Anne und Joker: Die Liebenden vom Westend

Eine junge Beziehung am Rand der Münchner Gesellschaft: Die Biss-Verkäufer Anne und Joker kämpfen um ihre Zukunft
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Joker und Heiner sitzen an der Bar und trinken Champagner. Es ist verraucht hier drinnen, Gäste sind nur wenige da. Heiner trägt einen Designer-Anzug, Joker ein verwaschenes T-Shirt. Heiner erzählt von seinem 3er-BMW, Joker von seinem Fahrrad. Heiner leitet eine große Anwaltskanzlei in München, Joker verkauft die Münchner Obdachlosenzeitung Biss und möchte Zauberer werden. Heiner war neulich erst in New York, Moskau und Acapulco, Joker hat einmal ein halbes Jahr lang in einem Zelt gewohnt – aber nicht, um Urlaub zu machen. Doch der Reihe nach. Der 24-jährige Joker ist ein aufgeweckter junger Mann. Er hat blondes Haar und einen Kinnbart, der einmal bis zu seinem Bauch reichen soll. Jeden Abend zieht Joker durch die Restaurants und Kneipen in Neuhausen, um die Zeitung Biss zu verkaufen. Und trifft dort Menschen wie den Anwalt Heiner, der ihn manchmal auf ein Glas Champagner einlädt. Biss steht für: Bürger in sozialen Schwierigkeiten. Hier arbeiten Wohnungslose, das heißt Obdachlose und Menschen, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe leben.

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Illustration: Julia Schubert

Zwei mit Biss: Anne und Joker Auch Anne, Jokers Freundin, ist Biss-Verkäuferin. Sie steht am Rotkreuzplatz, vor einem großen Kaufhaus, an eine rote Backsteinsäule gelehnt. Neben ihr steht ein überquellender Abfalleimer. Auf dem Platz spielen Kinder, ältere Männer sitzen hier und trinken ein Bier nach dem anderen. Dazwischen Anne. Langsam wiegt die 22-Jährige ihren Körper hin und her, eine Biss-Zeitung in der Hand. Sie wartet – bis ihr endlich jemand ein Exemplar abkauft. Anne kämpft stumm Als Neugeborene hatte Anne Gehirnblutungen, weshalb sie an Bewegungsstörungen leidet. Sie zieht einen Fuß nach, wenn sie läuft, schnell ist sie erschöpft. Sie hat Probleme, das Gleichgewicht zu halten, sie hört schlecht und kann nicht gut sprechen. Nur langsam wollen ihr die Wörter von den Lippen, manche Silben verschluckt sie. Man muss genau hinhören, wenn sie etwas sagt, immer wieder vorsichtig nachfragen. Doch Anne kämpft. Jeden Tag steht sie von Früh bis Abends am gleichen Platz und wartet, bis die Menschen auf sie zukommen. Ansprechen kann sie sie nicht, kann nicht wie ein Marktschreier ihr Produkt anpreisen – sie ist eine Art „Stummer Verkäufer“. Doch statt einer Skandalnachricht heißt die Schlagzeile bei Biss schlicht „Der Wille“. Eine ältere Dame fragt: „Ist das schon die neue Ausgabe?“ Anne versteht nicht recht, lächelt und hält ihr eine Biss-Ausgabe hin. Die Frau kauft und verabschiedet sich. Anne hat eine Brille, die sich dunkel tönt, wenn sie in der Sonne steht, ihr Pony ist von Natur aus weiß. „Ich würde mich gerne mit den Leuten unterhalten“, sagt sie. „Doch die meisten nehmen sich nicht genug Zeit. Sie merken oft gar nicht, dass ich sie nicht gut verstehe.“ Durch die Kneipen ziehen – so wie Joker – kann Anne nicht. Obwohl es lukrativer wäre. 400 Exemplare verkauft Anne im Monat, Joker 800. Die Biss-Zeitung finanziert sich über den Verkauf, Anzeigen, Spenden und Patenschaften. Spender übernehmen einen Teil des Gehaltes des Verkäufers und sichern so seinen Arbeitsplatz. Die Sportfreunde Stiller finanzieren als Biss-Förderer Annes Arbeitsplatz mit. Anne mag deren Gute-Laune-Musik, hat alle CDs zu Hause. Drei Mal hat Anne sich schon nach Konzerten mit den Sportfreunden Stiller unterhalten. „Neulich habe ich mir das Buch, das Schlagzeuger Flo geschrieben hat, gekauft“, sagt Anne. „Schließlich will er, genau wie ich, mit Verkäufen Geld erzielen.“ Im Gegensatz zu anderen Obdachlosenzeitschriften schreiben bei Biss professionelle Journalisten die Artikel. Doch zwei Seiten werden von den Verkäufern selbst verfasst. Jeden Montag treffen sich die Biss-Schreiber in der Redaktion am Bordeauxplatz, um mit der Journalistin Simone Kayser an ihren Artikeln zu feilen. Anne schreibt derzeit an einer Geschichte über ihre Schulzeit. Simone Kayser hilft ihr, sprachliche Fehler zu verbessern. „Es freut mich immer, wenn andere Biss-Verkäufer mich auf meine Geschichten ansprechen“, sagt Anne. Auch Joker geht gerne zur Schreibwerkstatt. Er versucht, in jeder Ausgabe einen Text von sich unterzubringen. „Das ist das beste Verkaufsargument, wenn man sagen kann ‚Da ist eine Geschichte von mir drin’“, erzählt er.


Als Kind spielte Joker, der eigentlich Dietmar heißt, oft Fußball. Er war auf dem Feld immer auf allen Positionen zu finden, weil er so flink war. „Unseren Joker“ nannten ihn die Mannschaftskollegen. Seitdem ist dies sein Spitzname. Inzwischen hat er Joker als Künstlername eintragen lassen. „Dietmar gehört zur Vergangenheit“, sagt Joker. „Aus familiären Gründen möchte ich so nicht mehr genannt werden.“ Über seine Familie redet Joker nicht gerne. Er hat zu ihr keinen Kontakt mehr. Joker ist im Wallfahrtsort Altötting geboren, mit acht Jahren zog er nach München. Er lebte in einem Internat, machte den Hauptschulabschluss und danach eine Ausbildung zum Technischen Zeichner, die er mit einer guten Note abschloss. Was danach passierte? Joker schweigt. Das Grinsen verschwindet aus seinem Gesicht. Er öffnet langsam seine Geldbörse und zieht einen vergilbten sauber gefalteten Zeitungsartikel hervor und bittet, den Artikel zu lesen. Er ist vom September 2003. Darin steht: „Mr. Platte hat letztes Jahr kurz vor Weihnachten seinen Job als Technischer Zeichner verloren. Ein paar Monate lang konnte er seine Wohnung in Kleinhadern noch finanzieren, indem er nach und nach seine ganze Einrichtung verkaufte. Irgendwann kam die Räumung, und Mr. Platte landete auf der Straße. Bevor er von einem Bekannten ein Zelt ausleihen konnte, machte er jede Nacht durch und schlief von sechs bis neun Uhr in der fahrenden U-Bahn.“ Mr. Platte ist Joker. „Ich hatte damals mein Leben abgeschrieben“, sagt Joker heute. „Hätte jemand mich umbringen wollen, hätte ich gesagt: ‚Dankeschön’.“ Ein Biss-Verkäufer hat ihn schließlich beim Betteln auf der Straße aufgesammelt, ließ ihn bei sich wohnen und vermittelte ihm die Arbeit bei Biss. „Ich war wie ein Ziehsohn für ihn“, sagt Joker. „Er hat mir viel beigebracht: Wie man verkauft, wie man sein Leben wieder in den Griff bekommt.“ Ein paar Wochen, nachdem Joker in eine eigene Wohnung gezogen war, starb der Mann. „Er hat wohl das Alleinsein nicht vertragen“, sagt Joker. Joker steht langsam auf und geht zum Ausgang. Als er das Lokal verlässt, ruft er laut „Ciao, Ciao“ in die Runde. Wenn Joker ein Lokal betritt, ruft er: „Der ganz frische Biss!“ Joker sagt der Biss, die meisten anderen Verkäufer die Biss. Er scherzt mit den Gästen, hat immer einen Spruch auf Lager: „So, das macht 1,50 Euro – und das schöne Wetter gibt es gratis dazu.“ In seinen Lieblingslokalen auf der Runde, dem Ysenegger, Mango’s oder Cafe Neuhausen, bleibt Joker manchmal eine halbe Stunde. Er bekommt vom Wirt ein Spezi und unterhält sich. „Man muss Spaß an der Arbeit haben. Sonst schafft man das nicht“, sagt Joker. Bald wird Joker jedoch nicht mehr durch die Kneipen ziehen. Die Biss-Zeitung hat Spender gefunden, die ihm eine Umschulung zum FahrradReparateur finanzieren. Eine große Chance für ihn. Joker lernte Anne während der Ausbildungszeit im Jahr 2001 kennen. Die beiden wurden ein Paar. Doch nach kurzer Zeit trennten sie sich. Erst 2003 trafen sich die beiden wieder: „Ein Freund stand plötzlich mit Joker vor mir. Joker sah schlimm aus. Er war ganz dünn, müde und schmutzig.“ Es war die Zeit, als Joker obdachlos war. Seitdem sind die beiden wieder zusammen. Inzwischen leben sie in einer kleinen Stiftungswohnung im Westend. Anne schreibt in Biss: „Unser Leben hat sich zum Positiven gewandelt.“ Eine Liebe am Rande der Gesellschaft im Westend hat wenig mit dem französischen Film „Die Liebenden von Pont Neuf“ zu tun. In dem Film verlieben sich zwei Obdachlose leidenschaftlich und poetisch, aber auch ohne jegliche Perspektive. Der Zauberer ist da Unterschiede zwischen dem Leben von Anne und Joker und dem von reichen Münchnern erkennt man oft nur an Details: Auch Anne und Joker fahren zum Starnberger See und gehen Italienisch essen. Jedoch nicht wie wohlhabende Familien jedes Wochenende, sondern nur vier Mal im Jahr. Anne und Joker bügeln nie. Das liegt aber nicht daran, dass dies eine Putzfrau für sie macht, sondern daran, dass die Kleidung durch das Bügeln schneller kaputt geht. „Man brennt viel zu leicht Löcher rein“, sagt Anne. Anne ist im Erzgebirge bei Chemnitz aufgewachsen. „In meiner Kindheit war ich glücklich“, sagt sie. „Wir sind im Sommer im Wald spazieren gegangen und im Winter Schlitten gefahren. Durch meine Krankheit ist das Leben so anstrengend geworden!“ Anne machte nach der Hauptschule in München eine Ausbildung zur Schneiderin. Doch die schlechte Gesundheit machte die Arbeit als Schneiderin schnell unmöglich. Ein Jahr lang war sie arbeitslos. Joker vermittelte ihr schließlich die Stelle bei Biss. Seit gut einem Jahr arbeitet sie hier. Bei Biss hat sie nun einmal pro Woche Sprachunterricht. „Wenn ich besser sprechen und schreiben kann, bekomme ich vielleicht eine gute Arbeitsstelle“, sagt Anne. Anne verbringt viel Zeit mit Joker, Freunde hat sie nur wenige. Wenn Joker mit Anne spricht, ändert sich seine Sprache, er nuschelt ein bisschen. Doch Anne scheint ihn so besser zu verstehen, als wenn er deutlich und laut redet. Im Ysenegger macht Joker während seiner Kneipenrunde noch einmal eine Pause. Er zieht ein Set Karten hervor. Sofort sammeln sich ein paar Gäste an seinem Tisch. „Der Zauberer ist da“, sagt ein junger langhaariger Mann. Joker lässt ihn eine Karte ziehen. Es ist die Herz Dame. Er steckt sie in den Stapel und mischt. Plötzlich ist die Herz Dame wieder ganz oben. Seit zwei Jahren lernt Joker Zaubertricks. „Mein Traum wäre es“, sagt Joker, „eines Tages mein Geld mit der Zauberei zu verdienen.“ Foto: Maximilian Sterz

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