"Auch Tupac tanzte Ballet"

Auf seinem neuen Album ruft der Rapper Le1f das Schwuchtel-Jahrhundert aus. Trotzdem hasst der New Yorker es, als Gay Rapper bezeichnet zu werden. Ein Gespräch über schwule Klischees, dumme Mythen und das gute Gefühl, ein Außerirdischer zu sein.
jonathan-fischer

Man muss sich

des Rappers Le1f einmal ansehen und dabei drei Jahrzehnte HipHop-Geschichte im Hinterkopf mitlaufen lassen. Muss die Macho- und Gangstarapper, die es in diesen Jahren in die Charts geschafft haben, gegenschneiden mit den Hot-Pants und den Arschwackel-Posen des New Yorkers. Dann wird der Kulturschock offensichtlicher, den offen homosexuelle Rapper noch immer für die Szene bedeuten. Khalif Diouf, wie Le1f bürgerlich heißt, lehnt es dennoch ab, in die Schublade „Queer HipHop“ gesteckt zu werden: „Es gibt kein Ding namens Gay Rap“, sagt er. Am 12. März erscheint seine EP „Hey“ auf XL Records.
 
jetzt.de: In deinem millionenfach geklickten Video „Wut“ posierst du auf dem Schoß eines gut gebauten und halbnackten weißen Mannes, der eine Pikachu-Maske trägt, während du Schmähworte für Schwule aneinanderreihst. Ist diese Selbstinszenierung eine Kampfansage an den im HipHop immer noch verbreiteten Schwulenhass?
Le1f: Nein, ich wollte kein Video über Homosexualität drehen, sondern einfach auf aggressive Weise provozieren – und dabei alles Schrille, was mich ausmacht, in den Mix werfen. Früher hätte ich mich das nicht getraut. Ich habe als Jugendlicher lange mit meiner Stimme und meiner vermeintlich schwulen Aussprache gehadert. Und schwor mir noch vor zwei Jahren, nie einen Song über Sex zu schreiben. Es geht also darum, endlich zu mir zu stehen, nicht um eine Schwulen-Hymne.
 
Trotzdem spielst du explizit mit schwulen Klischees: Wie du im „Wut“-Video deine Haare kämmst, mit dem Mund eine Kaugummischlange vom Finger wickelst oder in kurzen Höschen tanzt . . .
Schwule Klischees? Ach was! Ich tanze und flirte einfach so, wie ich es auch in einem New Yorker House-Club tun würde. Das ist Teil meines Lebens. Aber eben längst nicht alles. Warum betrachtet denn niemand mein Video mal unter dem Aspekt einer Kunst-Installation? Warum beschäftigen sich die Kritiker immer nur mit meinem Aussehen statt mit meinen Raps? Ja, als Schwuler ist man schnell eingeordnet. Viele Menschen tun sich schwer, über meine sexuelle Orientierung hinweg zu schauen, und die Musik als solche auf sich wirken zu lassen.

http://www.youtube.com/watch?v=Nrnq4SZ0luc

Andererseits hat sich doch in Großstädten wie New York längst eine queere HipHop-Szene mit Rappern wie Zebra Katz oder Mykki Bianco etabliert.
Warum unterscheiden zwischen HipHop und queerem HipHop? Ich wiederhole das schon seit eineinhalb Jahren: Es gibt kein Ding namens Gay Rap. Ich bin schwul und rappe darüber, in Clubs zu gehen, zu tanzen, Spaß zu haben, wie alle anderen Rapper auch. Zum Glück gibt es auch HipHop-Kollegen wie Spank Rock oder Danny Brown, die mich ganz einfach wegen meiner Reime und meinem Flow schätzen und deshalb mit mir zusammen Tracks produzieren.


Du hast mal beklagt, man würde ganz anders über deine Kunst reden, wenn du ein schwarzer Hetero-Mann wärst. Wie passt dazu, dass du dich selbst in deinen Raps als „Fag“, also Schwuchtel, charakterisierst?
Das ist meine Retourkutsche an alle, die mich bereits in der High School als „Nigger“ und „Fag“ beschimpft haben. Kann man effektiver zurückschlagen, als sich so ein Wort anzueignen und mit Stolz zu tragen? Ich hatte für mein letztes Mixtape eine Menge kritischer Raps geschrieben – Raps gegen Rassismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit. Aber dann schmiss ich sie alle wieder raus.
Warum?
Will ich predigen? Oder den Leuten Spaß bereiten? Meine Art von Aktivismus ist es, mein Hetero-Publikum von der Bühne herab als „faggots“ zu beschimpfen . . .
. . . oder auf deiner neuen Platte das Schwuchtel-Jahrhundert auszurufen: „Batty man time now, batty man century/educated black hotties make ’em all envy“.
Ich fühle mich nicht als Opfer. Hey, wir jungen schwarzen Schwulen sind gebildet, genießen das Leben, schaffen Kunst: Wer das nicht abkann, muss neidisch sein!
 
Deine EP „Hey“ erscheint auf dem britischen Label XL Records, Heimat von Adele, Dizzee Rascal oder Vampire Weekend. Hattest du Schwierigkeiten, auf einem US-HipHop-Label unterzukommen?
Nein, ich wollte immer zu den Briten. Weil mich bizarre Rapper wie Dizzee Rascal inspiriert haben. Meine grünen Haare, die violetten Zöpfchen: Das hat ja alles erst mal nichts mit meiner Sexualität zu tun. Ich fühle mich weder weiblich noch männlich, eher wie ein Alien. Außerirdisch – dieses Etikett gefällt mir viel besser als „schwul“. 
 
Du rappst auf deiner neuen Single „Boom“: „They wanna see me blend in like real tea/But I can’t do that, I gotta be me“. Hat dieses Fremdsein, von dem du sprichst, auch mit deiner Herkunft zu tun?
Du meinst die vornehme senegalesische Familie meines Vaters? Gut, aus ihrer Sicht ist der Musikerberuf niederen Klassen vorbehalten, sie hätten mich lieber als Doktor oder Anwalt gesehen. Zum Glück aber bin ich mit meiner amerikanischen Sänger-Mutter aufgewachsen. Sie hat meine musischen Begabungen gefördert, schickte mich schon mit drei Jahren ins Ballett.
 
Du hast es bis zum Ballett- und Modern Dance-Profi gebracht. Das ist ja quasi das Gegenteil der HipHop-Straßenkultur.
Das ist doch nur einer dieser dummen Mythen. Auch Tupac tanzte Ballett und besuchte eine Kunsthochschule, bevor er zum HipHop-Superstar avancierte. Er tut mir manchmal leid. Weil er seine weichen Seiten hinter einer Gangster-Persona verstecken musste.
 
Zumindest geraten die einst starren homophoben Fronten in letzter Zeit in Bewegung. Seit dem Coming-out von Frank Ocean wird offen über Ausgrenzungen diskutiert. Hat sich seitdem etwas verändert?
Frank Ocean rappt nicht – und er hat sich nicht als schwul, sondern als bisexuell bezeichnet. Das macht einen großen Unterschied. Denn queere Sänger haben im Rhythm and Blues schon seit Jahrzehnten Karriere gemacht. Merkwürdigerweise kommt aber niemand auf die Idee, da eine Art Normalität herzustellen und mich oder ihn in eine Reihe mit Little Richard und Sylvester zu stellen.
 
Andererseits scheint es ja gerade chic zu werden, sich für die „gay community“ zu engagieren. Sogar straighte Rapper wie Macklemore machen sich für Schwulenrechte stark.
Ich begrüße es natürlich, dass breite liberale Allianzen für die Rechte von Homosexuellen kämpfen. Der öffentliche Druck ist dadurch so gewachsen, dass sich sogar ein paar Dancehall-Musiker für ihre homophoben Texte entschuldigt haben, um weiterhin auftreten zu dürfen. Schwulenfeindlichkeit gilt nicht mehr als cool. Das bedeutet nach all den Gangstarap- und Eminem-Tiraden einen großen Fortschritt. Bei Macklemore hätte ich mir nur gewünscht, dass er auch mal seine Privilegien als weißer Hetero-Mann eingesteht.
 
Was bedeuten die schwulen Zuschreibungen für deine Fan-Basis? Sprichst du vor allem ein queeres Großstadtpublikum an?
Nein, zum Glück überhaupt nicht. HipHop ist doch viel größer als uns die Industrie glauben macht. Zu meinen Fans gehören viele weiße Hetero-Männer aus Kleinstädten. Diese Menschen identifizieren sich mehr mit meiner Kunst als mit irgendwelchen Vorurteilen. Sie sagen einfach: „Der Typ hat Swag“. Das macht mich glücklich.

Text: jonathan-fischer - Foto: Tibor Bozi

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