Abschied vom letzten Superpopstar

Robbie Williams mag nicht mehr. Um das zu verstehen, muss man den Weg gehen, den er selber sucht: nach Hause
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Klipp macht es beim Zeigfinger, klapp beim Mittelfinger. Nagelränder fallen auf den Bahnsteig, es ist Samstagvormittag am Bahnhof von Stoke-on-Trent, Staffordshire, Mittelengland. Zwei Gleise gibt es. Auf dem einen fahren die Züge durch den Morgennebel Richtung Manchester, auf dem anderen nach Birmingham. Und hier sitzt ein junger Mittelengländer auf einer Bank und schneidet in Ruhe sein Häufchen Fingernägel auf den Bahnsteig. Später wird er mit gestutzten Fingernägeln Auskunft geben. Über jenen Umstand, der die verkohlte Arbeiterstadt Stoke-On-Trent immer noch mit einem Zuckerguss weltweiter Aufmerksamkeit bestreicht. Den Umstand, dass 1974 hier Robert Peter Maximilian Williams geboren wurde, der einzige noch praktizierende Superpopstar, den die EU der Welt zu bieten hatte – zumindest bis er vergangene Woche seinen Rückzug von den Bühnen ankündigte. Robbie Williams mag nicht mehr. Damit beendet er nicht nur seine Karriere, sondern markiert auch das Ende der so genannten Nuller-Jahre. Jenem Jahrzehnt zwischen 1998 und jetzt, dessen einzige popkulturelle Konstante er war und dabei einer der wenigen, die dieses Wort „Pop“ verstanden haben – mit all seinen unnützen Facetten. Der Grundstein für sein Talent zur großen Pose muss irgendwo hier liegen, im schmutzigen Stoke-on-Trent. Ins Nicht-Glatte! Hier hat Williams als hyperaktives Kind auf der St.Margarete-School die Lehrer genervt, hat abends im Red-Lion-Pup seiner Mutter die Gäste unterhalten und von hier weg, wurde er als 16-jähriger für Take That gecastet. Ein Traum! „Rubbish“, sagt der junge Mann am Nagelclipper. Er betont es mit langem u. So spricht man hier. Und so spricht man hier heute über Robbie Williams. Zumindest wenn man zwar wie jener: jung, männlich und mit tätowierten Armen ist, aber dazu leider nicht wie ebenfalls jener: sehr reich, weitläufig angeschmachtet und längst in den sonnigen Hügeln von Los Angeles wohnhaft. Irgendwo dort, weit jenseits aller Bahnhofsbänke wird er jetzt sitzen, der Robbie, vielleicht auch in einem Privatjet, Privatspa oder ganz woanders, das weiß man nicht so genau. Was man allerdings ziemlich sicher weiß: Es geht ihm nicht gut, in diesen Tagen, ein gutes Jahr nach seinem letzten Studioalbum „Rudebox“. In selten gelesener Einstimmigkeit vermeldete die Presse in diesem letzten Jahr die immer gleichen Robbie-Williams-Befunde: zunehmende Depressionen, dem Alpdruck der Öffentlichkeit nicht mehr gewachsen, schweres Leiden am eigenen Image. Auf die vorletzte Nachricht, er würde 2008 doch wieder mit einer gigantischen 150 Millionen-Dollar Tournee angreifen, folgte bald die letzte: von einer unbefristeten Karriere-Pause. Das ist nichts richtig Neues, natürlich. Nach den Drogeneskapaden Mitte der Neunziger, die seinen Rauswurf bei Take That und das Anrucken der Solokarriere begleiteten, nach Entzügen und irrsinnigen Erfolgen, hat sich, davon darf man ausgehen, bei Robbie Williams ein dualer Gemütssystem etabliert. Auf der Bühne vollstreckte er jahrelang mit Konzentration seinen wuchtigen Charme. Zwischen den Konzerten muss ihm schon lange ein zermürbender Unwille zur Qual geworden sein. Für eine gewisse Zeit war das ein meisterbarer Spagat, eine Berufskrankheit von Superstars, vielleicht. Selbst geneigten Beobachtern schien aber spätestens bei seinen großen Sommerauftritten 2006 der Spagat an mindestens einer Stelle gerissen: Und zwar dort, wo Professionalität in Müdigkeit übergeht. Robbie-Intimus Chris Heath, der eine Art mehrjähriger Gesprächstherapie niederschrieb, skizzierte die Auslöser dieser Müdigkeit und ihrer Begleiterscheinungen bereits 2003, seine Williams-Biographie kreist fünfhundert Seiten lang um das gleiche Problem: Robbie Williams (Echt) will nicht mehr Robbie Williams (Show) sein.

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Illustration: Julia Schubert

Wenn er in diesen Tagen verkündet, dass er vielleicht noch irgendwann 2008 eine B-Seiten-Platte herausbringen möchte, selber produziert und online vermarktet, ist das keine neue Idee. Bereits vor sechs Jahren überlegte Williams das Album „Escapology“ alleine, in Freiheit und ohne Label, zu veröffentlichen, was dann angesichts des spektakulären 80-Millionen-Dollar Vertrags bei der EMI über vier Alben vertagt wurde. Das letzte Album dieses Deals war „Rudebox“. Mit seinem ungeschmeidigen Hiphop und avantgardistischen Elektronikklängen, erstellt von Spezialisten wie den Pet Shop Boys und William Orbit, war es der erste Schritt in eine Richtung, die Robbie Williams seit langem sucht: Ins Unreine, ins Nicht-Glatte. Um endlich jenen Robbie Williams zu überwinden, den insbesondere die hitträchtige Zusammenarbeit mit dem Songschreiber Guy Chambers einst formte: Zu einem weichen Ziel. Reich ins Heim Man muss wissen, dass Weichgeformtes in Stroke-On-Trent seit Jahrhunderten zu den Exportschlagern gehört. Der Stadtname, der bis heute für ein Konvolut von Orten steht, ist Synonym für britische Porzellan- und Keramikindustrie. Wedgewood, Spode, Moorcroft – alles von hier. Die Fabrikverkaufsläden dieser Firmen bilden mit Busparkplätzen und Fähnchen belebte Oasen in einer trostlosen Restkulisse. In den Vierteln Tunstall und Burslem, wo Robbie seine Jugend verbrachte, sind die Schaufenster dunkel, obwohl manche Geschäfte geöffnet haben. Gegenüber seines Elternhauses: ein niedriges Pub. Auf dessen Parkplatz, so erinnert sich ein Nachbar, campierten vor vierzehn Jahren wochenlang die Fans von Take That um Robbie nahe zu sein, der noch hier wohnte, als die Boyband schon Millionen von Platten verkaufte. In einem der oberen Zimmer des hübschen Hauses hatte Robbie Williams Ende der 80er zum ersten Mal Sex (mit einer Mitschülerin) und Hiphop (mit Public Enemy). Und damals war es auch, so liest man, dass er mit diesen Themen, mit seiner Musik und seiner Liebe, zum letzten Mal vollkommen zufrieden war. Das ist lange her. So lange, dass Williams sich das Erinnern daran zuletzt auf Platten pressen musste. Mit Liedern wie „The 80’s“, „The 90’s“ und „Burslem Normals“ sehnte er sich inhaltlich und musikalisch zurück zu den Anfängen – und produzierte sie mit alten Freunden wie Soul Mekanik, der auch aus Stoke stammt. Man muss jetzt noch zum Stadion des FC Port Vale fahren, jenem örtlichen Fußballclub dessen Trikots Williams immer nah am Herzen trug. Vor zwei Jahren, als in Burslem niemand mehr daran glaubte, nahm Williams den Verein endlich auch finanziell am Arm, um die Mannschaft aus der Drittklassigkeit zu führen. Viel zu sehen ist noch nicht vom Geld – alter Stacheldraht krönt die Containerwände, die das Spielfeld einrahmen. Im Fanshop gibt es das Trikot mit der Nummer Acht auf dem „Williams“ steht und der junge Verkäufer lächelt nicht, als er es hochhebt: „Ja, alle freuen sich hier über das Engagement, Williams ist jederzeit willkommen, einer von uns, natürlich.“ Sportlerschultern heben und Blicke senken sich – ist ja auch schwierig. Man ist hier, „old bloke“ hin oder her, immer noch zu weit weg vom Superstar. In den 70ern wurden die Bergwerke vor der Stadt geschlossen, und wer nicht gerade zu Take That gecastet wurde, hatte vor Ort immer weniger Aussichten auf eine gute Zukunft. Am frühen Nachmittag parken im Red-Lion-Pub am Billardtisch zwei Kinderwagen. Ab und zu geht einer der jungen Väter, die am Tresen Stella Artois trinken, hin und spricht laut und englisch hinein. Hinter dem Red-Lion-Tresen stand die allein erziehende Mutter Williams, so lange bis sie als Mutter Star anfing die wohltätige Stiftung „Give It Sum!“ zu verwalten, mit der ihr Sohn Projekte am Heimatort unterstützt. Welche Projekte das sind, weiß der Barkeeper nicht, aber dass seit einigen Jahren wieder weniger auf den Straßen geraubt wird und dass manche diese Entwicklung auf „Give It Sum!“ zurückführen, das weiß er. Er hat, sagt Robbie Williams oft, längst genug Geld verdient. Er hat, sagt Robbie Williams selten, den Kampf um den amerikanischen Plattenmarkt eingestellt. So kann er wenigstens dort unerkannt einen Espresso trinken gehen – ein Umstand dem ihn die britische Presse seit Jahren als Versagen auslegt. Robbie Williams ist 34 und manches wird er nicht mehr schaffen. Mit den britischen Boulevardblättern Sun und News Of The World irgendwann ins Reine zu kommen, zum Beispiel. Oder, wie Justin Timberlake, Charts und Feuilletons gleichzeitig zu begeistern. Natürlich wird es ein Comeback geben, wie es bei ihm bis jetzt immer ein Comeback gegeben hat. Aber, wenn alles nach seinem Willen läuft, wird ihn dann niemand mehr erkennen. Und zwar nicht nur, weil er so zugenommen hat, wie über die letzten Weihnachtstage. Von welchen Personen und Ereignisse der Nuller-Jahre sollte man sich ebenfalls dringend verabschieden?

Text: max-scharnigg - Illustration: katharina-bitzl

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