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Schreiben für jetzt ging immer einfacher als für alle anderen. Schwer zu sagen warum. Man stellt sich vor dem leeren Computerbildschirm ja doch ein Gegenüber vor, einen Menschen, dem man den nächsten Artikel erzählen will. Bei jetzt war das jemand, der einen sofort verstand. Mit den üblichen journalistischen Floskeln, den festgelegten Formen zur Vermeidung des Wesentlichen durfte man ihm nicht kommen. Es half also nichts, man musste sich selbst in diesen Texten zeigen – und wenn das mal klar war, schrieben sie sich dann oft wie von selbst. Die jungen Leser, die ebenfalls in jetzt zu Wort kamen, in den Wortprotokollen, die „Warten auf“ hießen, besonders aber in der Lebenswert-Liste, zeigten auch immer etwas von sich selbst. Und es war faszinierend, wie einen aus einem „Lebenswert“-Halbsatz Schönheit, Poesie, Gefühl und Wahrheit geradezu anspringen konnten. Da musste man erstmal mithalten als Autor. Und deshalb blieb die Lebenswert-Liste in den ganzen jetzt-Jahren, in denen sich alles immer ändern sollte, auch unangetastet bis zum Schluß. Chefredakteurs-Runde Heute ist diese erste Runde von Leuten, die sich die Lebenswert-Liste und viele andere jetzt-Ideen ausgedacht haben, eine lustige Vorstellung. Da saßen die künftigen Chefredakteure von Zeit, Abendzeitung, Brigitte und Emotion zusammen. Sie haben eine schöne, vor allem aber offene Form geschaffen, die der Rahmen war, in dem sich junge Schreiber in Texten dann selbst zeigen konnten. Nicht mehr mit dieser großen Ego-Gonzo-Geste des Tempo-Journalismus davor, wo Subjektivität noch laut sein musste, um sich vor dem Zeitgeist zu rechtfertigen. Sondern mit einer gewissen Beiläufigkeit. Das war es letztendlich. Kaum vorstellbar in einer Welt mit Abermillionen Blogs, dass gerade die Beiläufigkeit einmal etwas Besonderes war – aber das Internet kannte 1993 noch kein Mensch, das war ein Geheimtipp für die wirklich Eingeweihten im Uni-Computerraum. Jedenfalls war schnell klar, dass es einen Kreis von jungen Lesern gab, die wirklich jedes Wort verstanden, und ein paar davon standen dann bald auch auf der Matte und wollten mitschreiben – im Grunde, kann man im Rückblick sagen, eine halbe deutsche Journalisten-Generation. Wie groß der Kreis derjenige war, die verstanden, darüber gab es dann immer wieder heftige Debatten. Man trifft ja auch im richtigen Leben Menschen, zu denen man einfach keinen Draht hat. Die waren bei jetzt immer egal, die mussten nicht auch noch mitgenommen werden. Weshalb Verlagsleute und Zahlenmenschen und Marktforscher bald den Verdacht hatten, das Magazin reiche im Grund gar nicht über den Kreis der Fans hinaus, und dieser Kreis sei, in harten Zahlen ausgedrückt, erschreckend klein. Das Gegenteil ließ sich nie beweisen, bis der Verlag die Sache aufgab und es der Konkurrenz überließ, einen Teil die letzten jetzt-Mannschaft einzukaufen und diese Idee des Journalismus einem Wirklichkeits-Test am Kiosk zu unterziehen. Zeichen der Liebe Das Ergebnis heißt heute Neon und beweist jeden Monat unwiderlegbar, dass der Kreis der Verstehenden tatsächlich größer ist als je gedacht. Und dass man gerade nicht lauter oder anders reden darf, um zur (älter gewordenen) jetzt-Generation zu sprechen. Sie lässt sich, muss mal wohl sagen, mit gedrucktem Papier überhaupt nur noch so erreichen. Im Internet wiederum wurde die Idee, möglichst vielen jungen Schreibern eine Plattform zu geben, sich selbst zu zeigen, die Grundlage des Erfolgs von jetzt.de. Aber um Zielgruppe und Erfolg ging es am Ende gar nicht. Es ging eher um Momente wie jenen Tag im Juli 1995, den Morgen nach dem Ende einer Beziehung, nach dem Verlust einer wunderbaren Frau. Da musste ich einen kurzen jetzt-Text schreiben, ausgerechnet über die „Zeichen der Liebe“ – über die geheimen Gesten und Rituale, mit denen Paare sich verständigen, die sie nur für sich selbst erfinden und für niemand sonst. Erst schien das Schreiben über dieses Thema unmöglich, nicht nur an diesem Tag, sondern möglicherweise für immer. Dann ging es doch, verblüffend schnell, der Text schrieb sich wieder einmal von selbst, und wichtig war dann eigentlich nur, dass er fertig war. Was die Mädchen darin gelesen haben, denen ich noch Jahre später irgendwo vorgestellt wurde, und die dann nur von diesem einen Artikel sprachen, mit einem gewissen Glanz in den Augen und einem in die Ferne schweifenden Sehnsuchtsblick, kann ich leider nicht sagen. Ich habe das angenommen wie ein Geschenk, das durch Nachfragen nur zerstört wird. Aber eines ist klar: So etwas konnte es vor dem jetzt-Magazin nicht geben und auch danach eigentlich nicht mehr. Schwer zu sagen warum.