"Atme ein bisschen und dann trainierst du weiter"

In einem Alter, in dem andere mit der Planung beginnen, endete Johanna Gabors Karriere. Die Geschichte einer geplatzten Olympiateilnahme
anna-kistner

Das Lächeln hat Johanna früh gelernt. Mit Tränen in den Augen, am Rande einer Tanzfläche. Damals bei ihrem ersten Wettkampf war sie Zweite geworden. Nur Zweite. Johannas Mutter wusste warum: „Du hast nicht gelächelt.“ Seitdem lächelt Johanna Gabor. Auch, wenn ihr nicht danach zumute ist. Zum Beispiel an dem Klapptisch vor einer Turnhallen-Türe irgendwo in Düsseldorf. Hier finden an diesem Tag die Deutschen Meisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik statt und die Kassiererin will die dreizehnfache Deutsche Meisterin Johanna Gabor ohne Ticket nicht in die Halle lassen. Die junge Frau vor ihr, die mit den brauen Rehaugen und den lustigen Grübchen an den Mundwinkeln, hätte das Gesicht einer Sportart werden sollen, die in Deutschland zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Manche sagen, sie hätte die Sportart retten können. Beim Konjunktiv ist es geblieben.

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Illustration: Julia Schubert

Johanna Gabor ist 20 Jahre alt. Im Oktober vergangenen Jahres hat sie sich als Sportlerin von der Rhythmischen Sportgymnastik verabschiedet. In einem Alter, in dem andere überhaupt anfangen über so etwas wie Karriere nachzudenken, hat Johanna ihre beendet. Eine Kindheit, eine Jugend, eigentlich ein ganzes Leben in Turnhallen liegen hinter ihr. Als Dreijährige steht Johanna vor dem Fernseher und tanzt zu Michael Jackson. Kurz darauf meldet ihre Mutter sie beim Ballett-Training an, über eine Talentsichtung wird sie für die Rhythmische Sportgymnastik entdeckt. „Als Sechsjährige musste ich drei Mal die Woche in die Halle. Ich wollte aber sechs Mal trainieren“, erzählt Johanna. „Nicht, weil ich Erfolg haben wollte. Ich wollte einfach tanzen.“ Es muss ein unbändiger Wille und sehr großes Talent sein, die Johanna die Strapazen dieser Hochleistungs-Sportart haben aushalten lassen. Der Verzicht auf Pommes und Hamburger, weil das ständige Springen und Dehnen nur mit einem Körper zu machen ist, der aus Haut, Knochen und Muskeln besteht, ist eine davon. Das harte Training mit der strengen russischen Trainerin, die Johanna als Ersatzmutter bezeichnet, eine andere. Mit 16 Jahren war Johanna die beste Sportgymnastin Deutschlands, wohnte fern von der Familie im Stuttgarter Sportinternat, trainierte sieben Stunden an sieben Tagen die Woche. Heute sagt sie: „Eigentlich war ich abgeschirmt von der Welt.“ Hier in Düsseldorf erlebt Johanna die erste Deutsche Meisterschaft nicht als Teilnehmerin, sondern als Trainerin. Sie wird zuschauen müssen. Die Tribüne, auf der Johanna Platz genommen hat, ist spärlich besetzt. In ihrer zweiminütigen Übung verbiegt sich eine Gymnastin in alle Richtungen und zwirbelt dazu noch ein so genanntes Handgerät möglichst anmutig zur Musik um den Körper. Zur Auswahl stehen: Ball, Band, Seil, Keulen und Reifen. Johanna sagt, das Schönste am Tanzen, sei die Interaktion mit dem Publikum. „Jojo! Jojo!“, haben die kleinen Gymnastik-Mädchen früher geschrien, wenn ihr großes Vorbild Johanna die Tanzfläche betrat. Johanna hätte ein Star werden können. Die Rhytmische Sportgymnastik ist eine Sportart, die hart ist, aber leicht aussehen soll. Zwölf Kampfrichterinnen bewerten Akrobatik, Ausführung und die Schwierigkeit der Übungen. Je mehr und je schneller sich das Seil, der Reifen oder das Band bewegt, desto besser. Wird das Handgerät eben nicht mit der Hand, sondern zwischen den Beinen, Po, Rücken, Hals und Schenkeln gefangen, gibt es extra Punkte. Wird das Gerät nicht gefangen und muss gar außerhalb der Turnfläche eingesammelt werden, ist der Sieg – so viel steht fest – verloren. Bei Johanna war es ein rotes Seil. In ihrer letzten Übung bei den Weltmeisterschaften 2007 im griechischen Patras flog das rote Seil, das sie mit ihrem Fuß zur Decke geschleudert hatte, ins Nichts. Sie belegte am Ende den 22. Platz. Den 20. hätte sie erreichen müssen, um sich für die Olympischen Spiele in Peking zu qualifizieren. „Seit ich sechs Jahre alt bin, habe ich auf die Olympiateilnahme hintrainiert,“ sagt Johanna. „Am Ende habe ich alles gegeben. Und nichts bekommen.“

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Illustration: Julia Schubert

Das Ende begann Anfang des Jahres 2007 mit einer Bänderdehnung am rechten Fuß. Weil Johanna zu früh wieder in der Halle stand, folgte ein doppelter Bänderriss. Sie konnte kaum mehr richtig trainieren. Johannas Realschulabschluss stand im Sommer an und dann erkrankte ihr Vater plötzlich an Krebs. Er starb kurz vor der Weltmeisterschaft im Herbst. Johanna sagt, sie habe sich vor Schmerzen kaum noch bewegen können. Ungebrochen war eigentlich nur ihr Wille. „Du gibst jetzt alles.“ Das waren die Worte, die Johanna, kurz bevor sie zur entscheidenden Seilübung schritt, steif vor Druck und Anspannung durch ihre Lippen presste. Johanna sagt: „Wenn man zwölf Jahre lang auf ein einziges Ziel hingearbeitet hat und das dann nichts wird, fällt man schon in ein Loch.“ Johanna war 18, als ihr Leben plötzlich keinen Sinn mehr zu machen schien. Drei Jahre ist das nun her. Aus dem Loch ist eine Wunde geworden, die so schnell nicht abheilen will. Ein Jahr lang hat Johanna nach der verpassten Olympia-Qualifikation nicht mehr trainiert. „Das war die Zeit, in dem ich alles nachgeholt habe – mit Gewalt.“ Sie ging jedes Wochenende aus, hatte eine richtige Clique in Stuttgart, endlich so etwas wie Freunde, einen richtigen Freund. Und trotzdem antwortet Johanna auf die Frage, ob die verpasste Olympiaqualifikation nicht auch eine positive Seite hatte, mit einem langen Schweigen und dann mit einem klaren: „Nein.“ Nach Olympia wären die Sponsoren von alleine gekommen, hieß es. Heute hat Johanna noch nicht einmal eine eigene Homepage. Die Zukunft der Sportart hänge von Johannas Olympiateilnahme ab, hieß es. Heute fördert der Deutsche Turnerbund keine Einzelgymnastinnen mehr. Damit die Rhythmische Sportgymnastik in Deutschland nicht ganz eingeht, gibt es eine Nationalmannschaft nur noch in der Gruppendisziplin. Deutsche Einzelgymnastinnen gibt es – außer in den Schüler- und Jugendklassen – nicht mehr auf internationalem Niveau. Das Gewinnen der Deutschen Meisterschaft in der stickigen Schulturnhalle irgendwo am Stadtrand von Düsseldorf, ist folglich der größte Erfolg, den Johannas Schülerin Moni erreichen kann. „Für dich mache ich die Übung gut,“ verspricht die Dreizehnjährige. Ein paar Sekunden später steht sie vor den Kampfrichtern und verliert beim letzten der fünf Würfe den Ball. Nach der Übung ist Moni den Tränen nahe. „Vergiss die Ball-Übung“, sagt Johanna. „Das ist passiert. Das ist egal.“ Der Enttäuschung in ihrem Blick merkt man an, dass es nicht egal ist. Am Ende wird Moni Vierte im Mehrkampf. Knapp am Treppchen vorbei. Es ist ein einfacher Satz, den Johanna danach zu Moni sagt. Ein einfacher Satz, der beschreibt, wie Johanna zurück ins Leben gefunden hat: „Atme ein bisschen und dann trainierst du weiter.“ Für das Ausatmen nach der verpassten Olympiaqualifikation brauchte Johanna ein ganzes Jahr. Dann kam die Musik zurück in ihren Kopf und mit der Musik, die Lust, sich Choreographien auszudenken. Johanna wollte zurück auf die Tanzfläche. Zurück vors Publikum, zurück in die Zukunft. Johanna ging wieder ins Training. „Tanzen“, sagt sie heute, „hat einen Wert, der sich mit Noten, Zahlen und Platzierungen eigentlich gar nicht bemessen lässt.“ Ein Tanz ist gut, wenn er sich für den Tänzer gut anfühlt. Bis Oktober war Johanna Mitglied in der Gruppen-Nationalmannschaft. Wieder war es eine Verletzung, die sie am Ende stoppte. Auch die Olympischen Spiele in London, für die sich die Gruppe dieses Jahr im Herbst qualifizieren will, werden für Johanna ausfallen. Der Traum von der Olympia-Teilnahme ist zerbrochen. Johanna nicht. Vielleicht weil sie gelernt hat, biegsam zu sein. Heute sagt sie: „Ich wäre 2012 auch zu alt gewesen, um an einer Hochschule Tanz zu studieren.“ Sie hat sich an mehreren Schulen beworben, im September tanzt sie in Linz vor. Kein neuer Traum, aber ein großes Ziel.

Text: anna-kistner - Foto: Jürgen Stein

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