Auf Geisterjagd

Durch die Nacht mit bayerischen Geisterjägern: Im Ebersberger Forst soll es eine weiße Frau geben, die Autofahrer erschreckt und Unfälle provoziert. Eine Spurensuche
philipp-mattheis

Dies ist die Geschichte von der weißen Frau aus dem Wald. Vor vielen Jahren wurde eine Frau nachts im Ebersberger Forst von einem Auto überfahren. Der Fahrer flüchtete. Die Frau starb am Tatort. An ihrem Todesort, auf halber Strecke zwischen Ebersberg und Forstinning, 20 Kilometer von München entfernt, steht eine kleine Kapelle. Hier erscheint tief in der Nacht der Geist der weißen Frau. Man sagt, sie sei auf der Suche nach ihrem Mörder. Manche Autofahrer schildern sie als dichten, leuchtenden Nebel, andere sehen eine trampende Frau in weißen, wallenden Gewändern. Hält der Autofahrer und lässt die Frau einsteigen, so verschwindet sie kurz darauf. Wer jedoch weiterfährt, dem erscheint sie kurz darauf auf dem Rücksitz. Der Fahrer erschrickt, verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und stirbt. Fast jeder kennt die Geschichte von der weißen Frau. Doch niemand weiß, woher sie stammt oder wie alt sie ist.


Was Gespenster sind, lässt sich nicht so leicht definieren. „Man weiß ja nicht einmal, ob es sie gibt“, sagt Alex. „Manche Leute sagen, Geister sind Restenergien. Energie kann nicht verloren gehen, das sagt ja auch die Physik. Manchmal lässt ein Mensch, wenn er stirbt einen Teil seiner Energie zurück.“ Mit einer Taschenlampe leuchtet Alex in den Wald hinein. Es ist eine frische, klare Märznacht. Der Halbmond scheint silbern durch die noch kahlen Wipfel der Bäume. Nebelschwaden hängen über dem Asphalt. „Perfektes Wetter für einen Geist“, sagt Alex und lacht kehlig. Die anderen vier stimmen ein. Es klingt hysterisch, so wie Kinder lachen, wenn sie eigentlich Angst haben. 

  Alex, Natalie, Doris, Dani und Rolf sind Geisterjäger. Wer ein Problem mit einem Geist hat, kann sich über die Website www.ghtb.de, Ghosthunterteam Bayern, an sie wenden. Geld wollen sie dafür keines. „Wir wollen Menschen helfen“, sagt Doris, eine kleine 40-jährige Frau, die sich auch „Hexana“ nennt. „Dafür nimmt man doch kein Geld.“ Im Internet-Forum www.geisternet.com fanden sie sich und schlossen sich dem von Alex gegründeten Team an. Laut Alex gibt es sechs bis sieben solcher Geisterjägertrupps in Deutschland. Durchschnittlich zwei PU's, so genannte paranormale Untersuchungen, führt das Ghosthunterteam Bayern im Monat durch. Seit ihrer Gründung vor zwei Jahren spüren sie nach Geistern in alten Burgen, verwunschenen Wäldern und verspukten Häusern. Es geht nicht darum, Geister einzufangen. Eigentlich suchen die Ghosthunter zu allererst nach einer rationalen Erklärung für den Spuk. 
 
Alex, Rolf und Natali glauben selbst nicht an Geister. Aber Doris sagt, sie könne ihre Anwesenheit spüren. Schwer zu beschreiben sei das Gefühl, eine Art innere Unruhe, die bis zur Panikattacke anwachsen könne. Dreimal habe sie den Tod eines Menschen 14 Tage vor dessen Eintreten erahnt. „Ein Segen ist die Gabe nicht“, sagt sie. „Aber ich habe sie nun mal von meiner Großmutter geerbt. Ich muss damit leben.“ Auch Dani, eine große, kräftige 32-jährige Frau mit weiß geschminkten Gesicht, sagt, sie hätte übernatürliche Erfahrungen gemacht: Kurz vor einem Autounfall hörte sie die Stimme ihrer verstorbenen Großmutter, die ihr versicherte: Es wird nichts passieren. Tatsächlich überlebten alle Beteiligten den Zusammenprall zweier Autos, von denen eines 100 km/h schnell war. 

  Jetzt stehen sie an der Kapelle im Ebersberger Forst, dem Ort der Manifestation. Hier soll eine weiße Frau den Autofahrern erscheinen (siehe Kasten). Die Luft ist feucht, es riecht nach Moos und alter Baumrinde. Rechts vor dem kleinen Gebäude führt ein Weg tief in den Wald hinein, links die geteerte Straße, auf der um diese Zeit nur noch selten ein Auto vorbeikommt. Alex verteilt die Geräte an sein Team: Kamera, Magnetfeldmesser, Thermometer, Aufnahmegeräte. Doris wird alles mit einer Infrarotkamera aufzeichnen. Rolf misst die Temperatur. Nach einer Theorie manifestiert sich ein Geist, in dem er seiner Umgebung Energie entzieht – das kann sich in einem Temperaturabfall bemerkbar machen. Dani kontrolliert mit einem Trifield-Meter das Magnetfeld um die Kapelle. „Das Gerät haben wir extra aus Amerika bestellt“, sagt Alex. Das Ding der in Größe einer Taschenlampe fiept und quietscht, als Dani es in die Nähe von Alex’ Körper bewegt. Alex selbst ist Schriftführer und wird die Ergebnisse der Messungen schriftlich festhalten. Der Datenlogger, ein Gerät, das diesen Arbeitsschritt automatisch erledigen soll, ist heute leider ausgefallen. Morgen werden sie die Aufzeichnungen der Geräte auf einem Laptop überspielen und abhören. Manche wird Rolf anderen Geisterjägern zuschicken, die er aus dem Geisternet-Forum kennt, um sich mit ihnen auszutauschen.

 

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Es ist 22.41 Uhr. Warum schon jetzt, warum warten nicht bis Mitternacht? „Geisterstunde, oder was? Schmarrn“, keucht Alex. „Kennst du einen Geist, der wo eine Uhr hat?“ Und wieder lachen alle dieses aufgeregte Lachen.
  Doris richtet die Kamera auf die Kapelle. Die Basismessung beginnt. Temperatur? „6,9 Grad“, sagt Rolf. Alex notiert. Luftfeuchte? „55 Prozent.“ Magnetfeld? „Kein Ausschlag.“ „He Geist“, schreit Alex. „Was is' denn jetzt?“ Ein kalter Wind fährt durch die Bäume. Zehen und Finger frieren. Auf die Basismessung folgt der „Sit-Down“, auch EVP, Electronic Voice Phenomena, genannt. Die Ghosthunter werden den Geist befragen. Sie wollen ihn provozieren, damit er eine Reaktion zeigt.

  Doris, Dani und Alex stellen sich unter das Vordach der Kapelle. Ein Gitter trennt den Altar vom Äußeren. Darin steht eine Krücke, für deren Anwesenheit niemand eine Erklärung hat. Die Messgeräte sind angeschaltet und liegen auf dem Boden. Alex instruiert die Anwesenden – wer versehentlich ein Geräusch von sich gibt, soll „ich“ sagen. Es ist 22.59 Uhr.
  Doris fragt: „Bist du die Frau, die wo hier zusammengefahren worden ist?“ Stille. Dann ein Rascheln. „Ich“. Das war Dani. Doris fragt weiter: „Hat der Unfall überhaupt hier stattgefunden? Suchst du den Mann, der dich überfahren hat?“ Sekunden vergehen. Ein Auto fährt vorüber. „Warum erschreckst du die anderen Autofahrer?“ Nichts geschieht. 

  Jetzt fällt Doris' Kamera aus. Sie drückt auf Knöpfe, schaltet das Gerät aus und wieder an. Nichts. Plötzlich blitzt es im Wald. Es ist ein kleines, silbernes Leuchten am Ende des kleinen Weges. Dann noch einmal. Und ein weiteres Mal. Als wolle jemand Zeichen geben. Dann wird es wieder dunkel.



  „Da hinten ist bestimmt eine Straße“, sagt Alex. „Das sind Autoscheinwerfer.“ Überzeugt klingt er nicht. „Wir müssen nachsehen“, sagt Doris. „Bis Mitternacht sind wir an der Kapelle zurück.“ Die fünf marschieren in den Wald. Es wird dunkler, die Kälte kriecht jetzt in die kleinen undichten Stellen der Kleidung hinein und lässt einen von innen erschaudern. Dort ist es wieder! Ein kleiner silberner Blitz am Ende des Weges. Dani atmet schwer. Weiter, tiefer in den Wald hinein. Alex versucht einen Witz zu machen, aber jetzt lacht niemand mehr. Dunkelheit würde die fünf vollends verschlucken, hätten sie nicht Taschenlampen bei sich, erstklassige Geräte, versichtert Alex. Schemenhaft zeichnen sich Baumstämme am Wegesrand ab. Doris redet jetzt auf Dani ein, doch die zittert nur noch, kann nicht mehr auf Worte reagieren. Spürt sie etwas? Dani antwortet nicht. Weiter immer, weiter durch den Wald. Da blitzt es wieder, diesmal deutlicher, heller. Die nächsten Minuten ist nichts zu hören außer Schritten auf dem Feldweg und Danis schwerem Atem. „Es dauert zu lange“, sagte Alex. Die Luft ist eiskalt. Die Gruppe kehrt um und will den Weg mit dem Auto zu Ende fahren. 

  Nach zehn Minuten erreichen sie eine Teerstraße. Ein Auto fährt vorüber. Alex lacht, weil er wieder einmal Recht hatte: Das Licht der Autoscheinwerfer bricht sich an den zahllosen Baumstämmen, aus der Ferne sieht man nur ein kurzes Aufblitzen. Dani atmet tief durch und zündet sich eine Zigarette an. Es ist 23.45 Uhr, sie machen sich auf den Rückweg, um rechtzeitig an Mitternacht wieder an der Kapelle zu sein. Vielleicht haben die Aufnahmen in der Zwischenzeit etwas ergeben.

  Als sie die Kapelle erreichen, sind dort Lichter, Autoscheinwerfer, Taschenlampen. Stimmen. Sie steigen aus. Plötzlich blicken sie in zwei Dutzend Augenpaare. „Wer seid ihr?“, fragt eine tiefe, aggressive Stimme. „Was wollt ihr hier?“ Sie gehört einem dunkelhaarigen Jungen mit grauem Kapuzenpulli. Mädchen kichern. „Wir sind Geisterjäger“, stellt sich Alex vor. „Verarsch uns halt nicht!“, sagt der Junge. „Seid ihr auch wegen der weißen Frau hier?“ Der Junge heißt Serkan. Er und seine Freunde sind zu elft mit zwei Autos aus Neuperlach hierhergekommen. Jemand hat ihnen die Sage von der weißen Frau erzählt. Die elf Leute quetschen sich wieder in ihre zwei Autos und fahren in die Nacht davon. An einer anderen Stelle im Forst soll es mysteriöse Irrlichter geben, da wollen sie hin. Zurück bleibt Kevin, 20, aus Daglfing, der mit seinen drei Freunden hier ist – nicht zum ersten Mal. Er sagt, er sei die letzten fünf Tage immer um Mitternacht hier gewesen. Die weiße Frau habe er noch nicht gesehen. „Aber dafür treffe ich jede Nacht andere Leute hier. Irgendjemand kommt immer.“ In Kevins Kofferraum lagern ein paar Leinentücher, die hat er immer dabei, um Leute zu erschrecken. „Manchmal“, sagt er, „reicht es schon, das Tuch irgendwo an einen Ast zu hängen. Die Leute kriegen so einen Schreck, dass sie nicht einmal mehr nachschauen.“

  Die Ghosthunter haben in der Zwischenzeit ihre Geräte eingesammelt. „Da brauchen wir auch nicht mehr messen“, sagt Alex. „Da traut sich ja kein Geist raus bei so vielen Leuten.“
 
Nachtrag:
  Die Auswertung der Messungen der Ghosthunter dauert einige Tage. Dann schreibt Alex alias „Trasgu“ eine Email: „Wir können nicht vollkommen ausschließen, dass es an der Kapelle im Ebersberger Forst keine paranormalen Aktivitäten vorkommen. Zum Zeitpunkt der PU wurden allerdings keine Aktivitäten festgestellt. Die Lichter wurden eindeutig als vorbeifahrende Autolichter identifiziert.“
  Dirk Anders arbeitet seit drei Jahren bei der Polizei Ebersberg und kennt die Geschichte von der weißen Frau. Er sagt: „Auf dieser Strecke durch den Forst ereignen sich im Jahr zwischen zehn und 15 Unfälle.“ Das sei verhältnismäßig wenig. Von einer Aussage, wonach ein Autofahrer vor einem Unfall eine weiße Frau gesehen habe, wisse er nichts. Meist seien Wildübergänge oder waghalsige Überholmanöver für den Unfall verantwortlich.



Text: philipp-mattheis - Fotos: Juri Gottschall

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