Backstage versus P1?

Judith und Malte sind Münchens jüngste Kandidaten für die Bundestagswahl. Ein Gespräch über Plakate, Parteien und Partys
christian-helten

Sie ist 25 und kandidiert für die Grünen, er ist 20 und kandidiert für die CSU: jetzt.muenchen hat drei Wochen vor der Wahl Judith Greif und Malte Symann getroffen und mit ihnen über politische Klischees in München gesprochen. jetzt.muenchen: Ihr seid die beiden einzigen Kandidaten für die Bundestagswahl, die unter 30 sind. Woran liegt das? Hat man es so schwer als junger Mensch in der Politik? Judith: Ja, man hat es schon schwer. Aber ich glaube trotzdem, dass sich das bei den Parteien noch mal unterscheidet. Bei den Grünen hat man es als junger Mensch und auch gerade als Frau leichter. Ich glaube, das liegt daran, dass die Altersgrenze bei der grünen Jugend sehr viel niedriger liegt als bei der Jungen Union (JU) zum Beispiel – mit 28 fliegt man halt raus. Malte: Ganz generell haben viele Jugendlichen noch anderes im Kopf, natürlich Ausbildung und Bildung. Und hinzu kommt – du hast es angesprochen – dass es schwierig ist, in der Partei, sehr früh auf verantwortungsvolle Posten zu kommen. Man muss sich hocharbeiten.

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Illustration: Julia Schubert

Wobei das Hocharbeiten ja tatsächlich ein Argument dafür wäre, noch früher anzufangen, nicht wahr? Malte: Hocharbeiten klingt so komisch, aber natürlich muss man sich engagiert haben, bevor eine Partei einen auf die Liste setzen will. Das klingt so negativ, aber … Judith: Aber ich glaube es ist genau das. Das ist auf der anderen Seite auch wieder das Problem mit der Politik. Wenn man einmal durch die Mühle durch ist, ist man schon genauso wie die ganzen etablierten Politiker: Dann ist man genauso korrumpiert, achtet auf jedes Wort und versucht sich immer nur ins beste Licht zu rücken und so. Du meinst, dass man geschliffen wird. . . Judith: Es gibt ja auch immer wieder Quereinsteiger in der Politik, aber es geht ganz oft schief, weil die dann weder die Struktur des Gremiums kennen, in dem sie arbeiten, noch die Partei. Wie seid ihr an Eure Kandidatur gekommen? Man hat euch offensichtlich ja nicht die Tür aufgerissen und gesagt: So, werde jetzt Kandidat! Malte: Bei mir war es fast so. Ich habe mich schon lange engagiert in der Jungen Union, keine Frage. Schließlich wurde ich dann einfach gefragt und habe ja gesagt. Wobei du jetzt auch einen Platz hast, der. . . Malte: . . . nicht sehr aussichtsreich ist. Du stehst auf Platz 59 der Landesliste der CSU. Judith, du stehst auf Platz 13 bei den Grünen und kandidiert direkt im Wahlkreis München-Nord. Judith: Also ich habe gekämpft um diesen Listenplatz und auch um diesen Wahlkreis. Erzähl mal! Judith: Ich wollte das machen und jemand anderes auch. Malte: Hast du ihn runtergebuttert? Judith: Ich habe eine Rede gehalten und die Leute überzeugt. Bei der Listenaufstellung ist es aber schon schwieriger, viel schwieriger. Da gibt es Kampfkandidaturen. Dann geht man eben in den Ring und muss da sieben Minuten reden vor 200 Leuten. Außerdem muss man Fragen beantworten und dann kommt es darauf an, ob die Delegierten aus ganz Bayern einen wählen oder nicht. Und ich wollte gern den neunten Listenplatz haben und habe den Dreizehnten bekommen und für`s erste Mal bin ich damit zufrieden. Macht euch der Wahlkampf Spaß, also zu Podiumsdiskussionen gehen, am Stand stehen, Handzettel verteilen? Judith: Ja. Malte: Das ist unterschiedlich. Es gibt Sachen, die machen mir viel Spaß und manchmal ist natürlich weniger Motivation da, wenn man jetzt Plakate kleben soll zum Beispiel. Hast du auch schon deine eigenen Plakate geklebt, Judith? Judith: Nee. Gibt es auch Plakate, auf denen du zu sehen bist, Malte? Malte: Also es gibt theoretisch welche, ich weiß aber nicht, wo die in München geklebt wurden, „Generation Aufbruch“ heißt die Kampagne und da bin gemeinsam mit anderen jungen Kandidaten der CSU – mit Wirtschaftsminister Guttenberg. Dich kann man auf großen Plakaten rund um die Uni sehen, Judith. Wie ist das für dich, so an dir selbst vorbeizuradeln? Judith: Das ist eigenartig. Ich werde eh schon ständig angesprochen: „Also ich find’s ein schönes Plakat“ und so, aber es ist schon komisch. Könntet ihr euch vorstellen befreundet zu sein? Malte: Ja, wieso nicht? Judith: Wir haben uns doch einmal in der Maxsuite getroffen. Kannst du dich erinnern? Malte: Ja, genau. Als ich jetzt in Berlin war bei einem Praktikum habe ich auch jemanden von den Jusos-München wieder getroffen und dann sind wir auch mit denen was trinken gegangen. Da darf man halt nicht so verklemmt sein. Judith: Die Frage stellt sich gar nicht so oft weil viele meiner Freunde so richtig aktiv sind in der Partei. Prinzipiell glaub ich aber schon dass man sich eher mit Leuten anfreundet, die eine ähnliche Einstellung haben. Denn die Politik greift dann schon in viele Lebensbereiche ein. Die Zukunftsplanung oder was man für Vorstellungen für die Familie hat. Malte: Oder ins Studium. Bei JUlern sagt man ja: Entweder studieren sie BWL oder Jura. Du hast dich für Jura entschieden. Malte: Ja klar. In dieses Klischee passe ich halt jetzt gerade rein. Gibt es solche Klischees auch über JUler oder junge Grüne aus München? So wie Backstage gegen Jurastudium. . . Judith: Ich habe neulich vor der TU ein paar Flyer verteilt. Und da sind natürlich auch viele männliche TU-Studenten. Die sind dann tendenziell eher konservativer eingestellt sind als an der LMU. Aber dass jetzt auf die Clubs zu beziehen ist schwierig. Natürlich geht der JUler bestimmt weniger ins Backstage und dafür gehen wir weniger ins P1. Malte: Also dass jeder JUler ins P1 rennt, ist auch wieder so ein Klischee. Nennt uns mal ein paar Orte in der Stadt, an denen ihr den JUler beziehungsweise den jungen Grünen erwartet. Judith: Mei, ich würde ihn jetzt schon eher in so Läden wie P1, Maxsuite oder Pacha erwarten. Malte: Die Maxsuite gibts doch gar nicht mehr. Judith: Siehste, das weißt du jetzt natürlich und ich nicht. Malte: Ich hätte jetzt umgekehrt gesagt Registratur oder Backstage. Oder irgendwelche Bars im Glockenbachviertel. Wobei da auch viele JUler rumlaufen. Es ist also schwierig, da zu unterscheiden. Wenn ihr euch jetzt einen Club oder eine Bar aussuchen müsstet für euren Wahlkampf, wo hättet ihr es am leichtesten? Judith: Im Backstage auf jeden Fall. Malte: Ich würde sagen, dass wir beispielsweise im Wirtshaus mehr Chancen haben. Im Bachmeier oder in der Brezn. Nachts dann schon so was wie die 089-Bar. Judith: Also, das ist nicht so unseres. Wir haben uns eine Wahlkampfidee ausgedacht, die sehr gut funktioniert. Und zwar ziehen wir uns Eisbärenkostüme an und wollen so auf den Klimawandel und die Erderwärmung hinweisen. Das läuft super. Das machen wir seit dem letzten Landtagswahlkampf und laufen dann beispielsweise in diesen Kostümen abends durchs Glockenbachviertel. Das ist in jedem Fall immer ein Hingucker. Wir wurden auch schon mal zu einer privaten Gesellschaft hereingerufen und haben dann dort rumgetanzt. Das ist dann eher der spaßige Teil des Wahlkampfes. Zum Abschluss noch eine ernste Frage: Judith, du kandidierst im Wahlkreis München-Nord, dem einzigen, in dem bei der letzten Wahl kein CSU-Kandidat gewonnen hat. Vermutlich wirst du diesen Wahlkreis nicht gewinnen. Es gibt Leute, die sagen: Wer dich wählt, verschenkt seine Stimme. Judith: Ich habe da ja einen besonders schweren Wahlkreis mit Johannes Singhammer von der CSU und dem SPDler Axel Berg. Ich kann gut damit leben, wenn man die Erststimme Axel Berg gibt und mir die Zweitstimme gibt. Ich habe eigentlich Verständnis dafür, wenn jemand sagt: „Ja, die hat eh keine Chance“. Malte: Ein bisschen mehr Optimismus? Judith: Aber man muss da schon einigermaßen realistisch bleiben. Es hilft nichts zu sagen, dass man das Direktmandat schafft, nach Berlin geht und dann ausgesorgt hat für den Rest seines Lebens. Ich hoffe und kämpfe darum, dass wir ein richtig gutes Zweitstimmenergebnis haben werden. Aber wenn ich dann doch die Direktwahl schaffe, nehme ich das natürlich gerne an.

Text: christian-helten - und Dirk von Gehlen

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