Aussteigen schwer gemacht

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Das Erste was Matthias Adrian sieht, wenn er morgens die Augen aufschlägt, ist Hitler. 17 Bilder des "Führers" hängen in seiner Wohnung. In der Küche. Im Flur. Auf der Toilette. Selbst im Spiegel blickt ihm eine Adolf-Sparversion entgegen. Spitzbärtchen, klebriger Seitenscheitel, Braunhemd. Adrians Züge sind weicher als die seines Vorbilds, das Gesicht runder, ein bisschen dicklich, aber die Entschlossenheit in seinem Blick ist dieselbe. Er ist von "der Sache" überzeugt. Von der zionistischen Verschwörung, Rassenhygiene, von der Überlegenheit des deutschen Volks. Mit 21 Jahren sitzt er im hessischen Landesvorstand der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD, marschiert auf Demos, kritzelt eifrig Hakenkreuze an Wände. Sieben Jahre geht das so, bis ins Jahr 2000. Dann landet Hitler im Müll. Adrian tritt damals aus der Partei aus. Für seine Kameraden wird er zum Verräter. Im Internet tauchen Drohbriefe gegen ihn auf. Eines Nachts ruft ihn ein "Sprecher des kommissarischen Volksgerichtshofs" an und verkündet ihm sein Todesurteil. Hilfe beim Ausstieg hat er nicht. Programme, die Neonazis bei ihrem Weg aus der Szene unterstützen, gibt es zu dieser Zeit nicht, zumindest keine, von denen er weiß. Bis Bernd Wagner, ein ehemaliger DDR-Polizist, "Exit" auf die Beine stellt, einen Verein aus ehemaligen Rechtsradikalen, Polizisten, Sozialarbeiten und Psychologen, die sich zwei Ziele setzen: Unterstützung von Aussteigern. Und Prävention. "Ich hatte das Gefühl, den Schaden wieder gut machen zu müssen", sagt Adrian in seinem weichen Hessisch. Rund hundert Vorträge hält er im Jahr in Schulen und Gemeindesälen. Vor allem aber betreut er Neonazis, die bereit sind, die Szene zu verlassen - mit, wenn man Matthias glauben darf, beachtlichem Erfolg. "Aus den sieben Jahren, die es Exit gibt, wissen wir nur von sieben Leuten, die zurück in die Szene gegangen sind", sagt der heute 32-Jährige. Alle paar Monate wird Matthias in eine Talkshow geladen. Meist setzt man ihn zwischen Politiker, die mit besorgter Miene über rechte Gewalt lamentieren, Exit loben und mehr Anstrengungen im Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus fordern. Und trotzdem werden in ein paar Tagen die Fördermittel für Exit gestrichen. Der Organisation könnte das Aus drohen. Rund 350 Aussteiger betreut Eigentlich, so Matthias, braucht Exit nicht viel Geld. "Mit 200 000 Euro können wir ein Jahr existieren", sagt er. Dennoch stellt das Arbeitsministerium, das den Verein bisher mit rund 10 000 Euro im Monat unterstützt hat, seine Zahlungen zum 30. September ein. Der Grund: In Deutschland werden fast ausschließlich Modellprojekte gefördert. Das Arbeitsministerium etwa zahlt in der Regel rund drei Jahre, in Ausnahmefällen kann ein viertes angehängt werden. "Bei der Projektförderung geht es immer nur um eine Anschubfinanzierung, bis das entsprechende Projekt sich verstetigt hat", begründet Ministeriumssprecher Peter Ziegler den Stopp. Im Klartext: Nach einigen Jahren soll das Projekt so viel Profit machen, dass es sich selbst finanziert. Nur will dieser Plan bei Exit nicht aufgehen. Aussteiger werfen kein Geld ab. Der Gewinn für die Gesellschaft, wenn eine Nazi-Karriere im Keim erstickt wird, wenn ein geläuterter Rechter Arbeit findet, wenn kein Ausländerwohnheim brennt, ist schwer zu bemessen. "Ein Projekt wie unseres fällt aus den Landestöpfen heraus", sagt Matthias. "Angeblich fehlt uns das . . . Innovative". Das letzte Wort formuliert er, als stünde es in zwei Gänsefüßchen. "Man hat uns gesagt, der Verein müsse sich auf dem Markt behaupten. Aber auf welchem Markt?"

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Illustration: Julia Schubert

Dokument aus einer anderen Zeit: In seinem Personalausweis dokumentierte Matthias früher auf recht eindeutige Weise seine Gesinnung. Heute reist er durch das Land, um zum Beispiel an Schulen von seiner Zeit in Nazi-Kreisen zu berichten. Exit habe doch noch andere Geldgeber, heißt es aus dem Arbeitsministerium. Tatsächlich schießt auch das Familienministerium bis 2010 etwas dazu. Außerdem wird der Verein durch private Initiativen wie die Freudenberg- und die Antonio-Amadeo-Stiftung gefördert. Doch bei der Fülle von Anfragen lässt sich die Arbeit ohne zusätzliche Mittel kaum bewerkstelligen: Rund 350 Aussteiger hat Exit nach eigenen Angaben seit der Gründung 2000 betreut. Manchmal reicht es, sich gemeinsam mit Aussteigern eine Legende einfallen zu lassen - da gibt es dann plötzlich einen Leberschaden oder das dringende Bedürfnis, eine Familie zu gründen, irgendeine Notlüge, die es plausibel macht, dass man auf einmal nicht mehr mitmarschieren kann. So leicht ist es aber nur in den wenigsten Fällen. "Vor kurzem hat sich die Ehefrau eines Nazis zusammen mit ihren Kindern an uns gewandt. Sie musste rund um die Uhr bewacht werden. Wochenlang haben wir sie in konspirativen Wohnungen versteckt", erzählt Matthias. "So eine enge Betreuung ist nur möglich, wenn Leute Vollzeit für Exit arbeiten. Nebenher lässt sich das nicht machen." Für Matthias ist es unbegreiflich, dass das Projekt alle paar Jahre erneut um Gelder betteln muss. Er war der Sauber-Nazi "Exit greift die Szene in ihrem Bestand an. Wir nutzen unser Wissen und setzen es gegen die Rechten ein. Das muss doch im Interesse des Staates sein", sagt Matthias. "Ein neues Projekt kann unmöglich über die Netzwerke verfügen, die wir aufgebaut haben." Ohne sie ist es jedoch schwer, die Szene zu überblicken. Rechts heißt heute nicht mehr Skinhead und Bomberjacke. "In fast jeder Subkultur gibt es mittlerweile rechte Ecken. Rechte Gothics, rechte Punks, es geht bis zu rechten Hip-Hop-Fans", sagt Matthias. "Sie hören Bushido und Eminem, finden aber Ausländer scheiße. In manchen Gegenden gehört das einfach zur Alltagskultur. Die meisten rutschen schon mit zwölf bis 15 in die Szene." Auch Matthias Adrian fing früh an, mit zwölf, vielleicht 13. Damals ist er der Sauber-Nazi. In der Schule trägt er Hemd und Krawatte, polierte Schuhe. Die Eltern finden sein Engagement gut - dass der Sohn Modellpanzer baut, sich mit Geschichte auskennt. Ein lustiges Hobby. Und er ist höflich - Bitte, Danke, Jawoll, Herr Lehrer. "Natürlich waren da auch die Ökofräuleins mit ihren grauen Pullis, aber deren Ablehnung hat mich nur noch angefeuert", erinnert er sich. Erst als Matthias die Bücher aus dem Dritten Reich liest, sich durch die klausulierte Sprache eines Alfred Rosenberg, des Chefideologen der NSDAP kämpft, stellt er fest, dass sich das Weltbild, das er für Wissenschaft hielt, wie "esoterischer Scheiß" liest. "Rosenberg schreibt zum Beispiel, dass die germanische Rasse von den Bewohnern Atlantis' abstammt, der versunkenen Stadt" - Matthias verdreht die Augen. "Wenn man erkennt, dass alles, woran man geglaubt hat, Unfug ist, dann ist das schwer zu verkraften." Gegen Rechts wettern helfe da herzlich wenig. Was die Antifa macht, Nazis raus brüllen, das ist totaler Quatsch", sagt Matthias. "Mann muss nicht die Leute bekämpfen, sondern ihre Einstellung." Dafür braucht es Zeit und Erfahrung. Vor allem an Letzterem mangelt es jedoch meist bei kommunalen Aussteigerinitiativen. "In den Ministerien steht oft nur ein Anrufbeantworter, auf dem man eine Nachricht hinterlassen kann", sagt Matthias. "Und wenn doch ein Beamter dran ist, kommt es nicht selten vor, dass er dem Aussteiger vorschlägt, noch ein, zwei Jährchen dabei zu bleiben und als V-Mann zu arbeiten." Er schüttelt den Kopf. "Exit ist ein einmaliges Projekt." Noch ist nicht alles verloren. Am vergangenen Montag hat sich Exit-Chef Bernd Wagner mit Vertretern des Arbeitsministeriums getroffen. Stolz hat man ihm verkündet, dass das Ministerium in diesen Tagen zusammen mit dem Europäischen Sozialfonds ein "Sonderprogramm zur Unterstützung von Initiativen, die sich rechtsextremistischen Tendenzen entgegenstellen und Ausstiegswillige unterstützen" ausschreibt. Fördervolumen: sieben Millionen Euro. Ein neues Programm, allerdings wieder nur für ein paar Jahre - für neue Modelle mit neuen Mitarbeitern, die unter Umständen, glaubt Matthias Adrian, die alten Fehler machen. Ministeriumssprecher Ziegler sieht jedoch einen größeren Zusammenhang: "Damit setzt die Bundesregierung ein deutliches Zeichen, welch große Bedeutung sie der Bekämpfung des Rechtsextremismus beimisst". Vermutlich wird sich Exit erneut bewerben, auch wenn Monate vergehen werden, bis die Anträge eingereicht und gegebenenfalls bewilligt sind. Eine Finanzierungslücke entsteht in jedem Fall. "Es ist zumindest eine Chance", sagt Matthias Adrian nach dem Treffen und klingt zumindest hoffnungsvoller als am Vortag. Nur wird er der "deutlichen Zeichen", die immer wieder gesetzt werden, allmählich müde.

Text: rebecca-lucke - Foto: AP / Jan Bauer

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