„Alina Israel“ und der hartnäckige Mythos

Erst die Sommerliebe macht einen Sommer perfekt. Leider gibt es sie nur in Filmen und Romanen, oder?
sascha-chaimowicz

Die Ferien sind vorbei, die Abende werden kürzer und kälter und die Erinnerungen an den Sommer verblassen. Glücklich wer eine Sommerliebe hatte, an deren Erinnerung er sich an Herbsttagen wärmen kann. Blödsinn, sagt unser Autor, denn eine Sommerliebe ist alles andere als einfach. Ich stand am Flughafen in München und fragte mich, ob mein Sommer gekommen war. In genau drei Monaten würde ich es wissen. Dass es beste Sommer aller Zeiten gibt, daran hatte ich keinen Zweifel. Nur ahnte ich, dass manche Menschen nie einen wirklich großen Sommer erleben. Okaye Sommer, ja. Besonders schöne auch. Mit tollem Wetter, einem Strand und der ersten eigenen Vespa. Doch zum wirklich besten Sommer gehört mehr als das. Große Sommer brauchen Liebe. Es war durchaus möglich, dass ein solcher Sommer am Münchner Flughafen losgeht, dachte ich mir, nachdem ich mein Backpack am Check-in Schalter aufgegeben hatte. Ein Flugzeug würde mich wenig später nach Israel bringen. Ich würde die Klagemauer besichtigen, die Grabeskirche und den Tempelberg. Ich würde mich ins Tote Meer legen und sehen, ob das Wasser einen wirklich nicht untergehen lässt. Und einmal würde ich in der Wüste Negev schlafen. Außerdem leben in Israel die schönsten Frauen, erzählte mir ein Freund, der gerade aus Tel Aviv kam. Sommertyp als Erklärung Wie groß würde die Enttäuschung sein, kehrte ich im Herbst von der Reise zurück und hätte keine einzige Liebesgeschichte erlebt. Fast in jeder guten Reise-Nacherzählung kommt eine Sommerliebe vor. Ich kenne mehrere Fälle, in denen Freunde von mir sogar versucht haben, ihre Sommerlieben in den Alltag zu importieren. Über Skype führten sie Fernbeziehungen in Länder wie Ecuador und Italien. Das scheitert zwar in den meisten Fällen, wie ich meine, aber immerhin hatten sie ihre Sommerliebe. Nur eben beim Abschied machten sie Fehler. Denn zum Wesen einer Sommerliebe gehört die Vergänglichkeit: Sie braucht einen klaren Schluss und damit die Gewissheit, dass man den Urlaubs-Aufriss niemals seinen Eltern wird vorstellen müssen. Nur so kann ich mir die oft sehr fragwürdigen Partner erklären, die mir Freunde auf Urlaubsbildern zeigen. Blonde Dreadlocks könnten eine angesagte Frisur sein, wären ihre Träger nur in München ähnlich beliebt, wie sie es an den Stränden Thailands sind.

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Illustration: Julia Schubert

Vielleicht gibt es ein eigenes Schönheitsideal für den Sommer, Typen, die optisch eher den Wünschen an eine Sommerliebe entsprechen als andere. Sommertypen sozusagen. Die anderen sind die Wintertypen. Diese Theorie habe ich mir einmal zurechtgelegt, um mir selbst zu erklären, warum ich im Leben bisher keine Sommerlieben erfahren hatte. Männliche Sommertypen haben mit 15 muskulöse Oberkörper und Fußballerwaden, während Wintertypen sich in Leptosome und Dicke aufteilen. Sommertypen radeln morgens zum Langwieder See und spielen vor den Mädchen Volleyball. Wintertypen kriechen ab acht Uhr abends, wenn es wieder gesellschaftlich akzeptiert ist, lange Hosen und Hemden zu tragen, aus ihren Elternhäusern hervor und betrinken sich im Biergarten. Welche der beiden Gruppen bekommt da wohl die Mädchen? In meiner ersten Israel-Woche kam die Liebe nicht. Dafür konnte ich von einer fünfseitigen To-do-Liste nach vier Tagen die Hälfte abhaken. Ich war zufrieden und glücklich. Was die Mädchen in Israel anging, konnte ich meinem Freund nur recht geben. Die Israelis schienen in sich ein Best-of des weltweiten Genpools zu vereinbaren. Dass ausgerechnet eine Deutsche meinen Sommer bestimmen sollte, ahnte ich damals noch nicht. Alina war Münchnerin. Ich traf sie nach meinem ersten Monat auf einer Strandparty in Tel Aviv. Ein Sommermädchen mit braunen Locken. Und dass sie als Volunteer mit behinderten Kindern auf einem Berg in Nordisrael arbeitete, machte sie noch reizvoller. Wie sie im Winter aussieht, konnte ich mir nicht vorstellen. Doch ist es nicht egal, wie Sommerlieben im Winter aussehen, zu Hause, im Alltag? Trotz aller Bekundungen sehen sich die meisten nach dem Sommer sowieso nie wieder. Sommerlieben haben keine Zukunft, sind nur für den Moment gut. Vergänglich. Ich sah Alina und stellte mir vor, wie wir gemeinsam durch das Land reisen. Vielleicht würden wir an einem Lagerfeuer sitzen und Gitarre spielen. Nie würde die Uni wichtig sein oder der Job. Gut möglich, dass wir uns am Ende ein Wiedersehen versprechen würden, doch nur, um dem Abschied die Schwere zu nehmen. Warum sollten wir uns in München sehen? So schön wie in Israel könnte es in München gar nicht mehr werden. Alina hatte noch drei Wochen, bevor sie nach München zurückkehren musste. Drei Wochen für ein mögliches Kennenlernen, Verlieben, Trennen. Sommerlieben dürfen nicht lange brauchen, um zu wachsen. Jeder Tag, an dem sich einer nicht traut oder an dem einer nicht will, bedeutet einen Tag weniger für die Liebe. Ob ich in zwei Tagen in ihr Heim kommen wolle, um sie zu besuchen, fragte mich Alina nach einer Stunde. Ich sagte zu. Wahrscheinlich bin ich nicht ihre erste Sommerliebe, dachte ich. Im Bus von Tel Aviv nach Nordisrael, wo Alina arbeitete, begann ich zu zweifeln. Die Klimaanlage im Bus war ausgefallen, stundenlang standen wir im Stau, der letzte Teil der Straße zu Alina schlängelte sich allzu schwungvoll einen Berg hinauf. Ich unternahm zu große Anstrengungen für meine Sommerliebe. Entstanden Sommerlieben nicht eher beiläufig, bei einem Bier am Strand oder im Gemeinschaftsraum eines Hostels? Machte ich nicht etwas kaputt, in dem ich mich fünf Stunden lang in einen Bus setzte, um sie zu besuchen? Als mein Bus endlich hielt, sah ich durch das Fenster, wie Alina unter einem Baum saß und einer Gruppe von etwa 15 Kindern aus einem Buch vorlas. Sie sah wundervoll aus. Am Abend setzten wir uns auf ihren Balkon und tranken Rotwein. Ich war damals ziemlich verliebt. Sie schlief in ihrem Bett, ich legte mich auf eine Matratze. Zeit, die schlecht wird Am nächsten Morgen entschieden wir, zusammen nach Tel Aviv zu fahren für einen Tag und eine Nacht. Wir wohnten im arabischen Teil der Stadt in einem Hostel. Im Supermarkt gegenüber kauften wir Wein und setzten uns auf die Dachterrasse. Von einem roten Stoffsofa aus glaubten wir, die ganze Stadt sehen zu können. Es war perfekt. Sie war perfekt. Um fünf Uhr morgens begann die Sonne, unsere Nacht zu vertreiben. Wir haben uns nicht geküsst. Ich weiß nicht warum, aber ich wusste, dass unsere Zeit damit abgelaufen war, mehr Zeit würden wir uns nicht nehmen. Wir umarmten uns, am nächsten Morgen würde Alina in ihr Heim zurückfahren. Sie schlief in ihrem Bett, ich legte mich in meins. Als ich Wochen später den Flughafen in München verließ, dachte ich darüber nach, warum ich nie eine richtige Sommerliebe erlebt hatte. Vielleicht war das Ganze nur ein Mythos, von Journalisten, Schriftstellern und Filmemachern gepflegt. Oder es lag eben an mir. Suchen wollte ich jedenfalls nicht mehr. Meine Jugend hatte wohl keinen einzig großen Sommer. In der S-Bahn Richtung Innenstadt blätterte ich durch das Nummernverzeichnis in meinem Handy. „Alina Israel“ stand da.

Text: sascha-chaimowicz - Foto: photocase/carol l

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