Andrea und Daniel bändigen Monster

Für manche Studenten ist das Schreiben der Abschlussarbeit die Hölle – das muss nicht sein, sagen die Gründer von "Studentencoach" in München
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Die Münchner Andrea Duchek, 33, und Daniel Roth, 37, gründeten vor zwei Jahren Studentencoach: Gemeinsam mit zehn Mitarbeitern lektorieren und korrigieren sie Hausarbeiten, Diplomarbeiten und Doktorarbeiten oder geben Schülern Nachhilfe in der Schule und Orientierung bei der Studienwahl. Ein Interview über Trendfächer und die Studentengeißel namens „Diplomarbeit“. jetzt.muenchen: Andrea, Daniel, Sie helfen unter anderem Schülern bei der Studienwahl. Sollte sich da nicht die Schule drum kümmern? Daniel: Ich unterrichte selbst Mathe und Ethik an zwei Privatgymnasien und glaube, dass sich Schulen zu wenig darüber im Klaren sind, dass sie Schüler auf eine Uni-Karriere vorbereiten sollen. jetzt.muenchen: Was müsste anders werden? Daniel: Der Professor müsste mal eine Oberstufe unterrichten und ein Lehrer das erste Semester. jetzt.muenchen: Mit welchen Studienideen kommen die Schüler zu euch? Andrea: Viele suchen nach Sicherheit und studieren deshalb die Mainstream-Studiengänge. Die Elterngeneration konnte viel erreichen und kam in gut bezahlte Jobs – heute ist das aber anders. jetzt.muenchen: Die Schüler wollen mit einem BWL- oder Jurastudium das berufliche Risiko minimieren? Andrea: „Ich möchte später gut verdienen“ höre ich von Schülern oft, auch wenn sie mit Arbeitslosigkeit noch nie zu tun hatten. jetzt.muenchen: Woher diese Angst? Daniel: Das ist eine realistische Einschätzung der Welt. Du gehst nicht mehr zu Siemens und bleibst 30 Jahre. Andrea: Die Pfründe, die sich Akademiker erwerben, halten heute nicht mehr das ganze Leben vor. Der Bankkaufmann kann mir leicht meinen Job streitig machen, wenn er sich ständig weiter qualifiziert. jetzt.muenchen: Wie beratet ihr? Andrea: Wir machen einen psychologischen Neigungstest und erarbeiten eine Studienrichtung. Wenn das Ergebnis ankommt, suchen wir einen geeigneten Studienplatz und -ort. jetzt.muenchen: Gibt es Trendfächer? Andrea: Trendfach Nummer eins ist Betriebswirtschaftslehre. jetzt.muenchen: Ist das eigentlich ein bestimmter Schülertyp, der BWL studieren will? Andrea: Bei den Tests fragen wir immer: Interessiert es dich, ein guter Verkäufer zu werden? Tatsächlich sagen viele: ,Ja, das würde mich interessieren.’ Daniel: Das ist wirklich komisch. Andrea: Gerade mal fünf Prozent derer, die den Findungstest machen, sagen darauf „nein“. Auch der Wunsch, Leute zu manipulieren und zu Kaufentscheidungen zu bewegen ist bei vielen da. Und bevor ich es vergesse: Zum Ingenieursstudium gibt es gerade einen Trend. Daniel: Aber wir haben das Schweinezyklusproblem: Soll man jetzt anfangen?

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Illustration: Julia Schubert

Daniel und Andrea. jetzt.muenchen: Gerade wird nach Ingenieuren gesucht. Daniel: Eben. Wird man da noch rechtzeitig fertig? Ich kann es nicht gewiss sagen. Es gibt nur ein sicheres Studium. jetzt.muenchen: Und zwar? Daniel: Mathematik. Das ist das Sicherste, was man machen kann. jetzt.muenchen: Sie sind Mathematiker. Daniel: Ja, aber wenn man sich da mal durchgekämpft hat, können Mathematiker alle Stellen besetzen. In der Biologie, in der Physik – das Bewerten von Aktienoptionen bei der Bank besorgen zum Beispiel Mathematiker.


jetzt.muenchen: Aber trotzdem lassen sich Wenige auf das Studium ein. Daniel: Die ersten zwei Jahre waren auch schrecklich: Fünf Minuten der Vorlesung habe ich was verstanden, dann war es aus und ich habe 85 Minuten nur mitgeschrieben und nichts verstanden. jetzt.muenchen: Waren Sie in der Schule in Mathe gut? Daniel: Ich hatte immer eine Eins. Aber als der Prof reinkam, hat er gleich gesagt: Ich weiß, dass sie alle auf Eins standen. Aber jetzt warten wir mal zwei Wochen ab, dann ist die Hälfte schon weg. Er hat recht gehabt. jetzt.muenchen: Studentencoach entstand, weil sie schon während des Studiums die Arbeiten der Kommilitonen gelesen haben. Warum sind die Kollegen immer zu Ihnen gekommen? Andrea: Ich musste in Germanistik eine Rechtschreibprüfung ablegen und war da recht fit. Nach und nach kamen dann die ersten Arbeiten von Freunden, es wurde mehr, ich lernte Daniel kennen und wir haben begonnen, Kommilitonen zu coachen, sie einmal die Woche zu betreuen. Irgendwann sagten die Profs: Geben Sie die Arbeit vor der Abgabe doch Andrea und Daniel. Daniel: Es hat aus purer Not angefangen – die meisten arbeiten viel, schaffen es aber nicht, ihre Ergebnisse zusammenzuschneiden. jetzt.muenchen: Erzählen Sie ein Beispiel. Daniel: Der dramatischste Fall war ein Freund. Er schrieb über das Verhältnis zwischen China und Deutschland und rief eines Tages an: „Daniel, es ist eine Katastrophe“. Als ich in sein Zimmer kam, war alles voller Blätter, auf denen er zum Beispiel eine deutsch-chinesische Konferenz detailliert beschrieben hat. Er schrieb auf, wer alles anwesend war, wer wem was gesagt hat. Aber das hat nichts in einer Schlussarbeit zu suchen! Ich habe seine 300 Seiten, die er geschrieben hatte, geordnet, strukturiert, Übergänge geschrieben und natürlich gekürzt. Derart dürfen wir aber heute nicht mehr in eine Arbeit eingreifen; das ging nur, weil wir Studenten und er ein Freund war. jetzt.muenchen: Bedeutet das Beispiel nicht, dass die Betreuer zuwenig helfen? Andrea: Es ist oft so, dass bei uns Leute landen, denen die Hilfe an der Uni nicht ausreicht. Die sind vollkommen froh, wenn es jemand gibt, der sagt: Du schreibst jetzt erst mal Kapitel fünf und sechs. Du brauchst ein Inhaltsverzeichnis, musst den Rand einhalten … jetzt.muenchen: Solche simplen Sachen fehlen? Andrea: Zum Teil. Es fehlen aber auch Übergänge, Absätze etcetera. jetzt.muenchen: Die Leiterin des Schreibzentrums an der Ruhr-Universität in Bochum sagt, das Schreiben einer Abschlussarbeit würde eher für etwas . . . Genialisches gehalten. Andrea: Ja, als würde die Elite sich von den Studenten abgrenzen, indem sie die Regeln nicht richtig preis gibt. Allerdings gibt es auch wirklich Tausende von Vorschriften an den verschiedenen Fachbereichen. jetzt.muenchen: Was ist das Wichtige beim Schreiben der Arbeit? Daniel: Schreibe ich erst irgendwas und verändere es dann oder mache ich vorher nur Struktur? Das wäre nämlich ein Fehler. jetzt.muenchen: Ich hätte gedacht: Hauptsache, die Struktur stimmt. Daniel: Nein, das ist gefährlich. Der Inhalt ergibt die Struktur und sie darf während des Schreibens entstehen. Eine andere Variante, voranzukommen: Zitate aus der Literatur raus schreiben, eine eigene Datei dafür machen und dann die Zitate als das empirische Material verstehen. Vor dem Schreiben nimmt man die Zitate wieder aus der Datei und baut um sie herum den Text. jetzt.muenchen: Abschlussarbeiten sind für manche wie Monster. Wie erlebt ihr die Studenten in der Extremsituation, vor der Abgabe? Die kommen ja nicht alle am ersten Tag zu euch. Andrea: Bei vielen drängt die Zeit. Tag drei vor der Abgabe sieht so aus: Der Schreibfluss ist da, in der Nacht sind sieben Seiten entstanden und es geht an’s vorletzte Kapitel, Einleitung und Schluss fehlen. Ein Drittel des vorletzten Kapitels ist auch super, dann fehlen aber noch die anderen Drittel. Also Depression. Tag zwei: Schlecht geschlafen, Schreibfluss weg, Panik. Letzter Tag: 24 Stunden schreiben, das letzte Kapitel wird fallen gelassen und es bleiben drei Stunden für Einleitung und Schluss. Daniel: Wenn man im Mittelteil mal was weg lässt, merkt das fast nie jemand. Aber Anfang, Schluss und Literaturverzeichnis sind wirklich super wichtig! jetzt.muenchen: Kennt ihr euch eigentlich gut in Word aus? Daniel: Das ist ihr Gebiet. Andrea: Es ist ein furchtbares Programm! Trotz Handbüchern muss man für manche Probleme zehnmal googeln. Aber ich habe es trotzdem irgendwie . . . lieben gelernt.

Text: peter-wagner - Fotos: venture/photocase (Cover); pw

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