Also, jetzt von Frau zu Mann oder andersherum?

Unterwegs mit einer siebten Klasse auf Stadterkundung zum Thema Homosexualität
peter-wagner

Marcel und Manuel, siebte Klasse einer Münchner Realschule, sitzen in einem Café im Glockenbachviertel und treffen Menschen aus München. Homosexuelle, Transsexuelle und einen Mann, der das HI-Virus trägt. Gerade hat ihnen Henrik, vormals Georgia, Worte wie Transmann und Transvestiten in den Block diktiert, da kommt der nächste Gesprächpartner an den Tisch: Robert Bayer von Team München. „Welche Ziele verfolgt Team München?“, fragt Marcel. „Wir sind ein schwul-lesbischer Sportverein“, sagt Bayer. „Ein schwuler Sportverein“, wiederholt Marcel für sich und beginnt zu schreiben. „Ein schwul-lesbischer Sportverein“, korrigiert Bayer. Marcel ist irritiert und Manuel greift ein. „Nein, ein schwuler Lesbensportverein“, sagt er zu Marcel. Robert Bayer hebt zur Korrektur an. In einer Stadterkundung tauchen Schüler in die Welt so genannter Minderheiten. Eine solche Rallye ist etwas Besonderes, weil es den Menschen eigentlich zu mühevoll ist, die bunten Blumen im sozialen Schrebergarten des Nachbarn kennen zu lernen. München zählt viele verschiedene Schrebergärten – wie soll man jeden einzelnen kennen und verstehen? Viele schaffen das nur durch die Reduktion aufs Klischee: Lesben? Mannweiber. Schwule? Tunten. Bei Bedarf kramen sie entweder jene schlecht gemalten Bilder einer Minderheit vor, oder sie hatten das Glück, einer Stadterkundung von Peter Ruch beizuwohnen. Ruch arbeitet am Pädagogischen Institut des Schulreferats in der Lehrerfortbildung und bietet Lernpakete, die er vielleicht besser Erfahrungspakete genannt hätte. Im Paket stecken Satz- und Personenpuzzles und auch das Angebot einer Stadtrallye. „Aber Du bist doch so nett!“ „Ja, die sind schon sehr jung‘, sagt Peter Ruch im Angesicht zweier siebter Klassen, es ist Viertel nach acht am Sendlinger Tor. Ruch blickt in die Runde und sieht: Kick-Off Pubertät. Die Mädchen der Klasse bemühen ihre „Davon-verstehst-Du-noch-nichts“-Einstellung gegenüber den Jungs und die Jungs scheinen mit ihren „NY“-Schirmmützen im Niemandsland zwischen Was-ist-Was-Buch, Fußballplatz und Flaum über der Oberlippe zu stehen. Es geht los. Rita Braaz sitzt betont leger auf ihrem Stuhl in den Räumen von LeTra, LesbenTraum. So heißt die Beratungsstelle für Lesben, der sie die Öffentlichkeitsarbeit macht. „Wir machen hier Antidiskriminierungsarbeit. Wisst ihr, was das ist?“ Zweimal hallt „Nein“ durch den vor Schüchternheit satten Raum. Die Mädchen horchen, die Jungs meistern die Stille mit Faxen. Neben Braaz sitzt der Rädelsführer der Klasse, der Lauteste, eine Art Bonsai-Macho, wie ihn später der Mann vom Schwulenzentrum nennen wird. Braaz sagt: „Einmal war eine Klasse hier und ich habe gefragt: Wisst ihr, warum ihr hier seid? Da sagte ein Junge: Damit wir Schwule nicht mehr scheisse finden. Jetzt frage ich Euch: Wenn Eure Freunde lesbisch oder schwul wären, wäre das okay?“ Es meldet sich der Bonsai-Macho: „Ich möchte keinen schwulen Freund haben“ . Und wendet sich ab. Rita Braaz erlebte herbere Reaktionen. Der Bonsai-Macho einer anderen Schülergruppe im LeTra gab zu bedenken, dass ein schwules Pärchen auf dem Schulhof die Pause nicht überleben würde. Rita Braaz entdeckte nach jenem Treffen im LeTra eine Pisspfütze im Kloraum. Neben der Schüssel. Braaz erzählt kleine Anekdoten, die klar machen, warum Homosexuelle zurecht Teil des Unterrichts über Minderheiten sind. Sie gibt Selbstverteidigungskurse und trainierte Sechsjährige. Da fragten die Kinder: Rita, hast Du einen Mann? „Nein“. Hast Du einen Freund? „Nein“. Hast Du ein Haustier? „Nein. Ich habe eine Freundin“. Die Hälfte der Kinder schrie laut Braaz auf und verließ den Raum – kam dann jedoch wieder und meinte: „Aber Du bist doch so nett!“ LeTra kämpft gegen das „Aber“ und das „doch“. Aus dem Klassentross werden Arbeitsgruppen und Manuel, Marcel und zwei Klassenkameraden treffen Henrik. Er hat eine Visitenkarte mit der Internetadresse von Transmann e.V., trägt Bartstoppel und sagt: „Transsexualität heißt: Du willst sieben Tage die Woche in einem anderen Körper sein.“ Henrik erzählt von Dragqueens auf Bühnen und Transvestiten in Frauenkleidern. Marcel nickt und notiert, Henrik erklärt Transgender, redet von sozialen Rollen. „Ah, soziale Rolle“, sagt Marcel, als habe er verstanden, seine Wollmütze tief im Gesicht. Er hat fertig geschrieben und hebt an: „Und die Transwitten sind jetzt von Frau zu Mann oder andersherum?“ Henrik lächelt. Wie ein Buffet mit tropischen Früchten liegt die Sexualität an diesem Morgen vor Marcel und Manuel. Ist es zuviel? Muss nicht ein Maß an Vorwissen oder Vor-Leben da sein, um über soziale Rollen diskutieren zu können? Vielleicht: Nein. Vielleicht tanken Marcel und Manuel an diesem Morgen Selbstverständlichkeit und der frühe Blick in soziale Schrebergärten wirkt wie eine Medizin gegen Vorurteile. Henrik erzählt von Psychotherapie, von Hormonbehandlung, von Penisaufbau. Und Marcel schreibt und schaut auf: „Also die Harmone steuern, ob’s ein Junge oder Mädchen wird, ja?“ Die Harmone. Henrik korrigiert und wiederholt, blättert sich auf wie ein Buch, erzählt von seinem Vater. Der reagierte auf seinen Geschlechtswechsel, wie es das Vorurteil nicht erwarten würde. „Er meinte nur: Jetzt habe ich endlich einen Sohn.“ Heute werkeln beide gemeinsam am Haus des Vaters. Männerarbeit. Eine halbe Stunde Gespräch ist vergangen, da fragt Manuel: „Dann waren Sie also früher eine Frau?“ Henrik lächelt. „Das merkt man gar nicht“, fügt Manuel hinzu. Ein Hauch rosa fliegt über Henriks Gesicht. Vielleicht ist es die Freude, dass Gefühl und Aussehen übereinstimmen. Henrik stand schon oft vor Klassen oder Zivildienstleistenden. Nie aber vor Siebtklässern. „Die Zivis wollten eigentlich nur wissen, was ich jetzt in der Hose habe.“ Die Arbeitsgruppen streifen durch das Glockenbachviertel. Sie treffen Polizisten, die ihnen von Gewalt gegen Homosexuelle berichten, treffen einen schwulen Pfarrer, treffen bei Viva einen Mann, der zu Rebecca wurde, betreten einen Frauenbuchladen, plaudern mit der les-bi-schwulen Jugendhilfe von diversity und sitzen in der Jahnstraße Steffi Sfeir gegenüber, die im Ragazza arbeitet, dem Treff für Mädchen und junge Frauen, für Lesben. Hier finden Mädchen Hilfe, haben Spaß und quatschen. Unter anderem über Bedenken wie das einer Schülerin: „Ich hätte Angst, dass meine Freundin auf mich steht.“ Da fragt ihr Klassenkamerad plötzlich: „Ist das hier eine Partnervermittlung?“ Die weiblichen Klassenkameradinnen runzeln peinlich berührt die Stirne und Steffi Sfeir lacht. Ragazza ist das Sprungbrett zum selbstverständlichen Lesbischsein. „Sind sie auch lesbisch?“, fragt eine Schülerin. Steffi Sfeir schüttelt den Kopf und eine Form von Anspannung weicht aus dem Gespräch, dieser spürbare Benimm dem Unterrichtsobjekt „lesbisch“ gegenüber. Guido Vael öffnet die Tür zum Schwulenzentrum Sub, stellt sich der Klasse vor, die hier die Ergebnisse aus den Gesprächen des Vormittags vortragen soll. Vael kümmert sich im Sub um die Gesundheitsförderung, ist HIV-infiziert und spricht von Mobbing und Gewalt gegen Schwule. Die Siebtklässler schweigen, Vael wäre eine feine Herausforderung für eine Diskussion, aber die Schüler vibrieren. Der Tag war lang, die Konzentration schwindet, den Vortrag der Ergebnisse aller Gruppen unterbricht die Lehrerin nach der Hälfte und verschiebt ihn auf den nächsten Unterricht. Erkundung der Minderheit beendet. Der „Verbrecher“ im Haus Was war sie wert? „Künftig werden die Berührungsängste nicht mehr so groß sein“, sagt Vael. Es ist ein matschiger Weg von der Toleranz zur Akzeptanz. Tolerant sein geht leicht, solange es nicht im eigenen Garten gefordert ist. Erst die Nähe von etwas Fremdem fordert das Entscheidende: Akzeptanz. „Ich habe Schülerinnen erlebt, die mich nach der Diskussion umarmt haben, Schüler die mich auf der Straße wieder erkannt und angesprochen haben“, sagt Vael. Er erinnert sich an den Satz, den ihm sein Vater nach dem Outing unterbreitete. „Ich habe nicht mein Leben lang gearbeitet, um dann einen Verbrecher im Haus zu haben.“ Weil solche Sätze noch nicht im Archiv sind, mag Guido Vael die Stadterkundungen. Die Schüler gehen, Vael schließt das Sub. Da geht auch der von ihm so getaufte Bonsai-Macho. Er hat in der Hand, immer noch, schon den ganzen Tag: eine Rose. Es ist Valentinstag. Tag der Verliebten. Illustration: Daniela Pass Eine Auswahl der Orte der Stadterkundung „Homosexualität“ im Internet: - letra.de - imma.de - transmann.de - subonline.org - diversity-muenchen.de - team-muenchen.de Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die jeden Dienstag im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint