„Auf dem Berg, da bin ich ein Greis“

Reto Lamm ist einer der Pioniere des Snowboardens. Der 36-Jährige stand mehrfach bei Freestyle-Weltmeisterschaften auf dem Podium, gewann die erste Ausgabe des „Air und Style“-Events und machte den Sport mit seinem Auftritt in Willy Bogners Film „White Magic“ einem breiteren Pulikum bekannt. Heute lebt er die meiste Zeit des Jahres in München, arbeitet weiter für Bogner und macht ab und zu Video-Installationen.
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Die aktuellen Top-Fahrer des Snowboard-Weltcups sind beinahe halb so alt wie du: Fühlst du dich manchmal alt, wenn du ihnen beim Springen zusiehst? Reto: Alter ist relativ, oder? Ich bin für einen Mitdreißiger doch eigentlich ganz gut in Schuss. Aber auf dem Berg, da bin ich ein Greis. Bei einem Snowboarder, der viele Jahre lang radikal gefahren ist, fällt der Körper eben mit 32 auseinander. Die Knie. Der Rücken. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, die Megaschanzen bei Events wie dem „Air and Style“ noch runterzufahren. Na ja, vielleicht mit einem straighten Sprung und ohne Salto. Aber das Alter hat auch Vorteile. jetzt.muenchen: Welche? Reto: Man sieht die Zusammenhänge klarer: was geschehen ist, warum es geschehen ist. Es ist normal, dass man irgendwann aufhören muss. Ich habe da kein Problem damit und fahre nur noch zum Spaß. Aber wenn ich mit dem Michi Albin (Schweizer Snowboarder, Anmerkung der Red.) und den Jungs im Engadin unterwegs bin, muss ich mich schon anstrengen, um hinterher zu kommen. jetzt.muenchen: Hast du auf dem Berg Angst? Reto: Vor allem Respekt. Aber Angst ist nicht unbedingt schlecht, eben ein Gefühl, mit dem man auf eine potentielle Bedrohung reagiert. Die Angst macht einen vorsichtiger und bedachter. Aber sie darf dich nie beherrschen. Denn auf dem Berg muss man immer agieren, die Situation und die Umgebung unter Kontrolle haben. Wenn du Angst hast, dann reagierst du nur noch. Dann bist du zu langsam. Ich habe zurzeit zu viel Angst. jetzt.muenchen: Warum? Reto: Ich bin 1997 in Alaska in eine Lawine geraten. Es war ein perfekter Tag. Sonne, blauer Himmel und unendlich viel Schnee. Und eine halbe Sekunde später rutschte der halbe Berg ins Tal und wir waren mittendrin. Es ist zum Glück nicht viel passiert. Wir haben stark geblutet und ein paar Zähne oben gelassen. jetzt.muenchen: Wie verarbeitet man so einen Unfall? Reto: Ich habe kein Patentrezept. Es ist ein Trauma, das dich nicht mehr loslässt. Ich fahre zwar immer noch am liebsten im Gelände. Aber ich genieße diese scheinbar perfekten Tage nicht mehr so. Manchmal sind wir mit einer Gruppe unterwegs, und plötzlich habe das Gefühl: Hier solltest du nicht sein. Schnell weg. Aber wenn die anderen den Hang fahren wollen, mache ich mit. Das ist kein Gruppenzwang, man hat in den Bergen die Verantwortung, sich nicht alleine zu lassen. Mein Vater war Chef der Bergwacht in St. Moritz. Der ist alle zwei Tage hoch auf den Berg um die toten Körper einzusammeln. So etwas prägt. jetzt.muenchen: Du arbeitest mittlerweile als Video-Designer viel in München, Las Vegas und Tokio. Vermisst Du in der Stadt manchmal die Berge? Reto: Ich habe ja immer noch das Eltern-Haus im Engadin. Die Berge waren immer da und sind so etwas wie meine Heimat. Es ist schön, wenn man überall auf der Welt zu Hause sein kann. Man braucht nur ein paar Gipfel. Aber ich glorifiziere das nicht. Ich lebe gerne in der Stadt. Die Berge kann ich ja von München aus schnell besuchen. Und in den Bergen ist es so einsam. Kein Kino, keine ordentliche Kneipe. Machmal habe ich dort das Gefühl, ich drehe durch.


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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Dem Snowboarden bist du als Veranstalter und Funktionär noch immer verbunden. Wird man nicht irgendwann zu alt für Subkultur? Reto: Was ich nie begriffen habe: wie man einem Kapitel seines Lebens einfach so Lebewohl sagen kann. Ein paar Freunde von mir haben das gemacht. Die sind heute Hardcore-Banker und ignorieren ihre Vergangenheit. Es ist ihnen sogar peinlich. Ich kann verstehen, dass man nicht sein ganzes Leben mit den gleichen Typen in den Bergen rumhängen will, aber mir ist wichtig, dass ich das kreative und freiheitliche Element des Sports mit in meinen nächsten Lebensabschnitt rüber retten kann. Ich will mir dieses Bewusstsein für die Business-Karriere erhalten. jetzt.muenchen: Funsport und Wirtschaft – das klingt doch im ersten Moment wie ein Widerspruch, oder? Reto: Im Gegenteil. Der Snowboardsport bereitet dich auf eine Management-Karriere vor. Ich bin schon als 18-Jähriger alleine um die Welt gereist, habe mit Sponsoren verhandelt, fremde Sprachen gelernt und immer versucht, das Beste herauszuholen. Snowboarden ist das gleiche Spiel wie im ganzen Leben: Faulheit ist schlecht. Disziplin ist gut. Man muss motiviert sein, braucht eine Strategie und muss wissen, wie man vorgehen will. Das ist nicht so mysteriös, wie es sich manchmal anhört. Wenn ich ein paar der Leute schon höre: „Dude, it’s so nice. It’s like flying.“ Das halte ich nur schlecht aus. jetzt.muenchen: Die Zusammenarbeit mit großen Konzernen und Medien gilt in der Rider-Szene ja nicht gerade als cool. Hast Du keine Angst vor dem Ausverkauf? Reto: Ich hatte dazu immer eine andere Einstellung als Teile der Core-Szene. Ich habe schon in den 80er Jahren zusammen mit Willy Bogner Wintersport-Filme gemacht. Als Skifahrer und Modeschöpfer gilt der ja nicht gerade als cool. Aber mir hat das Spaß gemacht und ich denke, die Filme haben dem Snowboard-Sport auch geholfen. Im Kino kamen viele Leute zum ersten Mal mit der neuen Bewegungsform in Kontakt. jetzt.muenchen: Aber die Subkulturen lehnen den Kontakt mit der Masse doch eher ab. Reto: Geht es der alternativen Szene nicht immer um Toleranz und Freiheit? Ich bin offen für andere Einstellungen. Dieser Szene-Stolz wird oft übertrieben. Wenn man nur allein gelassen werden will, wenn man nur sein eigenes Ding macht, dann ist man verloren. Dann wird man von der Restwelt weg geschwemmt. Man muss mit ihr verhandeln. Und überhaupt: Ich habe Krawattenträger kennen gelernt, die waren toleranter und flexibler als die Leute in der Szene. jetzt.muenchen: Wie lange kann man Snowboarder bleiben? Werden wir in Zukunft 70-Jährige auf dem Brett sehen? Natürlich. Wir sollten uns auch in Zukunft nicht verstecken, in dem Stil weitermachen. Man muss das, was man mag, und an das man glaubt, nicht aufgeben. Früher musste man sich an einem gewissen Zeitpunkt verändern, wenn man in der Welt der Erwachsenen Erfolg haben wollte. Das ist heute anders. Ich habe vor kurzem den Werbechef von Nissan getroffen. Der verwaltet ein Millionen-Budget und läuft in T-Shirts und zerfetzten Jeans herum. Die Wirtschaft braucht heute Leute wie uns. jetzt.muenchen: Soll das heißen, wir müssen niemals alt werden? Reto: Wenn Alter bedeutet, dass ab und zu das Knie weh tut oder die Haare grau werden, dann werden wir ihm nicht auskommen. Aber in den letzten Jahren wurden Grenzen abgebaut. Heute spielt ein 35-jähriger Vater mit seinen Kindern Playstation, geht Snowboarden und hat Spaß. Wir müssen nicht farblos werden. Ich hatte Angst vor dem Tag, an dem Anzug und Krawatte vor mir liegen. Aber dieser Tag ist nie gekommen. Ich bin so glücklich. Fotos: Willy Bogner

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