„Am liebsten hätte ich beide Pässe“

Fünf türkischstämmige Münchner erzählen, wie es ist, sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen
sascha-chaimowicz

Manchmal liegt die Frage nach der eigenen Identität im Briefkasten. Die in Deutschland geborenen Kinder ausländischer Eltern müssen seit 2008 entscheiden, ob sie Deutsche oder Ausländer sein wollen. Fünf Jahre gibt ihnen der Staat Zeit für diese Entscheidung; mit 18 kommt der Brief, mit 23 spätestens muss der Entschluss feststehen: Haben sie bis dahin nicht reagiert, bürgert Deutschland sie automatisch aus. Das rot-grüne Gesetz stammt aus dem Jahr 2000. Es war zugeschnitten auf unter Zehnjährige und beginnt nun zu greifen: Die Kinder von damals werden jetzt 18. Kritiker nannten das Gesetz von Anfang an einen schlechten Kompromiss. Die Schröder-Regierung wollte es Kindern möglich machen, auch ohne deutsche Eltern zusätzlich zum ausländischen einen deutschen Pass zu bekommen. Den konservativen Parteien ging die doppelte Staatsbürgerschaft zu weit, der Kompromiss hieß „Optionspflicht“, der Zwang, sich bis zur Volljährigkeit zu entscheiden: Bist du Deutscher oder Ausländer? „In den nächsten Jahren kommt eine riesige Klagewelle auf uns zu“, sagt der Hamburger Anwalt für Ausländerrecht Arne Städe. 50 000 Menschen werden die Frage bis zum Jahr 2018 beantworten müssen, schätzt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer. Auf der nächsten Seite erzählen fünf türkischstämmige Jugendliche aus München, ob sie Deutsche oder Türken sein wollen:


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Illustration: Julia Schubert

Enes, 15 Jahre „Ich bin zwar in Deutschland geboren, sehe mich aber als Türke. Wahrscheinlich wähle ich den türkischen Pass. Das ist so ein Gefühl, von innen heraus. Mein Aussehen, meine Sprache, das alles ist türkisch. Daheim sprechen wir wenig deutsch, weil mein Vater mich sonst nicht gut verstehen würde. Die meisten meiner Freunde wollen ihre deutschen Pässe behalten. Das verstehe ich, immerhin hat uns dieses Land zu essen gegeben. Ich wohne hier gerne. Am liebsten wäre mir, ich könnte beide Pässe haben. Das würde besser zu mir passen. Der türkische Pass brächte für mich viele Nachteile. Das fängt schon mit den Arbeitsgenehmigungen an, die ich dann bräuchte. Außerdem müsste ich dann in die türkische Armee.“


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Illustration: Julia Schubert

Hassan, 18 Jahre „Ich fühle mich zu 100 Prozent türkisch, also wird es auf jeden Fall der deutsche Pass sein, den ich abgebe. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber meine Eltern sind Türken, das prägt einfach. Mit der türkischen Armee habe ich kein Problem, das wird bei mit so ablaufen, dass ich für etwa fünf Tage dort hinmuss und mich für den Rest der Zeit quasi freikaufen kann. Das kostet ungefähr 4000 Euro, glaube ich. Dann komme ich so schnell wie möglich wieder nach Deutschland und mache meine Meisterprüfung. Ich mache eine Ausbildung zum Gas-Wasser-Installateur. In die Türkei auszuwandern ist für mich kein Thema, ich bleibe auf jeden Fall hier in Deutschland.“


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Illustration: Julia Schubert

Funda, 16 Jahre „Natürlich behalte ich den türkischen Pass, das hat mir meinem Stolz zu tun. Ich fühle mich als Ausländer, obwohl ich hier geboren bin. Das hat viel mit unserer Familientradition zu tun, meine ganze Verwandtschaft ist türkisch. Meinen Eltern war klar, dass ich die türkische Staatsbürgerschaft behalte, die kennen meine Einstellung. Enttäuscht wären sie aber nicht, wenn ich mich anders entscheide. Meinen jüngeren Geschwistern lassen sie auch alle Freiheiten. Solange ich hier lebe, passe ich mich an und halte mich an die Regeln. Meine Identität gebe ich aber nicht auf. Nach der Ausbildung zur Arzthelferin möchte ich Deutschland verlassen und in Thessaloniki leben, wo meine Eltern eine Villa haben. Das ist ja immerhin ganz in der Nähe der Türkei. Ein türkischer Mann muss es für mich dann aber nicht sein.“


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Illustration: Julia Schubert

Büsra, 17 Jahre „Ich werde vom Pass her Deutsche bleiben, vom Herzen her bin ich aber Türkin. Der deutsche Pass bringt mir einfach mehr: Nach der Schule will ich Kinderpflegerin werden, und als Türkin müsste ich dafür zum Beispiel einen Deutschtest machen. Im Sommer fliege ich mit meinen Eltern immer für fünf Wochen nach Ankara. Dort werde ich von den Leuten gefragt, ob ich Deutsche bin, hier fragen mich alle Leute, ob ich Türkin bin. Das ist schon komisch. Einen Grund, aus Deutschland wegzuziehen, sehe ich nicht.“


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Illustration: Julia Schubert

Emre, 17 Jahre „Bei uns daheim ist das ein großes Thema. Die türkische Eishockey-Nationalmannschaft hat mich kontaktiert, die wollen mich haben. Das geht natürlich nur, wenn ich meinen deutschen Pass aufgebe, und darauf habe ich keine Lust. Ich müsste in die türkische Armee, eineinhalb Jahre lang, die möglichen Einsatzorte sind alle richtige Krisengebiete. Der Umgangston unter den Soldaten ist dort ziemlich rau, mein Opa hat das mitgemacht und mich gewarnt. Generell gefällt mir die Situation in der Türkei nicht, besonders, wenn ich mir ansehe, wie das Land mit den Kurden umgeht. Ich bin einmal im Jahr in der Türkei. Die Leute erkennen aus 100 Meter Entfernung, dass ich kein Türke bin, da kann ich anziehen, was ich will. Ich werde dort nicht akzeptiert.“

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