„Berge und Flughafen. München ist der beste Kompromiss!“

Sven Kueenle ist 23 Jahre alt und selten um eine lustige Geschichte verlegen. Redet er aber über seinen Sport, wirkt er erfahren wie der Meister einer alten Kampfkunst: Er erzählt, wie es „früher“ war und von Unterschieden zu „den Jungen“ – er hat die rasante Entwicklung des Boomsports Freeskiing von Anfang an erlebt und geprägt, sei es in der Halfpipe oder im freien Gelände. Dort fährt er waghalsige Linien und springt über Klippen, deren bloßer Anblick bei den meisten Schwindelgefühle hervorruft. Seit kurzem ist München seine neue Heimat. Christian Helten hat mit ihm gesprochen.
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jetzt.muenchen: Wo hast du gewohnt, bevor du nach München gezogen bist? Sven: Nirgends. Ich hatte das ganze letzte Jahr keine eigene Wohnung, bin nur gereist, um an verschiedensten Orten Ski zu fahren, sei es für Filmprojekte oder für Contests. Ich war nirgendwo länger als eine Woche und habe in Hotels oder bei Freunden geschlafen. All meine Sachen hatte ich ständig im Auto. Deswegen weiß ich es momentan sehr zu schätzen, ein eigenes Heim zu haben. Auch wenn ich immer noch viel unterwegs bin, zum Beispiel in Kanada, wo ich die letzten Jahre vermehrt fahren war.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Da hast du auch mal gewohnt, oder? Sven: Ja. Am Tag nach dem Abi saß ich im Flugzeug nach Kanada. Das war super, weil ich mit viel erfahreneren Leuten unterwegs war und man dort als Freeskier ganz andere Möglichkeiten hat. Ich war so gut wie nie im Skigebiet fahren, immer nur abseits im Gelände. Ich hatte ein Snowmobil und einen Truck, um es zu transportieren und konnte überall hinfahren, wohin ich wollte. jetzt.muenchen: Was hat dich dazu bewogen, zurück zu kommen? Sven: In den USA hat man es als Europäer schwerer, sich durchzusetzen. Und ich habe hier meine Sponsoren, mit denen ich jetzt wieder leichter Kontakt halten kann, die natürlich auch erwarten, dass ich hier präsent bin, in den Ski-Magazinen und so weiter. jetzt.muenchen: Warum fiel die Wahl auf München? Sven: Ein Bergdorf mit Skigebiet nebenan wäre natürlich auch super, aber da ich immer in verschiedene Gebiete zu Events, Foto- und Filmshootings muss, würde das auch nicht allzu viel bringen. München ist mit seinem Flughafen und seiner Nähe zu den Bergen einfach der beste Kompromiss. jetzt.muenchen: Eigentlich bist du aber kein Stadtmensch? Sven: Nein, überhaupt nicht. Am Marienplatz gerate ich regelmäßig in Stresssituationen, wenn so viele Leute um mich herum sind und Hektik verbreiten (lacht). Es ist für mich das erste Mal, dass ich in einer Stadt wohne, deswegen war es mir wichtig, dass die Gegend ein bisschen ruhig und gemütlich ist. Ich wohne jetzt im Westend und finde es angenehm, dass es zwar zentral ist, ich aber nicht ständig Angst haben muss, überfahren zu werden. Meine Wohnung ist mein Lieblingsplatz in der Stadt. Ich genieße es jeden Tag aufs Neue, nach dem Training meine Sachen auspacken und waschen zu können und mir was zu kochen. jetzt.muenchen: Wie trainierst du denn eigentlich? Sven: Ich mache viel Kraft- und Koordinationstraining. Ich habe einen Trainingsplan, den eine Ärztin eigens für mich erstellt. Anhand verschiedener Untersuchungen weiß sie zum Beispiel, wie meine Knie auf bestimmte Belastungen reagieren oder wie sich meine Wirbelsäule bei bestimmten Bewegungen verdreht. Das sieht auf den Bildern übrigens echt komisch aus.

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Illustration: Julia Schubert


jetzt.muenchen: Und das Training hat positive Auswirkungen auf dein Fahren? Sven: Ja, seit ich das mache, habe ich große Fortschritte gemacht. Ich konnte mich früher beim Springen viel einfacher nach links drehen als nach rechts. Das lag daran, dass die Muskulatur auf beiden Körperseiten unterschiedlich ausgeprägt war. Das Training gleicht das aus, weswegen mir jetzt Rechtsdrehungen viel leichter fallen. Und ich merke, dass mir der Rücken weniger weh tut. Heutzutage ist das Niveau im Freestyle-Skiing so hoch und die Belastungen extremer als das, wofür ein normaler Körper ausgelegt ist. Der ist nun mal nicht dafür geschaffen, 35 Meter weit durch die Luft zu fliegen und so einen Sprung zu landen. Das muss man eben durch Training kompensieren. jetzt.muenchen: Wo wir schon bei Belastungen sind. Begibst du dich manchmal – bei solchen Sprüngen zum Beispiel – in Situationen, die du dir lieber sparen würdest? Sven: Natürlich mache ich manche Dinge nur, weil sie zu meinem Beruf gehören, nicht weil sie Spaß machen. Vor allem bei Events werden einem gewisse Erwartungen entgegen gebracht. Manchmal ist die Sicht schlecht, oder die Landungen sind sehr eisig, was mit Verletzungsrisiko verbunden ist. Aber die Veranstalter haben eben nur ein bestimmtes Zeitfenster zur Verfügung, in dem sie ihren Event durchziehen müssen. Und dann wird von einem Profi erwartet, dass er da mitfährt. jetzt.muenchen: Fährst du denn trotzdem immer mit Begeisterung auf den Berg? Oder ist das Ganze ein Job wie jeder andere auch? Sven: Es gibt definitiv noch die Momente, an einem perfekten Neuschneetag im Hinterland von Kanada, an denen ich zu schätzen weiß, was ich mache und mir denke: „Fuck, is das geil!“Aber gerade zu Saisonbeginn, wenn noch nicht viel Schnee liegt und man nur auf Gletschern herumrutscht, begebe ich mich manchmal nur widerwillig auf den Berg. Und selbst an perfekten Tagen fahre ich ja nicht die ganze Zeit Powderturns. Es sind immer Filmer und Fotografen dabei, die ihre Einstellungen finden müssen und mit denen man ewig über Funk koordinieren muss, welche Linie man fährt. Oder man schaufelt stundenlang an einer Sprungschanze. Das ist auch das, worauf ich mich am meisten freue, wenn meine Profikarriere zu Ende ist: Fahren zu gehen, wenn ich Lust habe, ohne auf Fotografen und Filmer warten zu müssen, bis alles stimmt.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Wie bist du eigentlich zum Freeskiing gekommen? Sven: Skifahren war mir schon als Kind immer das Wichtigste. Der Freestyle-Einfluss kam eigentlich vom Snowboarden. Ich habe überlegt, ob ich auch damit anfangen soll, hatte aber keine Lust, mit dem Skifahren komplett aufzuhören. Also habe ich einfach auf Skiern das probiert, was meine Freunde auf ihren Snowboards gemacht haben: Sprünge wie Backflips und 360s. Nachdem sich in den späten 90ern aus der Buckelpisten – Disziplin so langsam das heutige Freeskiing entwickelt hat, zog die Skiindustrie nach und entwickelte die vorne und hinten aufgebogenen „Twin Tip“-Ski, von denen ich mir auch irgendwann mein erstes Paar kaufte. Seit es die gibt, boomt der Sport. Mittlerweile sieht man ja fast so viele Skifahrer in den Funparks wie Snowboarder. jetzt.muenchen: Das Nebeneinander von Snowboardern und Skifahrern hat ja immer schon Probleme mit sich gebracht. Wie ist das, seitdem die Freeskier in den Freestyle-Bereich vordringen, der lange fest in Snowboarderhand war? Sven: Das gibt manchmal Probleme, ja. Mittlerweile hat es sich schon relativiert, aber früher habe ich oft negative Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel, wenn ich in den Summer Camps der Snowboarder auch den Park und die Halfpipe fahren wollte. Da hieß es dann: „Nee, du bist Skifahrer, du kannst hier nicht fahren.“ Einmal musste ich mir quasi eine Sondergenehmigung von den Veranstaltern holen, damit ich die Kicker auch springen durfte. Ich habe das eigentlich nie verstanden und finde es total unangebracht. Letztendlich sind es die gleichen Menschen mit den gleichen Interessen. Ich tausche auch gerne mal mit meinen Kumpels und fahre eine Runde Snowboard. jetzt.muenchen: Ist es eigentlich von Vorteil, dass du noch auf die „herkömmliche“ Art Skifahren gelernt hast? Sven: Es ist schon sehr wichtig, dass man erst mal richtig fahren lernt. Im Sommer bin ich immer in Whistler in Kanada als Coach. Wir haben da pro Woche 60 Kids, die alle so Freestyle-fokussiert sind, dass sie gar nicht daran denken, erstmal richtig die Technik zu lernen, bevor sie herumspringen. An Schlechtwettertagen, an denen man im Park nicht fahren konnte, bin ich mit denen auf der Piste gefahren. Die Hälfte der Kids konnte keine drei Schwünge fahren, obwohl sie beim Springen schon erstaunlich gut waren. In meiner Generation hingegen ist eigentlich jeder früher auch mal Rennen gefahren, und daher grundsätzlich ein guter Skifahrer. Das hängt aber auch mit dem Ski zusammen. Wir sind früher noch auf diesen dünnen Holzlatten ohne Taillierung herum gerutscht. Heute kann man sich mit der schlechtesten Technik einfach irgendwie in die Kurve legen, und man fährt trotzdem einen Bogen. P.S.:Trotzdem bitte merken: Abseits der Piste fahren ist gefährlich !

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