Am Ende war immer alles Isi

Ein Abgesang auf das X-Cess, Münchens untypischste Kneipe.
Aus der jetzt-Redaktion
x cess cover
Foto: Matthias Eberl

Das X-Cess hat alles richtig gemacht, weil es alles anders gemacht hat. Münchner Bars haben Türsteher, damit das Publikum so aussieht, wie der Inhaber sich das wünscht. Ins X-Cess kann jeder kommen. Wer nicht rein passt (im wörtlichen Sinne), geht von selbst wieder. Die Inneneinrichtung Münchner Bars ist durchgestylt und Servicekräfte wischen die Tische im 20-Minuten-Takt. Im X-Cess stehen Fließentische und zerschlissene Ledersofas vom Flohmarkt. Münchner Bars bewerben ihre Abendveranstaltungen mit bekannten und weniger bekannten DJs. Im X-Cess weiß man nie, wer auflegt. Es gab schon Abende, an denen liefen „Thunderdome“-Techno-Sampler aus den frühen Neunzigern, an anderen Country. In Münchner Bars benimmt man sich, verhält sich zurückhaltend und spricht, wenn man sein Herz in die Hand nimmt, die Person an, die man gerne kennenlernen würde. Im X-Cess fällt einem jemand in die Arme und es ist gut so. Und weil es im X-Cess keine Regeln gibt, außer freundlich zu sein, war jeder Abend dort anders, nicht erwartbar, immer besonders, verrückt, verzaubert. So wie Nächte in dieser Stadt immer sein sollten – fernab von Schickimicki, Snobs und Pseudochic. Doch nun  wird das X-Cess schließen. Eine Requiem von fünf Insidern.

„Wir haben viel gestritten aber nie im X-Cess“

Matthias Eberl ist freier Journalist und gewann mit seiner Audio-Slideshow über das X-Cess den Deutschen Reporterpreis:

„Meine Wahrnehmung vom X-Cess und auch meine Audio-Slideshow wurden vor allem von einer Frau geprägt, mit der ich vor einigen Jahren viel Zeit im X-Cess verbracht habe. Ich mochte die Bar vor allem, weil dort alles so unbekümmert war. Der Lärm, die Enge und die Offenheit der Gäste legte sich wie ein Mantel um uns und bestätigte: Macht ihr beiden einfach, was ihr wollt. Wir redeten über Winterreifen, russische Schriftsteller, sexy Haare, den Barkeeper vom Holy Home, flüchtige Wesen und einen Pianospieler, der einmal unglücklich in sie verliebt war. „War das gerade eine Anspielung auf mich?“, fragte ich. „Diese Geschichte mit dem Pianomann?“ Ich setzte mich seitwärts, weil ich mit meinem Kopf ständig an das Gemälde mit Sonnenuntergang stieß. Unsere Knie berührten sich in der Enge. Ich schaute ihr in die Augen. „Nein“, antwortete sie betont beiläufig. „Ich könnte mich ja auch in dich verlieben.“ „Besteht die Gefahr?“ „Nein“, antwortete sie. „Und glaubst du, ich könnte mich in dich verlieben?“ „Nein.“ Ich lachte laut und meinte: „Sehr gut, zweimal gelogen.“ „Nein“, sagte sie. „Nur einmal.“ Der ganze Abend ging so. Es war wunderbar. Aber um halb fünf war Schluss. Da steht dein Fahrrad, mir ist kalt, ich will ins Bett, ciao, bis nächste Woche und ich blieb zurück in der Nacht. Grauer, kalter Donnerstagmorgen. Wo ihr Atem gerade noch kleine Wölkchen gebildet hatte, war jetzt ein großes Fragezeichen. Ein paar Monate später waren wir ein Paar. Wir haben viel gestritten aber nie im X-Cess. Als ich Ende 2008 mit meiner Audio-Slideshow über das X-Cess begann, waren wir bereits länger wieder getrennt. Ich wollte die magische Stimmung einfangen, die meine Erinnerung an diese Kneipe ausmachte. Ich versuchte, bei den anderen Gästen das Spiel und die Blicke abzulichten, die es damals zwischen uns gab. Insgesamt habe ich dann über 6 000 Fotos geschossen, wie ein Besessener. Die Reportage gefiel den Leuten. Die ungekürzte Fassung auf meiner Website wurde in manchen Monaten fast 20 000 Mal aufgerufen. Ein Jahr später bekam ich in Berlin den Deutschen Reporterpreis dafür. Dass die Kneipe nun dichtmacht, ist für mich nur das logische Ende dieser fünfjährigen Episode aus Höhen und Tiefen. Ich sollte versuchen, nach vorne zu schauen. Neue Bars, neue Reportagen, vielleicht auch neue Frauen.“

„X-Cess-Bar-Vera“

Adrian Renner, Student:

„Später, als wir uns schon ein bisschen besser kannten, stellte sie sich meinen Freunden als die Vera aus dem X-Cess vor. Als wäre damit sofort alles klar. „X-Cess-Bar-Vera.“ Wir waren irgendwie auf der Bank vor der Rio-Tapete ins Gespräch gekommen, oder sie saß auf dem Tisch, und ich auf der Bank. Wir hatten ein bisschen geredet, dann knutschten wir, dann ließen wir es wieder, weil sie eigentlich doch lesbisch war. Wir haben uns nur zwei- oder dreimal in diesen zwei Jahren verabredet, ansonsten trafen wir uns immer im X-Cess. Manchmal schrieben wir uns, am Freitag- oder Samstagabend „Bist du da? Komme noch“ aber meistens kamen wir einfach und der andere war da. Sie hatte meistens orange Haare, fast die gleiche Farbe wie das Licht und die Vorgänge. Es war ihr Laden. Sie liebte ihn und die Leute drinnen liebten sie. Vor ein paar Monaten ist sie weggezogen. Wir werden uns wohl nie wieder sehen, wenn Isi zumacht, was traurig ist und dennoch: Wir werden uns so in Erinnerung behalten, wie wir nie waren. Nur im X-Cess.“

„Wahrscheinlich werden wir auch das Glockenbachviertel verlassen - mit dem geht es eh bergab, so wie mit Schwabing in den Siebzigern“

Murat Türüt, 31, stellvertretender Geschäftsführer im X-Cess:

„Ich arbeite seit 2003 im X-Cess, also kurz nachdem der Laden eröffnete. Anfangs waren wir nur zu dritt: Isi, Harkan und ich. Wir haben zehn Tage am Stück gearbeitet, dann einen Tag Pause gemacht. Allerdings war früher auch noch nicht so viel los wie heute. Mittlerweile ist das Hardcore-Gastro. Ab 1 Uhr geht es richtig los. Dann sind alle Anständigen nach Hause gegangen und nur noch die Feierwütigen bleiben übrig. Am schwierigsten ist es, sich zwischen den Leuten durchzudrängeln, um Flaschen und Gläser einzusammeln. Aber die Leute im X-Cess sind entspannt, niemand ist aggressiv. Seit September sind wir auf der Suche nach einer neuen Location. Aber es ist schwierig, das X-Cess passt nicht in jeden Laden. Wahrscheinlich werden wir auch das Glockenbachviertel verlassen - mit dem geht es eh bergab, so wie mit Schwabing in den Siebzigern.“

„Ist man zum Tanzen zu schüchtern, braucht man sich nur irgendwo hinzustellen, man wird eh mitgetanzt"  

Lars Gaede ist Journalist und lebt in Berlin:

 „Da ist man also aus München wieder zurück in Berlin, in der Heimat. Also, alles schön soweit. Überkämen einen nicht ab und an diese München-Melancholien, sanft und hinterhältig wie eine, nun ja, Föhn-Brise. Man erinnert sich an Lagerfeuer an der Isar, drei Helle in der Mittagspause, man denkt an das liebliche Röhren startender Porsches am Morgen und man vermisst die Anarchie des X-Cess. Ist man zum Tanzen zu schüchtern, braucht man sich nur irgendwo hinzustellen, man wird eh mitgetanzt. Die klassischen Funktionen von Tischen und Bänken sind aufgehoben, man steht auf den Bänken und sitzt auf den Tischen, je nach Stimmung. Die Musik ist immer eine Überraschung, meist eine gute. Das Interieur des Ladens ist sensationell hässlich. Die Tapete mit den symmetrisch aufgedruckten Brüsten ist kein 3D-Bild, auch nicht wenn man schielt. Kurz gesagt, das X-Cess ist ein enges, stickiges, wunderbares Chaos. Und genau deshalb erfahren viele frisch Zugezogene und München-Besucher hier eine Art spirituelle Reinigung. In dem Moment in dem sie die Tür des X-Cess öffnen, den Vorhang beiseiteschieben und sich dem Taumel hingeben, sind ihre über Jahre von München-Vorurteilen gepeinigten Seelen geheilt. All die Ängste, Widerstände, die Klischees über das hysterisch-ordentliche Gucci- und Pucci-München – spätestens wenn der Wirt Isi einem einen Lolli in die Hand drückt, weiß man: Alles ist okay."

„Vielleicht wird der Isi ja Wiesnwirt im neuen X-Cess-Zelt auf dem Oktoberfest“

Lisa Sonnabend und Max Sterz betreiben das Blog muenchenblogger.de:

„Wir schreiben das Jahr 2005. Das X-Cess ist der aufsteigende Stern am Münchner Kneipenhimmel. General Isi ist unumstrittener Oberbefehlshaber und zugleich Maskottchen einer Armee absturzwilliger Bubsis und Süßies aller Altersklassen, die stets bis in die Morgenstunden mit Lollies und bayerischem Champagner bei Laune gehalten werden wollen. „Also, ich gehe jetzt noch ins X-Cess“ gehört zu den meistgesagten Sätzen auf Münchens Straßen, nachts um halb zwei. Wer einmal die kleine Bar betreten hat, wird abhängig. In der Mitte der Nuller-Jahre lässt das X-Cess die Konkurrenz meilenweit hinter sich. Im Laufe der Zeit verliert das X-Cess allerdings ein wenig von seinem ursprünglichen Charme der Improvisation. Eine Mauer trennt irgendwann die täglich wechselnden Hobby-DJs von ihrem Publikum. Eine „Tittentapete“ hält Einzug in Münchens schönstem Loch. Auf den Toiletten werden „Bumsgriffe“ installiert. Das X-Cess arbeitet an seinem Ruf. Und das mit Erfolg. Der exzessive Anspruch ist kurz vor dem Ende der Kneipe so hoch wie noch nie, das Gedränge 2010 ist definitiv ein anderes als das vor fünf Jahren. Mehr Platz kann für das „neue„ X-Cess also gar nicht schaden. Wo das sein wird, darüber hält sich Isi noch bedeckt. Alles riecht nach einer Sensation. Vielleicht wird der Isi ja Wiesnwirt im neuen X-Cess-Zelt auf dem Oktoberfest. Tittentapete inklusive.“

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