Als Arbeiterkind an die Uni

Wie Mentoren und ein Internetportal dazu ermuntern, einen akademischen Weg einzuschlagen
max-scharnigg

Florian Körner hat sich vor seinem Schulabschluss viele Gedanken über das Studium gemacht. Genagt hatte an dem Abiturienten aus Hannover besonders eine Sorge: "Ich dachte, wenn ich studieren würde, müsste ich ganz viel malochen." Vom Bafög hatte er noch nicht gehört, für ein Stipendium, dachte er, müsse er einen Abschluss von 1,0 in der Tasche haben. Mittlerweile blickt der 19-Jährige erwartungsfroh auf seinen neuen Lebensabschnitt, will sich um ein Stipendium bewerben oder, wenn das nicht klappt, Bafög beantragen. Geholfen hat ihm dabei "Arbeiterkind.de". Florian hatte durch Zufall von dieser Initiative für Schüler und Studierende erfahren, die als erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben. Informationen über die Studienfinanzierung erhielt der Abiturient im Internet und von den Mentoren: "Die ganzen Möglichkeiten, davon wusste ich vorher nichts", sagt Florian, der nun im Wintersemester mit Wirtschaftswissenschaften anfangen möchte. Genau das will arbeiterkind.de: Informieren und Mut machen. Mehr als ein Jahr nach ihrer Gründung ist die Initiatorin Katja Urbatsch stolz, aber auch verwundert über den Zulauf: Mittlerweile haben sich mehr als 1000 Mentoren registriert, die sich in mehr als 70 lokalen Gruppen organisieren; die Internetplattform hat monatlich zwischen 8000 und 10 000 Besucher. "Arbeiterkind.de" wurde bereits von der Bundeskanzlerin ausgezeichnet, und vor kurzem hat das Projekt eine Ausschreibung der Körber-Stiftung gewonnen: Ein Hamburger Abiturjahrgang wird ein Jahr lang von "Arbeiterkind.de" betreut. "Es ist wie ein Traum, dass die Idee so begeistert aufgenommen wird", sagt Urbatsch, die in Gießen promoviert.

Die ehrenamtlichen Mentoren legen Wert auf persönlichen Kontakt. Ermutigung sei sehr wichtig, betont Urbatsch. In Familien, in denen bisher niemand studiert hat, sei die Wertschätzung für einen akademischen Weg oftmals gering. "Da kann es auch zu kultureller Entfremdung von zu Hause kommen", sagt die 30-Jährige. In dem Netzwerk, das sie geschaffen hat, arbeiten Studierende und Berufstätige mit, von denen viele selbst Arbeiterkinder sind. Demnächst möchte Urbatsch auch in Haupt- und Realschulen aktiv werden, um die Kinder schon früh zu fördern. Die Marburger Studentin Carolin Göpfert hätte Freude an dieser Aufgabe. Die 26-Jährige war auf einer Hauptschule in Bayern, absolvierte später ein Berufsvorbereitungsjahr und eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Während eines Au-pair-Aufenthaltes in den USA entschied sie sich, noch ein Fachabitur zu machen und zog dafür nach Nordrhein-Westfalen. Anschließend studierte sie in den Niederlanden Marketing, glücklich war sie dort aber nicht: "Die anderen Studierenden hatten ein anderes Verhältnis zum Geld, ich hinkte als Arbeiterkind immer hinterher", sagt Göpfert. Sie versuchte es an einer Fernuniversität, da sie nebenher jobben musste. Dann erfuhr sie, dass man an einigen hessischen Universitäten auch mit dem Fachabitur studieren kann und schrieb sich in Marburg für Historische Sprach-, Text- und Kulturwissenschaften ein. Sie hofft, nun, endlich angekommen zu sein: "Ich war vor diesem Studium schon ein bisschen verzweifelt, fragte mich, ob mich denn keiner versteht." Göpfert hat sich alles Wissen über mögliche Wege zur Hochschule selbst angeeignet. In der Schule war ein Studium nie Thema, und auch von den Lehrern und ihrem Umfeld wurde sie wenig unterstützt. Sie freut sich, dass sie von den Mentoren von "Arbeiterkind.de" Motivation und konkrete Hilfe bekommt. Wenn es soweit ist, will die junge Frau selbst als Mentorin Haupt- und Realschulen besuchen. Noch laufen viele Anfragen und Kontakte über Gründerin Urbatsch persönlich. Geplant ist jedoch, feste Mitarbeiter einzustellen. Doch das ist auch eine Frage der Finanzierung - die Mittel der Initiative speisen sich bislang ausschließlich aus Spenden und Preisgeldern. Seit Mai ist "Arbeiterkind.de" gemeinnützig, was das Sammeln von Spenden vereinfacht. Ursprünglich hatte Urbatsch, die mit ihrem Bruder als erste in ihrer Familie ein Studium aufnahm, nur einen Internetauftritt. Auf der Webseite wollte sie Informationen für Arbeiterkinder bereitstellen, um so die Schüler an die Hand zu nehmen - wie es in Akademikerfamilien die Regel ist. Doch dann kam das bundesweite Mentorenprogramm hinzu. Der technische Redakteur Jens Reineking ist Mentor in Berlin. Der 37-Jährige sagt sogar, er habe in der Initiative etwas gefunden, wovon er zunächst gar nicht wusste, dass es ihm fehlte: Er habe, sagt er, Frieden schließen können mit den eigenen Wurzeln.

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