Arkin bleibt erstmal da

Behörde, Halskettchen und kleine Freundschaftsdienste – ein Tag im Leben eines 18-Jährigen, der in München nur geduldet ist
vera-schroeder

Arkin Bughra*, 18, kennt den Weg. Poccistraße, Kreisverwaltungsreferat, 2. Stock, Warteraum für Asylangelegenheiten, Nummer ziehen, auf die roten Gitterstühle setzen, Surren abwarten. Türklinke drücken, an den Holztisch gegenüber von Herrn Schulz hinsetzen, zuhören. „Sie bekommen von uns eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn Ihr chinesischer Pass hier auf meinem Tisch liegt“, sagt Herr Schulz, der Sachbearbeiter, wie jedes Mal. „Ich habe keinen Pass. Und ich kann auch keinen besorgen“, sagt Arkin, der Ausländer, wie jedes Mal. „Dann bekommen Sie keine Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Herr Schulz. Arkin packt den rosafarbenen Zettel mit seinem Foto wieder ein. „Aussetzung der Abschiebung (Duldung)“ steht darauf, und darunter, etwas kleiner: „Kein Aufenthaltstitel! Der Inhaber ist ausreisepflichtig!“ Arkin zieht die Tür zu, nimmt die Rolltreppe ins U-Bahn-Untergeschoss und fährt in die Schule.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt Seit vier Jahren lebt Arkin in München. Als geduldeter Flüchtling, wie 180 000 Menschen in Deutschland. Nach Regeln, die ihm zeigen sollen, dass er auf Dauer in diesem Land nicht erwünscht ist. Ohne Genehmigung der Ausländerbehörde darf er die Stadt nicht verlassen, nicht arbeiten und keinen Ausbildungsplatz annehmen. Er wohnt mit seinen Eltern in einem Heim für Asylbewerber - drei Zimmer, ein Bad, eine Küche. Arkin bekommt vom Sozialamt 80 Euro Taschengeld monatlich und keine Essenspakete mehr, seit seine Eltern Teilzeitjobs haben, mit denen sie insgesamt 400 Euro im Monat verdienen. Arkin sagt: „Es ist ein gutes Leben hier. Selbst wenn es ein Leben zweiter Klasse ist.“ Auf dem Pausenhof der Berufsschule am Stadtrand rauchen schlaksige Jungs mit Gelfrisuren in der Sonne, während Arkin in seiner Berufsvorbereitungsklasse sitzt. In den Unterricht darf er nicht begleitet werden. „Das sind zu schwierige Fälle“, sagt der Lehrer und macht die Tür zu. Arkin findet das Berufsvorbereitungsjahr auch schwierig. Er kann mit dem Computer besser umgehen als der Lehrer. Er hat den Quali, gute Noten und eigentlich schon einen Ausbildungsplatz. „Aber das klappt nicht, wegen der Duldung“, sagt er und zuckt mit den Achseln. Die Zahl der Asylbewerber ist in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren von fast 200 000 auf 30 000 gesunken. Im letzten Jahr haben etwa acht Prozent der Asylbewerber einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommen – die anderen wurden abgelehnt. Duldungen gibt es für Menschen, die zwar abgelehnt wurden, aber vorübergehend nicht abgeschoben werden können. Weil sie krank sind, ihr Land zu gefährlich ist oder die Rücknahme verweigert. Oder weil sie keine Papiere haben. Wer keinen Pass hat, hat auch keinen Staat, in den er abgeschoben werden kann. In Bayern leben 11 180 Menschen, die bereits länger als zwei Jahre geduldet sind. „Kettenduldung“ nennt man das dann. Mit dem neuen Zuwanderungsgesetz 2005 sollten Duldungen über 18 Monate hinaus eigentlich abgeschafft werden. Aber bisher hat sich kaum etwas getan. Auf dem Weg in die Stadt lümmelt sich Arkin ins blaue S-Bahnpolster, schlägt die Beine übereinander und checkt sein Handy. Ein bisschen türkisch sieht er aus, ein bisschen asiatisch. Er trägt Halskettchen, Jeans und Pumaschuhe. „Das Zeug vom Sozialamt kann ja keiner anziehen“, sagt er. „Mit den Hosen schaut man aus wie ein Penner.“ Und ein Penner will Arkin auf keinen Fall sein. Sein Zehn-Jahres-Plan geht eher in Richtung Computerfachmann, mit Häuschen im Grünen, Frau und Kindern. Oder, wenn China bis dahin eine Demokratie ist, Diplomat an einem großen Schreibtisch in Ostturkestan. Seine Nachmittage verbringt Arkin meistens rund um den Hauptbahnhof. Oft sitzt er in den Büroräumen der Organisation „Weltkongress der Uiguren“. Er hat einen Schreibtisch dort und einen Drehstuhl, und wenn er aus dem Fenster um die Ecke guckt sogar einen Blick auf den Fernreiseverkehr. Arkin engagiert sich in der Jugendarbeit der Organisation, repariert Computer der Mitglieder und hilft Landsleuten, die neu nach Deutschland kommen. An den Bürowänden hängen Flaggen, die wie die türkische aussehen, Sichelmond und Stern, nur auf blau, nicht auf rot. Arkin wirbelt seinen Bürostuhl in Richtung Karte an der Wand und beginnt zu erklären: „Die Uiguren sind ein Volk aus Ostturkestan, direkt aus dem Herzen Asiens. 1949 haben die chinesischen Kommunisten unser Land besetzt. Jetzt heißt es Xinjiang und die Uiguren werden dort unterdrückt.“ Damals, in der Heimat, erzählt Arkin, sei sein Vater gefoltert worden und immer wieder ins Gefängnis gekommen, weil er gegen die Regierung demonstrierte. Auch ihn, noch ein Kind, hätten sie geschlagen. Irgendwann hätte seine Familie es nicht mehr ausgehalten. Erst floh der Vater, zwei Jahre später folgten Arkin und seine Mutter. Mit dem Flugzeug und gefälschten Pässen in der Tasche flüchteten sie über Kasachstan nach Frankfurt. Dann in einer Rostlaube weiter nach München. Kein Vertrag ohne Pass Der erste Asylantrag der Familie Bughra wurde abgelehnt. Doch ohne Pässe konnten sie nicht abgeschoben werden. Der zweite Asylantrag wurde genehmigt, wegen drohender menschenrechtswidriger Behandlung in ihrem Heimatland. Doch ohne Pässe kann die Aufenthaltserlaubnis nicht ausgestellt werden. Wenn man Arkin fragt, weshalb er sich beim chinesischen Konsulat keinen Pass besorgt, erzählt er verschiedene Geschichten. Einmal sagt er, dass die Chinesen ihm keinen Pass geben, weil er ein Separatist ist. Dann sagt er, dass er den Pass bekommen könnte, aber nur, wenn er Verwandte aus der Heimat verrät. Manchmal sagt er auch, dass er keinen Pass beantragen kann, weil dann seine Landsleute hier in Deutschland den Respekt vor ihm verlieren würden. Sie würden glauben, er sei ein Verräter oder ein Spion. Es könnte auch sein, dass Arkin einfach keinen Pass will. Mit Pass bekäme er zwar eine Aufenthaltsgenehmigung. Die könnte allerdings widerrufen werden, wenn seine Abschiebehindernisse nicht mehr bestünden. Dann hätte Arkin einen Pass aber keine Aufenthaltsgenehmigung mehr – und könnte abgeschoben werden. Arkin aber will unbedingt bleiben. Lieber ohne volle Rechte als irgendwann überhaupt nicht mehr. Arkin erledigt im Büro noch ein paar Anrufe, auf Türkisch, Uigurisch, Russisch oder Deutsch und wartet auf Boris, seinen besten Freund. Die Sprachen hat Arkin fast alle hier in Deutschland gelernt. „Man tut halt, was man kann“, sagt er. Boris ist 17 und kommt aus der Ukraine. Die beiden kennen sich aus der Ü-Klasse, der Übergangsklasse, in der Ausländerkinder Deutsch lernen, bevor sie auf die richtige Schule dürfen. Fast vier Jahre ist es jetzt her, dass sie gemeinsam versuchten, nicht mehr „Ischeiße“, sondern „Ich heiße“ zu sagen. Deutsche Freunde hat Arkin nicht. „Aber viele gute deutsche Bekannte.“ Zum Beispiel Herrn Eckl, der einen Computerservice betreibt, in dem Arkin seine Schulpraktika absolviert hat. Wir schauen kurz in seinem Geschäft vorbei, eine kleine voll gestopfte Elektronikhöhle in der Schillerstraße. „Ja, ich würde Arkin gerne in die Lehre nehmen. Drei Jahre, dann wäre er IT- und Systemelektroniker. Aber solange er nur geduldet ist, kann ich keinen Ausbildungsvertrag mit ihm abschließen“, sagt Herr Eckl und schüttelt verständnislos den Kopf: „Eigentlich brauche ich keinen Lehrling. Aber für Arkin hätte ich das gerne gemacht.“ Doch ohne Pass gibt es keine Verträge. Nicht für die Ausbildung, das Handy, eine Mietwohnung, nicht für die Videothek, das Fitnessstudio, ein Bankkonto. Zumindest nicht, wenn man keine Freunde hat. Auf der Straße treffen Arkin und Boris an jeder Ecke Bekannte. Sie schlagen ein, drücken ihre Köpfe zur Begrüßung links und rechts aneinander, sagen „Hey Mann!“, „Alles klar, Mann?“ und „Was geht, Mann?“. Manchmal verschwindet Arkin kurz in einem kleinen Technikladen, kommt mit einem Computerspiel oder einem Laptop in der Hand zurück und gibt die Sachen eine Ecke weiter wieder ab. „Kleine Botengänge“, sagt er. „Ich helfe den Leuten bei Computerproblemen.“ Nicht illegal, nur ehrenamtlich, er helfe aus und manchmal stecke ihm halt jemand ein bisschen Geld dafür zu. Um die 50 Euro kämen jede Woche so rein. Das mache jeder. „Von 80 Euro kann niemand leben“, sagt Arkin. Und: „Wenn ich dürfte, würde ich ganz legal richtig gute Geschäfte machen hier in Deutschland. Ich würde Steuern zahlen und die Wirtschaft vorantreiben und niemandem auf der Tasche liegen.“ Am Abend stehen wir vor Arkins Asylbewerberheim, neun Stockwerke, vorne Straße, hinten Schienen. Der Beton glänzt in der Sonne. Arkin drückt meine Hand. „So, das war’s“, sagt er. „Ein ganz normaler schöner Tag in meinem Leben.“ Am 16. Mai läuft sein rosa Duldungszettel das nächste Mal aus. Im Moment hat er keine Angst davor. Er wird wieder in die Poccistraße fahren und sich einen neuen Stempel besorgen. „Wenn Herr Schulz gut gelaunt ist für ein halbes Jahr, wenn er schlecht gelaunt ist halt nur für die nächste Woche“, sagt Arkin. Am Mittwoch, 3. Mai um 17 Uhr, findet auf dem Münchner Marienplatz eine große Demonstration für ein dauerhaftes Bleiberecht von geduldeten Flüchtlingen und Migrant/innen statt. * Namen von der Redaktion geändert. Informationen, die Rückschlüsse auf die Identität des Porträtierten zulassen, wurden bearbeitet. Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die jeden Dienstag im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint.

  • teilen
  • schließen