Auf der Couch mit Philipp

Gibt es gute TV-Formate für junge Erwachsene? Ein Fernsehnachmittag mit Mediensatiriker Philipp Walulis soll die Antwort geben
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Illustration: Julia Schubert


Gespräche zwischen einem jungen Menschen und noch einem jungen Menschen über das, was uns im deutschen Fernsehen geboten wird, haben fast immer einen negativen Unterton: Der eine hat seinen Fernseher aus Frust über das Programm abgeschafft, der andere behält ihn nur noch, um amerikanische TV-Serien zu schauen. Beschweren wir uns zurecht? Woran hapert es im Fernsehprogramm für junge Erwachsene – das es ja gibt, nicht wenige Sendungen werden explizit für die junge Zielgruppe gemacht, im Privatfernsehen nicht zuletzt, weil sich die werbetreibende Wirtschaft für uns besonders begeistern kann. 

  Vielleicht findet sich eine Antwort bei einem Fernsehnachmittag mit jemandem, der einen gut geschulten Blick fürs TV-Programm hat. Der als Grimme-Preisträger weiß, wie gutes Fernsehen funktioniert. Und mit 31 Jahren selbst zu den Betroffenen gehört. Die Rede ist von Philipp Walulis, der in der medienkritischen Satire-Sendung „Walulis sieht fern“ TV-Formate persifliert und deren Prinzip intelligent auseinandernimmt.
  Wir starten den Fernsehnachmittag mit einer Folge des Reportagemagazins „Bambule“, das auf ZDF Neo läuft und von Sarah Kuttner moderiert wird. In der Sendung geht es um Veganismus: Bevor der Beitrag beginnt, spaziert Kuttner durch einen Park, setzt sich auf bunte Stühle, in ein Bällebad und auf einen Stein in einem Wasserbecken, während sie über Nachhaltigkeit philosophiert und den „Club of Rome“ zitiert. Was sagt Philipp dazu?
  „Sarah Kuttner ist ja toll, aber dieses Schlaumeiertum. Da würde ich abschalten, das würde ich mir lieber von einem Fachmann erzählen lassen. Trotzdem schön, nicht gleich zu tiefgehend, aber ein intelligentes Thema. Das ist was für Menschen, die sich ihre eigene Meinung bestätigen lassen wollen, also eh Bio einkaufen und sich auf der Grenze zwischen Antifa und ’Ich bin der Grund für die Gentrifizierung’ befinden. Aber das ist in Ordnung und es sieht alles gut aus! Zum Beispiel ist es kacklangweilig, was der Interviewte gerade sagt, aber dafür fährt im Hintergrund ein Boot vorbei. Das Thema der Sendung interessiert mich nicht, aber wenn, dann würde ich es mir anschauen. Insgesamt ist das eine bewegtbildgewordene Neon.“

  Ein gar nicht so schlechter Einstieg. Nach öffentlich-rechtlichem Jugendmagazin ist es nun Zeit fürs Privatfernsehen. Wir wechseln zu „Game One“, einem Computerspielemagazin auf Viva. Die Themen der Sendung: das Rollenspiel „Guild Wars 2“, das Actionspiel „Transformers: Der Untergang von Cybertron“ und das Indie-Game „Slender“. Alles ziemlich Special-Interest – und nicht das von Philipp, der trotzdem öfter mal gluckst und kichert.
  „Toll, dass die sich so ein langes Intro gönnen! Ach, das macht ja schon einen sehr peppigen Eindruck. Flippig halt. Fresh. Oder, noch besser: edgy! Ich bin nicht so der Computerspiele-Typ und würde behaupten: Der normale Zapper bleibt wahrscheinlich nicht hängen. Da wird schon sehr viel an Wissen vorausgesetzt. Aber sonst ganz angenehm zu schauen. Dabei ist das wahrscheinlich alles ziemlich günstig produziert: Eine statische Kamera für die Moderation und drehen muss man sonst kaum, weil man auf die Aufnahmen aus den Computerspielen zurückgreifen kann. Aber sieht nicht billig aus, das ist schon schlau gemacht. “ Wie man kostensparend Gutes produziert, weiß Philipp aus eigener Erfahrung. Beim Münchner Aus- und Fortbildungskanal, wo „Walulis sieht fern“ seit der ersten Folge entsteht – auch wenn die Sendung inzwischen im ARD-Digitalkanal Eins Plus ausgestrahlt wird ist das Budget eher knapp. Als Nächstes schalten wir zurück ins Öffentlich-Rechtliche: zu „Yourope“, dem jungen Europa-Magazin auf Arte. Wir sehen die Ausgabe „Experiment Demokratie“. Der Moderator sagt den ersten Beitrag an: In Rumänien ist die Demokratie in Gefahr. Wie protestieren junge Menschen dagegen?

  „Ah, ein Jugendmagazin, in dem gesiezt wird! Hm. Wobei, das Du kann auch sehr anbiedernd wirken – und bei ihm passt das, der sieht so seriös aus. Ansonsten, also wenn ich Politik studieren würde, würde mich das wahrscheinlich mehr interessieren. Das Thema hat wohl ein Fachmann umgesetzt, aber mein Grundwissen ist leider nicht so groß, so dass ich da kaum mitkomme. Eigentlich ist das ein Auslandsjournal-Beitrag, der von jungen Menschen handelt. Aber alle Politikstudenten in Deutschland, die aus Rumänien stammen, werden das sicher dankbar konsumieren. Wobei, wenn ich gerade in dem Modus bin, dass ich mich über Politik informieren möchte, dann ich wohl auch.“
  Die dritte Sendung explizit für uns und noch immer haben wir nichts gesehen, das uns mitgerissen hat. Gleichzeitig konnten wir uns aber immer vorstellen, dass es jemanden ansprechen könnte, sei die Zielgruppe auch noch so klein. Wir wollen als nächstes noch etwas sehen, von dem wir wissen, dass es sehr viele Menschen begeistert, wie über zwei Millionen Facebook-Fans belegen: Eine Folge von „Berlin: Tag & Nacht“, einem Scripted-Reality-Format, bei dem der Zuschauer an den Irrungen und Wirrungen im Leben junger Hauptstädter teilnimmt. Das Pseudo-Dokumentarische des Formats wird aber durch einordnende Kommentare der Darsteller regelmäßig aufgebrochen.
  „Schön: In den ersten paar Sekunden wird
 erklärt, was alles in der Folge passieren wird. Oh Gott, diese Redundanz, dieser auswendig gelernte Text. Dennoch, meinen Respekt für die Macher: Das ist schnell und billig produziert, aber kommt gut an. Hier funktioniert wohl, dass diese Laien-Darsteller quasi sich selbst spielen. Die sagen auch sonst „Alles Klärchen, mein Bärchen“. Und es ist näher an der jungen Lebenswelt als diese Studio-Produktionen wie „Verbotene Liebe“. Allerdings, die Geschichten könnte auch ein Roboter schreiben. Ich find’s total langweilig.“

  Wieder der Eindruck: Ja, irgendwem dürfte das schon gefallen. Wir reden über andere junge Formate, „neo Paradise“, die Musiksendung „Beatzz“, das Liveformat „on3-südwild“ oder die Talkshow „Roche und Böhmermann“ und uns fällt auf: Es gibt noch ziemlich viel, was wir heute nicht geschaut haben. Aber Bilanz ziehen müssen wir trotzdem: Am besten hat uns „Bambule“ gefallen, gleichzeitig waren wir von „Yourope“ ziemlich enttäuscht, während „Game One“ gar nicht schlecht war. Öffentlich-rechtliches Fernsehen ist also nicht unbedingt besser. Ein Prinzip Jugendfernsehen können wir aber nicht ableiten. Die einzige Gemeinsamkeit im jungen TV-Programm ist wohl: Es läuft in der Regel in den Spartenkanälen oder spät abends. Aber, sagt Philipp, da müssen wir nachsichtig sein und uns in den digitalen Kanälen und zeitversetzt in den Mediatheken gütlich tun. Denn diejenigen, die den Musikantenstadl im Netz finden wollen würden: Die würden es im Gegensatz zu uns nicht schaffen.



Text: juliane-frisse - Foto: SWR

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