Allein unter Flugzeugen

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„In den Hauptturm?“, fragt Bernhard. Ich nicke. Es ist 0.30 Uhr, eben hat uns der Nachtwächter verlassen und ist zur Hauptpforte zurückgekehrt. Wir sind jetzt allein im Deutschen Museum und fühlen uns wie vor der Nachtwanderung während eines Zeltlagers. Bernhard knipst eine gelbe Taschenlampe an, kramt nach dem Hauptschlüssel und sperrt die Tür auf, die aus der Flugzeugabteilung, wo wir unsere Schlafsäcke deponiert haben, in die Nachbarabteilung führt. Als wir auf der anderen Seite sind, sperrt er sofort wieder zu. Sie haben uns ermahnt: Wer aufsperrt, muss sofort wieder zusperren. Der Hauptturm ziert die Westseite des Deutschen Museums und ragt 65 Meter hoch über München. In seinem Inneren schwingt das Foucault’sche Pendel: Ein dünnes Drahtseil reicht vom Dach bis knapp über den Museumsboden. Am unteren Ende ist eine Eisenkugel befestigt. Sie spannt den Draht zu einem Pendel, das, einmal in Schwingung, krumme Bahnen zieht. Die Bahnen sind der Beweis dafür, dass sich die Erde unter dem Drahtseil dreht. Es ist still im Turm. Das Pendel schwingt und wir gehen im Lampenschein die Treppe nach oben. Plötzlich ist da ein Geräusch. Es klingt wie ein Kratzen. Erschrocken leuchte ich mit der Taschenlampe hinter mich. Ursprünglich wollte ich diese Nacht allein im Deutschen Museum verbringen. Ein bisschen wollte ich es Ben Stiller nach tun. Er spielt in der Hollywood-Klamotte „Nachts im Museum“ einen Nachtwächter, der es im Museum of Natural History plötzlich mit lebendigen Dinosaurierskeletten zu tun bekommt. Der Film ist nicht besonders gut, war aber erfolgreich. Ich kann das ganz gut verstehen. Den Gedanken, eine Nacht im Museum zu verbringen fand ich schon als Kind sehr toll und er hat seinen Reiz nie verloren. Deswegen habe ich im Februar beim Deutschen Museum in München angerufen und gefragt. Es ging mir um die Erfüllung dieses Kindheitstraums. Es ging mir aber auch um die Frage, was es mit diesem Traum eigentlich auf sich hat? Erst haben sie im Deutschen Museum über mein Anliegen geschmunzelt. Dann haben sie den Kopf geschüttelt: Ich könne schon aus versicherungstechnischen Gründen nicht alleine im Gemäuer bleiben. Dann rief mich Bernhard Weidemann an. Der 30-Jährige ist der Pressesprecher des Museums und bot mir einen Kompromiss an: Wenn es okay für mich sei, dass er mich in der Nacht begleite, sei das Ganze kein Problem. Ich sagte zu. Und jetzt bin ich froh, dass er dabei ist. Mit einem Klick auf das Bild startest du die Bildergalerie:

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Illustration: Julia Schubert

onloads[onloads.length] = makeImageLightbox; var myLightbox = null; function makeImageLightbox() { myLightbox = new JetztImageLightbox(); } Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Wir gehen die Stufen im Turm nach oben und hören wieder Geräusche. Etwas quietscht. In einer schnellen Bewegung leuchte ich nach unten. Ist der Nachtwächter hinter uns her? Da ist aber niemand. Dann schwillt ein heller Ton an und wieder ab. Ich leuchte Bernhard an, der vor mir geht. „Habt ihr euch ein Spiel für mich ausgedacht?“ – „Quatsch“, sagt er. Ich glaube ihm nicht. Dann rasselt es, laut, als schleife jemand Ketten über die Wände. „Du willst mich doch verarschen“, sage ich aufgeregt. „Ich hab’ gerade auch keine Ahnung, was das ist“, sagt er. Ich leuchte ihn an, wie er irritiert in den Turm leuchtet. Meine Nacht im Museum beginnt an einem Mittwochnachmittag im März. Kurz vor 17 Uhr hält eine Durchsage die Besucher des Deutschen Museums an, das Haus zu verlassen. Es war ein ruhiger Tag, sagt Bernhard Weidemann, der mit mir das Schließen der Eingangstüren verfolgt. An verregneten Sommertagen kommen bis zu 12 000 Menschen ins Museum. Nachts kommt nur Djula Rac. Seit zwölf Jahren geht der 48-Jährige jeden Werktag um 18.30 Uhr zur Hauptpforte des Deutschen Museums und beginnt seine Arbeit als einer von drei Nachtwächtern. Gegen 20.30 Uhr greift er nach Schlüssel, Taschenlampe und Funkgerät und geht den ersten seiner drei eineinhalbstündigen Rundgänge. „Es hat drei Monate gedauert, bis ich alle Geräusche verstanden hatte“, sagt Rac, als er die Tür zu der Halle mit den Kraftmaschinen öffnet. Er spricht vom Eigenleben der Ausstellungsstücke. Vom Knarzen des Holzes. Vom Stahl, der sich entspannt. „Ich wusste nicht: Ist das ein Schritt oder ein Geräusch?“ Der Strom ist in der Nacht abgeschaltet. Rac leuchtet mit der Taschenlampe, der Lichtschein streift die Nachbildung einer Watt’schen Dampfmaschine. Durch eine versteckte Tür gehen wir in die Bergbauabteilung. Djula Rac leuchtet auf Arbeiter, die aus Gips nachgeformt wurden und die seit Jahrzehnten in der immer gleichen Stellung Sprenglöcher schlagen oder Schächte bauen, um den Besuchern die Arbeit im Bergbau zu zeigen. Ein Kollege, sagt Rac, zählte bei jedem Kontrollgang die Figuren. Es sind immer 36 geblieben. Wieder schließt Rac eine Tür auf und hinter uns zu. Er geht zwischen Vitrinen mit Schiffsmodellen hindurch und leuchtet auf das erste deutsche U-Boot, das hier im Original an der Wand steht. Einmal ging ihm hier hinten die Taschenlampenbatterie aus. Es war so dunkel, dass er keine andere Möglichkeit sah, als auf allen Vieren zur Treppe zu kriechen. Wir gehen zwischen den Flugzeugen hindurch ins Zentrum für Neue Technologien und zurück zu den Schiffen. Dann zieht sich Rac zurück. Wir sind allein. 0.45 Uhr im Hauptturm. Es knarzt wieder. Einen Moment denke ich, Bernhard habe für meine Nacht im Museum einen Geräuschemacher engagiert, der sich Ketten und Steine in einen Rucksack gepackt hat und uns nun von Abteilung zu Abteilung folgt, nur um für mich zu Rasseln und zu Klopfen. Als ich überlege, was ein Geräuschemacher für eine Nacht kostet, sagt Bernhard: „Ich hab’s.“ Im selben Moment leuchte ich auf beigefarbene Lautsprecher, die in die Wand eingelassen sind und rufe, fast erleichtert: „Da sind Boxen!“ Bernhard leuchtet derweil auf den Begleittext zur „Klanginstallation“, die seit Jahren den Hauptturm beschallt. „Dass die auch in der Nacht läuft, wusste ich nicht“, sagt er. Es klingt erleichtert. Wir steigen auf das Dach des Turms. München liegt vor uns und unter uns das Museum, das wahrscheinlich so etwas wie der Kindheitstraum von Oskar von Miller war. Er kam 1855 zur Welt, war Bauingenieur und leitete mal die Berliner Elektrizitätswerke. Von Miller wollte unbedingt allen Menschen den technischen Fortschritt verständlich machen. Er träumte von einer dreidimensionalen Enzyklopädie der Wissenschaften, die die Meisterwerke der Technik versammelt. Dafür sammelte er beharrlich Geld. Als 1925 der Neubau des Deutschen Museums öffnet, zieht ein Festzug durch die geschmückte Innenstadt. Bernhard leuchtet auf einen Plan des Museums. Wir wollen zur Ost-Sternwarte. Mit dem Finger zeichnet er den Weg dorthin nach. Wir gehen durch die Telekommunikationsabteilung. Dort sitzt eine Telefonistin aus Gips an einem Steckerfeld, bereit, Anrufer zu verbinden. Im Schein der Taschenlampe sieht sie sehr echt aus. Überhaupt scheinen die Ausstellungsstücke im Taschenlampenschein an Intensität zu gewinnen. Bernhard leuchtet still auf die „Braunsche Röhre“, ohne die das Fernsehen nicht denkbar gewesen wäre. Es ist ein komischer, beinahe intimer Moment mit der Geschichte der Technik. Als habe jemand die Röhre ausschließlich für uns und für diese Nacht hier hergebracht. Nur gut ein Viertel der 100 000 Sammlungsobjekte kann man ansehen. Die meisten Sachen lagern in Depots, es gibt einfach zuviele Meisterwerke. Die Olympiafackel von 1972 zum Beispiel, eine Gasfackel und damals etwas Besonderes – sie liegt im Lager. Und jedes Jahr kommen gut 1 000 neue oder alte Dinge hinzu. Bernhard sagt, dass dem Museum sogar mal eine Ariane-Rakete angeboten wurde. Der Sammlungsbeirat musste aber ablehnen. Der Transport nach München wäre zu teuer gewesen. Das Teleskop in der Ost-Sternwarte ist mit einer Decke verhüllt. Bernhard dreht an einem Steuerrad und öffnet das hölzerne Dach. Es ist nur ein Spalt, ein Blick auf den Himmel. Aber wir staunen trotzdem, weil es heute unser Spalt ist. Die Batterien unserer Taschenlampen schwächeln. Wir machen uns auf den Weg zu unserem Schlafplatz in der Flugzeugabteilung, gehen vorher aber noch ins „Kinderreich“. Bernhard steigt in eine überlebensgroße Gitarre und ich zupfe von Außen an den Saiten, so dass er die Resonanz spürt, die den Ton erzeugt. Wir drehen an der archimedischen Schraube, die Wasser aus einem niedrig gelegenen in ein höher gelegenes Bassin dreht. Der Generaldirektor des Deutschen Museums wird immer wieder bei Unternehmen und Politikern vorstellig, wenn er um Geld für sein Haus bittet. Er sagt dann, dass das Museum am Beginn einer Wertschöpfungskette stehe: Hier würden Kinder für den Beruf des Ingenieurs begeistert. In der Gitarre zum Beispiel. An der Schraube. Der Generaldirektor muss sehr häufig auf diese vermeintliche Wertschöpfung hinweisen. Er braucht Geld, weil sein Museum in die Jahre gekommen ist. Es müsste saniert werden. Es braucht mehr Platz. Angeblich fehlen 400 Millionen Euro, um das Haus und die Sammlungen zu modernisieren. Bernhard breitet sein Nachtlager zwischen den Flugzeugen auf einem Podest aus. Es ist 2.30 Uhr. Ich kuschle mich in meinen Schlafsack unter eine Schleicher Ka 6 aus dem Jahr 1958, ein Segelflugzeug, das an der Decke hängt. Der Mond scheint durch die Panoramascheiben und ich überlege. Warum nur wollte ich schon als Kind hier liegen? Vielleicht hat mich die Dunkelheit gereizt, die eine solche Sammlung zu einem Geheimnis werden lässt. Vielleicht hat mich schon damals das Alleinsein gereizt. Ein Ort, der täglich von Tausenden von Menschen besucht wird, ist ein anderer, wenn man ihn allein erlebt (oder meinetwegen zu zweit). Womöglich ging es mir aber auch um mehr, um so etwas wie Gewissheit. Als Kind stellt man der Welt schließlich ganz viele Fragen. Ein Ort wie das Deutsche Museum ist da reizvoll, weil dort Antworten ausgestellt sind, die man anfassen kann. Und mit Antworten einzuschlafen, ist irgendwie ein gutes Gefühl. Nicht nur für Kinder. Ich schlafe ein, doch schon nach zwei Stunden geht das Licht an. Djula Rac weckt uns. „Die Putzkolonne kommt gleich“, sagt er. Die Nacht ist um. Ich habe einen Traum weniger.

Text: peter-wagner - Fotos: Jürgen Stein & Roger Simon

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