Abiturrede, später

Mit ein paar Jahren Abstand sieht die eigene Schulzeit gleich ganz anders aus. Eine Nachschrift
lars-weisbrod

In diesen Wochen werden wieder die Abiturreden gehalten. Die Schüler werden sprechen, weil sie es sind, um die es geht. Noch vor ihnen aber werden ältere Erwachsene sprechen, weil man hofft, dass sie von außen auf die ganze Sache blicken können: Was heißt es, sein Abiturzeugnis in der Hand zu halten? Was bleibt von der Schulzeit, wenn man kein Schüler mehr ist? Wenn ältere Erwachsene über ihre Schulzeit sprechen, kokettieren sie gerne damit, wie wenig Erinnerung ihnen geblieben ist – ein flüchtiger Geruch von Schulfluren und Klassenzimmern, zwei Lehrer, die ihnen im Gedächtnis verhaftet sind, weil sie entweder besonders inspirierend oder besonders kränkend waren, vielleicht noch eine Klassenfahrtromanze und der verbitterte Hausmeister. Das sei alles, sagen diese Erwachsenen, was ihnen in den Sinn komme, wenn sie alle paar Jahre im Schiller-Gymnasium oder in der Sophie-Scholl-Gesamtschule ihres Viertels an einem Sonntag wählen gehen. Wenn sie das Schülern erzählen, halten sie das womöglich für Trost, dem Gedanken folgend: ,Egal, was du gerade durchgemacht hast – irgendwann wird es dir so egal sein wie die Erinnerung an die Tatsache, dass du damals im Kindergarten so leicht in Tränen ausgebrochen bist.‘

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Illustration: Julia Schubert

Jüngere Erwachsene Mitte 20 halten selten Abireden. Dabei ist ihre Erinnerung noch frisch und nicht vom Staub entbehrungsreicher Lebensjahre zugedeckt. Und dabei könnten sie möglicherweise einen erkenntnisreichen Vergleich ziehen, denn viele von ihnen schlagen sich gerade in der anderen großen Bildungsstätte durch, die der Schule gegenübersteht: in der Universität. Was hätte ein jüngerer Erwachsener in seiner Rede zu den Abiturienten zu sagen? Es gibt einen Unterschied zwischen Hochschule und Schule, der so bedeutend ist wie trivial. Schülern bringt man aus allen Disziplinen etwas bei (oder versucht es zumindest), Studenten nicht; selbst dann nicht, wenn die Universität die perfekte höhere Lehranstalt nach Humboldtschem Vorbild wäre, die sich so viele wünschen. Man studiert Biologie. Oder Soziologie. Oder Anglistik. Aber man hat keine Doppelstunde Deutsch mehr und danach Mathe bei Frau Reuthers und nachmittags Kunst beim mürrischen Herrn Hallmack. Viele Studenten finden das ganz gut, dass sie jetzt auf das Wissen verzichten dürfen, das sie eh noch nie interessiert hat. Andere bedauern es ein wenig, weil es gerade das All-in-one-Prinzip war, was Schulbildung so verführerisch gemacht hat: Man hatte das Gefühl, alles wissen zu können. Alle Informationen über diese wirklich unheilvoll verworrene Welt lagen ausgebreitet vor einem, strukturiert und aufbereitet in Lehrplänen und Schulbüchern, vermittelt von persönlichen Führern durch die Reiche der ehrwürdigen Wissenschaften. Man drang zwar noch nicht in ihre Untiefen vor, doch war das prinzipiell nur eine Frage der Zeit. Eine lebenslange Schulzeit hätte uns zu tollen Universalgelehrten gemacht, die eine Antwort auf jede Frage parat haben. Hätte! Denn irgendwann sitzt der Schüler im Chemiesaal und weiß: ,Das ist die letzte Chemiestunde meines Lebens. Mehr werde ich voraussichtlich niemals über Chemie erfahren.‘ Dann ist er, bei aller Freude (Chemie hat ihm nie besonders viel Spaß gemacht), auch ein bisschen traurig. Vielleicht bleibt er es auch, wenn er bemerkt, dass Schulbildung später durch nichts ersetzt werden kann. Kein Ranga Yogeshwar kann einem später erklären, was der Physikunterricht hat erklären können. Nur in der Schule bekommt man Allgemeinbildung, die tatsächlich allgemein ist und tatsächlich Bildung. Andererseits hat der Student sich schließlich erfolgreich spezialisiert. Dort, wo er in die wissenschaftlichen Untiefen geschubst wurde, fühlt er sich ziemlich stark und dem alten Lehrplan überlegen. Manchmal auch den alten Lehrern. In der Schule, denkt er, hat man mir also doch nur die halbe Wahrheit erzählt. Vielleicht sogar, Schreck lass nach, weil Frau Reuther und Herr Hallmack die andere Hälfte gar nicht kannten! Die beiden wirken plötzlich gar nicht mehr wie die vertrauenerweckenden Führer durch die Welt des Wissens. Der Student wird also ein wenig überheblich, aber gelegentliche Überheblichkeit begleitet wohl jeden Tauchgang. Am Ende, im Blick zurück, halten sich die Gefühle die Waage. Ein Student fühlt sich dümmer, aber auch schlauer. Aber Bildung macht ja höchstens zwei Fünftel der Schul- und Studentenzeit aus (wenn überhaupt). Deswegen würden die jüngeren Erwachsenen ihre Rede wohl mit etwas anderem beginnen. Vielleicht würden sie darauf verweisen, dass man als Student keine Hausaufgaben mehr machen muss (so man den richtigen Studiengang erwischt hat) und man so lange aufbleiben darf, wie man will (wenn man Glück mit den Veranstaltungszeiten hat). Denn die Zeit als Student verfügt über eine erstklassige Sonderausstattung: Freiheit, und zwar im Großen und Ganzen genau die Freiheit, die man als Schüler schmerzlich vermisst und sich vom Schulnachleben erhofft hat. Man muss die Freiheit natürlich zu gebrauchen wissen, und damit ist nicht in erster Linie gemeint, dass man es nicht mit ihr übertreiben sollte. Damit ist gemeint: Man muss sie erst mal annehmen. Auch die Zeit des Studiums stellt genug verlockende Möglichkeiten bereit, Frühinsbettgehen und Hausaufgaben zu ersetzen, durch neues Frühinsbettgehen und andere Hausaufgaben, durch Praktika und Karriereangst, durch Was-wird-wohl-morgen-sein und War-es-genug-was-gestern-war. Damit das Leben als Student schöner sein kann als das als Schüler, darf man sich davon nie zu sehr quälen lassen. Wie man das wiederum hinkriegt, wüsste der redende junge Erwachsene allerdings auch nicht so genau. Apropos: War es eigentlich genug, was gestern war? Als man noch Schüler war? Auch die Frage könnte in den Reden der jungen Erwachsenen auftauchen. Denn irgendwann verwandelt sich die nahe Vergangenheit in einen Schulhof voller verpasster Gelegenheiten. Schule, so scheint es, hätte doch eigentlich eine Mischung aus Hogwarts und der Beverly Hills High sein müssen: aufregend, wild und gemütlich zugleich. So war es aber irgendwie nie. Deswegen würde der junge Redner vielleicht sagen, dass er die Schulzeit manchmal gern nochmal durchleben würde, mit dem, was er heute weiß, und so, wie er heute ist. Um alles besser zu machen. Wäre das ein guter Schluss für seine Rede? Das müssten natürlich die Schüler entscheiden, weil sie es sind, um die es geht. Womöglich würden sie aber diesen Schluss lieber hören als den Trost, den die älteren Erwachsenen ihnen spenden wollten. Denn der da gesprochen hat, nimmt die Zeit noch ernst, die für ihn selbst jetzt gerade zuende geht und die ja auch nicht irgendeine Zeit war – sondern fast sein ganzes junges Leben.

Text: lars-weisbrod - Foto: photocase.de/birdsoar

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