All you can hear

Die Zukunft der Musik soll eine Flatrate sein – in Wahrheit ist das Hören ohne Grenzen bereits Gegenwart und die Musikindustrie mal wieder hinten dran
dirk-vongehlen

Floyds Traum ist wahr geworden. In dem Film „Absolute Giganten“ wünscht sich die Hauptfigur: „Es müsste immer Musik da sein, bei allem, was du machst.‘ Der Film ist keine zehn Jahre alt und doch wirkt Floyds Wunsch seltsam anachronistisch in einer Zeit, in der Musik im Überfluss vorhanden zu sein scheint. Zahllose Plattformen im Internet verdanken ihre Popularität vor allem der Tatsache, dass sie kostenlos und unablässig Musik spielen. Niemand setzt sich in Zeiten von MySpace, LastFM und YouTube noch vor den Fernseher oder gar ein Radiogerät und wartet auf den aktuellen Clip oder den neuen Song einer Band. Fans und Musikfreunde haben die Lieder, für die sie sich interessieren, bereits im Netz gehört und die dazugehörigen Videos ebenfalls dort angeschaut – und zwar völlig legal, nicht selten sogar auf den Webseiten der Plattenfirmen. Ständig und überall da: Musik Auch wer sich nicht in vermeintlich bösen Tauschbörsen rumtreibt, findet mittlerweile völlig legale Möglichkeiten, fast jeden verfügbaren Song der Welt im Netz anzuhören. Das ist das Neue an der bekannten Krise der Musikindustrie: Floyds Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Musik ist immer da, völlig legal. Und genau das ist jetzt das größte Problem der Musik – ihre neue Allgegenwart. Was ständig und überall verfügbar ist, lässt sich nur schwer zu Geld machen. Der Unternehmensberater und Musik-Experte Jim Griffin hat dieses Problem unlängst so zusammengefasst: „Die Musikindustrie funktioniert im Moment wie eine Trinkgeld-Büchse“, sagte er im Rahmen der South by Southwest Music Conference vergangene Woche in Texas, USA. „Wenn man will, wirft man freiwillig etwas hinein. So funktioniert Kultur aber nicht. Wir müssen es so anstellen, dass man auch unfreiwillig zahlt.“ Muss man das wirklich? Wäre es nicht schöner, ein Modell zu finden, das so komfortabel und an den Interessen der Kunden orientiert ist, dass diese nicht nur freiwillig, sondern vielleicht sogar gerne zahlen? Funktioniert nicht so jedes gute Geschäft – freiwillig und zur Zufriedenheit der Verhandlungspartner?

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Illustration: Julia Schubert

Die Musik der ganzen Welt im Ohr. Jederzeit. (Das Bild zeigt ein Model auf der China Fashion Week vergangene Woche in Peking.) Jim Griffin jedenfalls hat in Texas einen Vorschlag hervorgeholt, der sich in den vergangenen Tagen wachsender Beliebtheit erfreut – und das, obwohl er vielen Musik-Managern vor Monaten noch als unmöglich galt: Die so genannte Flatrate für Musik, eine Pauschalabgabe für Lieder soll nun der Königsweg aus der Krise der Musikindustrie sein. Griffin sieht das so, der Chef von Sony-BMG, Rolf Schmidt-Holz, hat sich in der vergangenen Woche für ein solches Modell ausgesprochen und angeblich plant auch Apple für seinen iTunes-Store ein Pauschalangebot. Ist das neu? Neu daran ist nicht die Idee, sondern die Tatsache, dass jetzt auch Vertreter der Musikindustrie sie unterstützen. Bisher vertrat man dort die Ansicht: Ein Künstler oder eine Band können nur unterstützt werden, wenn sie auch direkt bezahlt werden. Davon rückt man jetzt angesichts der Allgegenwart der Musik offenbar ab. Jedenfalls lobte der Vorstandschef von Sony-BMG, einem der vier großen weltweit aktiven Musikkonzerne, vergangenene Woche die Musikflatrate in einem Interview. Rolf Schmidt-Holz kündigte ein entsprechendes Angebot seines Unternehmens noch für dieses Jahr an: „Für einen monatlichen Beitrag steht Ihnen die gesamte Musikwelt offen. Mit der Musikflatrate bekommen Sie alles von uns – vom brandneuen Charthit bis zu Beethoven.“ 9,95 Euro für 5 Millionen Songs Das Problem dabei: Der Plan, von dem Schmidt-Holz schwärmt, ist bereits Realität. Unter musikflatrates.de kann man sich über die unterschiedlichen Angebote von Napster, Musikload, Jamba oder MusicMonster informieren. Wer beispielsweise Zugriff auf die fünf Millionen Napster-Songs bekommen möchte, kann für 9,95 Euro dort eine monatliche Hörpauschale abschließen. Zwar besitzt man dann keines der Lieder, man kann sie aber so oft man mag anhören. Ebenfalls ganz ohne Download funktioniert auch das Angebot von MusicMonster.FM, das auf Seiten der Musikindustrie sicher nicht nur Freunde hat. Die Website hört im Auftrag des Nutzers Internet-Radios ab und schneidet vollautomatisch Songs nach seinen Wünschen heraus. Schon 45 000 so genannte Goldmonster-User nutzen nach Angabe von MusicMonster diese neue Form des Musik-Konsums: Sie zahlen eine Pauschalabgabe von 8.95 Euro im Monat – dafür bleiben die mitgeschnittenen MP3s auch nach Beendigung des Abos in ihrem Besitz.

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Illustration: Julia Schubert

Screenshot von MusicMonster.FM Die Musikflatrate steht beispielhaft für Innovationen im in Wahrheit gar nicht mehr so neuen Mediums Internet. Der Autor Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“) hat dies vor fast zehn Jahren in folgendem Dreischritt auf den Punkt gebracht hat. Er sagte: 1. Alles, was bereits vorhanden ist zu dem Zeitpunkt, an dem man geboren wird, sieht man als gegeben und somit als normal an. 2. Alle Erfindungen und Neuerungen, die bis zum 30sten Lebensjahr eingeführt werden, nimmt man als unglaublich spannend und kreativ wahr – und mit etwas Glück kann man mit ihrer Hilfe auch eine Karriere starten. 3. Alle Neuerungen, die nach dem 30sten Geburtstag entstehen, hält man für einen Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge somit für das nahende Ende der Zivilisation. Die in Wahrheit schon bekannte Innovation „ Musikflatrate“ soll jetzt also die natürliche Ordnung wieder herstellen. Das wollen Menschen über 30 den Menschen unter 30 erzählen. Ob die das glauben?

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