Alles im Griff

Martina Eberl war eine der besten Golferinnen Deutschlands. Dann machte ihr Körper Front gegen sie.
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Sie ist 24 Jahre alt, blond und das, was man eine Stimmungskanone nennt: ein Mädchen, das die gesamte Umgebung mühelos in gute Laune versetzt. Martina Eberl verdient ihr Geld mit Golf und ist nach eigener Aussage bayerische Vollblutpatriotin. Martina mag Musik und Milchkaffee aus großen Tassen. Aber eines ist vor allem wichtig, wenn es um sie geht: Martina Eberl ist ein echter Profi.

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Illustration: Julia Schubert

Winter in München. Normalerweise verbringt Martina diese Jahreszeit überall auf der Welt, aber nicht Zuhause. Auf schneebedeckten deutschen Golfrasen lässt sich schlecht trainieren. Dieses Jahr ist alles ein bisschen anders. Denn Martina hat etwas gemacht, was ihr eher fremd ist: eine Pause. Statt Turniere zu spielen, arbeitet eine der besten deutschen Golferinnen als Praktikantin in einer Firma für Sportartikel. Jetzt fläzt sie auf der Zirbelholzeckbank in ihrer Küche und sagt: „Wenn ich etwas mache, dann hundertprozentig.“ Das ist einer dieser Sätze, den Menschen sagen, die wissen, dass sie in ihrem Leben etwas geleistet haben. Und Leistung bringt Martina seitdem sie denken kann. „Wenn du als Berufssportler erfolgreich sein willst, musst du in der Lage sein, dich immer wieder über deine Grenzen zu zwingen.“ Dass diese Fähigkeit auch zerstören kann, weiß Martina seit letztem Jahr. Tennis oder Golf Mit drei Jahren beginnt Martina, Tennis zu spielen. Ihr Großvater, „ein absoluter Sportfanatiker“, entdeckt sein Interesse dafür. „Also hat er sich gleich einen Tennisplatz an sein Haus gebaut“, erzählt Martina und man hört die Begeisterung der Enkeltochter. Die ganze Familie spielt fortan regelmäßig, bis Opa Eberl sich dem Golfrasen zuwendet. Die fünfjährige Martina zieht dem Großvater auf einem Wagen die Schläger hinterher. „Zu Weihnachten hat er mir mein erstes Wilson Eisen geschenkt.“ In einem Alter, in dem andere Kinder die Wahl haben, ob sie mit ihren Puppen oder mit Playmobil spielen, wechselt Martina zwischen Tennis- und Golfschlägern. Auf Dauer ist das Springen zwischen Tennisplatz, Golfrasen und der Schule aber auch bei aller Motivation nicht zu bewältigen. „Mit 13 war ich an dem Punkt, wo ich mich für einen Sport entscheiden musste, wenn ich darin wirklich gut werden wollte.“ Etwas anderes als gut zu werden, steht überhaupt nicht zur Debatte: „Wenn ich etwas mache, will ich auch die Beste sein“. Martina entscheidet sich dafür, richtig gut zu Golfen. „Schon damals war mir klar, dass ich mich nicht nur für einen Sport entscheide, sondern für einen Beruf.“ Ein Beruf, der ungeheure Disziplin erfordert. Das bekommt Martina zu spüren, als sie ihre Mittlere Reife abschließt. Ein halbes Jahr lang steht die 16-jährige jeden Tag um vier Uhr morgens auf, um ihre Hausaufgaben zu machen. Dann radelt sie eine halbe Stunde in die Schule – „mein Konditionstraining“ – und geht von dort aus direkt auf den Trainingsplatz, wo sie bleibt bis es dunkel wird. Martina Eberl macht ihren Beruf ziemlich perfekt. Mit 20 Jahren ist sie die europäische Nummer Eins der Golfamateure, heute ist sie die höchstplatzierte Deutsche auf der „Ladies European Tour“. Sportartikelhersteller, Chemiekonzerne und Nachrichtenmagazine zahlen viel Geld, damit sie Kleidung mit ihren Logos anzieht. Es gibt keine Ligen im Golf, sondern Touren – wie die European Tour oder die US PGA Tour. Amateure leben in einer relativ gemütlichen Turnierwelt, in der Sponsoren- und Preisgelder keine Rolle spielen. Vor allem, wenn sie wie Martina Glück haben: Kurz nach ihrer Mittleren Reife nimmt der Deutsche Golfverband Martina in die „Top-Spitzenförderung“ auf. Ihr Unterhalt, das Training und die Reisen werden finanziert und alles, was sie dafür tun muss, ist das, was ihr am meisten Spaß macht: Golfen. „Das war schon ein geiles Leben“, schwärmt Martina. „Am Anfang des Jahres wurde mir ein Kalender in die Hand gedrückt und ich durfte ankreuzen, wo ich spielen wollte.“ Innerhalb von kurzer Zeit zählt sie zu den Besten unter den Amateuren, bezwingt eine sportliche Grenze nach der anderen. Dass ihr eigener Körper irgendwann Front gegen sie macht, kann sie nicht verhindern. Martinas Wohnung ist tapeziert mit Fotos, Landkarten, Nationalfahnen aus der ganzen Welt. Erinnerungsstücke aus ihrer Zeit in der Nationalmannschaft. Fünf Jahre lang spielte Martina auf Plätzen in Australien, Lateinamerika und Südostasien. Eine unabhängige Globetrotterin ist aus ihr dabei aber nicht geworden. „Ich bin schon immer auch gerne nach Hause gekommen“, sagt Martina. Auf der einen Seite ihrer Wohnung hängt eine US-Flagge, um sie an die High School zu erinnern, die sie eine zeitlang in South Carolina besucht hat. Das andere Eck ist verziert mit blau-weißen Rautenflaggen und einem handsignierten Bild des bayerischen Regierungschefs Edmund Stoiber. „Ich find’ den Typen genial. Ich mag einfach, wie der red’“, sagt Martina und klingt dabei gleich eine ganze Oktave bayerischer. Immerhin hat sie auf ihren weiten Reisen immer Gesellschaft. „Da bist du nie alleine“, erzählt Martina, „du hast einen Trainer dabei, einen Physiotherapeuten und natürlich die Teamkollegen.“ Das ändert sich, als sie mit 21 Jahren Profi wird. Zu dem Zeitpunkt ist sie die beste Amateurin in Europa, mit dem Wechsel fängt sie wieder ganz unten an. Viel schlimmer für Martina ist aber, dass der ganze Versorgungsapparat wegfällt. „Plötzlich musst du dich selbst um alles kümmern. Dein Training organisieren, deine Flüge buchen, Kontakte zu den Sponsoren aufbauen und deine Buchhaltung selber machen.“ Ein Berufssportler ist auch immer ein Unternehmen und Martina wird jetzt Betrieb und Chefin in einer Person. „Das erste Tourjahr war sehr hart“, erzählt sie. „Da habe ich mich oft gefragt, ob die Liebe groß genug ist.“ Martina spielt so schlecht, dass sie beinahe ihre Tourkarte, also die Zugangsberechtigung zu Profiturnieren, verliert. Der Umschwung kommt im Frühjahr 2004. Bei den Australian Open wird Martina überraschend Vierte, Ende des Jahres hat sie sich vom 79. auf den 12. Platz der Europarangliste gearbeitet. Doch selbst Erfolg ist keine Garantie gegen den psychischen Stress. Das erfährt Martina als auf einmal Heißhungerattacken und ein dazu gehöriger Brechreiz einsetzen. „Da habe ich einige Fehler gemacht“, sagt sie, und jetzt sprudeln die Worte nicht mehr ganz so munter aus ihr hervor. Drei Monate lang hatte sie ununterbrochen trainiert – mit Schlägern, die für sie nicht funktionierten. Die Geräte werden passgenau hergestellt, wenn ein Millimeter nicht stimmt, läuft kein Abschlag mehr wie geplant. „Ich habe es nicht gemerkt und war total verzweifelt, weil ich auf einmal so schlecht spielte.“ Dazu kommt, dass sich Martina Kontinente entfernt von Trainer, Familie und Freunden aufhält. Sie leidet extrem unter ihrem Heimweh. „In Australien war ich kurz davor, meine Sachen zu packen und nach Hause zu fahren. Aber ich wollte niemanden enttäuschen.“ Also macht sie weiter, trainiert „wie eine Geistesgestörte“ und verliert dabei die Kraft, sich gegen die eine Sache zu wehren, die sie nie wirklich im Griff hat: ihre Essstörung. Erste Diät mit elf Martina Eberl ist eine der wenigen Athletinnen, die sich öffentlich zu einer Sucht bekennen. In ihrem Fall heißt diese Sucht Bulimie und ist der Grund dafür, dass die Golferin vergangenen Sommer ihre Tour abbrechen muss. „Da ging überhaupt nichts mehr“, erzählt sie. „Ich bin teilweise mitten im Spiel vom Platz gerannt und habe mich übergeben.“ Die Krankheit und sie haben eine lange Geschichte. „Ich hatte noch nie ein besonders gutes Verhältnis zum Essen“, erinnert sich Martina, die ihre erste Diät als Elfjährige gemeinsam mit ihrer Mutter machte. „Ich fand halt alles gut, was meine Mama machte und wollte dabei sein.“ Das Verhältnis zum Essen verbesserte sich nicht mehr, vor fünf Jahren ging Martina das erste Mal in Therapie. „Nach vier Monaten habe ich mich endlich wieder richtig gut gefühlt, und das hielt dann auch ein paar Jahre an.“ Martinas Erklärung für ihre Krankheit hört sich bekannt an: „Letztlich ist es mein ewiger Drang zum Perfektionismus“, meint sie. „Von klein auf wollte ich es allen Recht machen. Immer nett, immer lustig, immer fröhlich – das bin ich. Die Bulimie war mein einziges Ventil, die eine Schwäche, die ich mir erlaubt habe.“ Eine Schwäche mit der sie in großer Gesellschaft ist. Nach Erhebungen der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung leiden etwa eine halbe Million Frauen zwischen 14 und 35 unter Anorexie oder Bulimie – und das sind nur die wirklich harten Fälle. Martina findet diesen Zustand empörend. „Das ist eine derartige Masse von Betroffenen und trotzdem passiert auf dem Gebiet nichts.“ Sie führt die grassierenden Probleme auf zwei Ursachen zurück. „Der eine Punkt sind natürlich die Schönheitsvorbilder in den Medien, gegen die kann man sich ja kaum wehren“, sagt sie. „Das andere ist, dass an uns Frauen wahnsinnige Ansprüche von allen Seiten gestellt werden: Wir sollen Karriere machen, den Haushalt schmeißen, Kinder erziehen und natürlich topfit und attraktiv bleiben. Irgendwo geht es dann nicht mehr weiter.“ Deswegen hat Martina neben ihrer Golfkarriere ein neues Aufgabengebiet für sich entdeckt: Sie macht öffentlich Front gegen Essstörungen. Dafür engagiert sie sich unter anderem bei ANAD e.V.. „Mir war es nie unangenehm, über mein Problem zu sprechen. Das ist nichts. wofür man sich schämen muss.“ Martinas Hauptberuf bleibt allerdings das Golfen. Bald startet die Saison, und die Pause der letzten Monate hat ihre Lust aufs Spielen nur gesteigert. „Ich habe mir viel vorgenommen für das Jahr“, sagt sie. Sie will unter die Top 20 Europas kommen, im Oktober einen Marathon laufen – und gesund bleiben. Ihre Beziehung zum Essen ist wieder harmonisch, aber eben auch zerbrechlich. Um das Gleichgewicht nicht zu stören, passt sie auf, keinen Heißhunger zu bekommen, aber auch kein schlechtes Gewissen, wenn sie doch einmal Lust auf eine Tafel Schokolade hat. „Bulimie ist wie jede andere Sucht. Vollkommen gesund wirst du nie. Aber du kannst sie in den Griff bekommen“, sagt Martina. Und die Dinge in den Griff zu bekommen, das macht sie eigentlich besonders gerne.

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