einnahmen, von denen Plattenfirmen, Musiker und nicht zuletzt Constantin und die anderen acht Mitarbeiter des Start-Ups bezahlt werden, sollen aus Werbung kommen. „Das ist eine Innovation“, sagt Constantin, „nicht nur für die Nutzer, sondern auch für die Musikindustrie und die Werbewirtschaft.“

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Illustration: Julia Schubert

Damit, so viel steht schon wenige Wochen nach dem Start von roccatune fest, hat Constantin in jedem Fall Recht. Immerhin haben sich die Münchner mit ihrem Angebot bereits den Unmut von Apple verdient. Die Computerfirma ist mit dem Online-Plattenladen iTunes der Platzhirsch in Sachen Musik und Internet. Sie drohte Anfang des Jahres mit rechtlichen Schritten, sollten Constantin und sein Team den ursprünglichen Namen adTunes weiternutzen. Diesen Ärger wollte man in München vermeiden und verbreitet das eigene Angebot seitdem unter dem Namen roccatune. Aber Apple, da ist sich Constantin sicher, hätte sich die Mühe nicht gemacht, sich mit seinem kleinen Start-Up zu beschäftigen, wenn darin nicht eine Option für die große Zukunft stecken würde. Wenn Constantin Thyssen über die Zukunft spricht, vermeidet er Begriffe, die bei anderen Start-Ups gern genutzt werden. In der Altbau-Wohnung mit Parkettboden und Kronleuchter im Treppenhaus hört man eher sachliche und ruhige Töne. Das kann einerseits daran liegen, dass Constantin und sein Team nicht über so genanntes Venture Capitel finanziert und deshalb in der Start-Up-Szene nicht so vernetzt sind. roccatune hat einen privaten Geldgeber, den Constantin beim gemeinsamen Besuch auf dem Oktoberfest von der Idee überzeugt hat, in dem zerrütteten Verhältnis Musikindustrie/Endkunde Geld zu verdienen. Mehr verrät er darüber nicht. Stattdessen bemüht er sich, möglichst ausgewogen zu sprechen. Er will weder die Musikindustrie noch die Kunden für die aktuelle Krise verantwortlich machen. Er sagt einerseits: „Die Menschen, die heute so um die 20 sind, sind es gewöhnt, dass Musik überall kostenlos verfügbar ist. Das kann man beklagen, aber wenn man sie erreichen will, muss man das bedenken.“ Andererseits sagt er aber auch: „roccatune tut der Musikindustrie einen Gefallen. Wir wollen wieder ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Musik auch einen Wert hat, dass man sie nicht einfach so runterladen kann.“ Beide Sätze klingen wie einfache Wahrheiten. Aber allein dass Constantin sie sagt, kommt einer Innovation in dieser kriselnden Beziehung gleich. Der Mann, der 1999 während seines Betriebswirtschafts-Studiums mal kurz bei einer Plattenfirma arbeitete, gründete 2002 ein Unternehmen, das er music4brands nannte. Dabei entwickelte er individuelle Webradios für Markenprodukte, anschließend bot seine Firma Kunden auch so genannte Shop-Lösungen an. Sogar Stefan Raabs Online-Musikgeschäft plattenladen.de zählte zu seinen Kunden. Doch Constantin wirkt sehr skeptisch, wenn er über diese Zeit spricht. „Es ist schon ein extrem schwieriges Business, Musik im Internet zu verkaufen“, sagt er. „Das scheitert oft schon daran, dass viele Nutzer unter 18 einfach keine Kreditkarte haben und deshalb in den Shops gar nicht bezahlen können.“ Aus diesen Erfahrungen und mit seinen Kontakten, die er in den Zeiten von music4brands knüpfte, entwickelte er die Idee zu roccatune. Dabei war der Start nicht ganz einfach. „Anfangs habe ich mich über jede Antwort-Mail, die ich von einer Plattenfirma bekam, riesig gefreut“, erinnert er sich an eher arrogante Reaktionen, die seine Vorschläge zu Beginn hervor riefen. Mittlerweile hat Constantin drei der vier großen Majorlabel als Kooperationspartner für die Plattform gewonnen und kann so deren Musikkatalog anbieten. „Das Ziel ist es, einen Ersatz für die private Musiksammlung zu bieten. Du musst keine Songs mehr auf deinem Rechner haben, du kannst sie ständig online anhören.“ Kultur statt Reklame Damit das funktionieren kann, spielt roccatune alle drei bis vier Lieder einen Werbespot oder ein kurzes Reklame-Video. Dabei versteht Constantin die Firmen, die roccatune für diese Form der Reklame gewinnen muss nicht als Anzeigenkunden, sondern als „Kultursponsoren“. Sie ermöglichen es den Nutzern, kostenlos Musik hören zu können. „Das ist eine Innovation in der Online-Vermarktung“, sagt er. Werbung werde als angenehm, nicht länger als störend empfunden. Ob das wirklich so kommt, wird sich erst erweisen müssen. Denn es könnte ja auch ganz nützlich sein, wenn die Nutzer die Werbung als störend empfinden. Dann wären sie vielleicht bereit, doch wieder Geld für Musik auszugeben – wenn sie dafür die Werbe-Unterbrechungen ausblenden könnten. Constantin Thyssen will über diese Option noch nicht reden. Ihm geht es aktuell um das Wachstum seiner Website und um die Neugestaltung der Startseite, die er vor kurzem online gestellt hat. Weitere Pläne für die Zukunft nennt er noch nicht. Aber das ist vielleicht für einen Eheberater gar nicht ungewöhnlich. Warum sollte er schon über gemeinsame Urlaube der zerstrittenen Partner im kommenden Jahr nachdenken, wenn es erstmal darum geht, eine gemeinsame Gesprächsgrundlage zu schaffen. Auf die konzentrieren sich Constantin und seine Kollegen in der Münchner Liebigstraße derzeit. Sie heißt roccatune.com. Mehr über das Thema Musik im Internet gibt es im Themenschwerpunkt „Urheberrecht“ unter jetzt.de/urheber

Text: dirk-vongehlen - Foto: Holly Pickett

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