Beste Schwestern

Illustratorin Amelie Persson hat aus typischen Schwestern-Momenten ein Buch gemacht. Jetzt erzählt sie, warum sie mit ihrer sogar wieder zusammen wohnt
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„Die sind genau so wie sie sein sollen!“ Entschlossen aßen meine kleine Schwester und ich die noch halbgefrorenen Fischstäbchen. Ich hatte sie uns zusammen mit Kartoffelpüree aufgetischt, während die vitale Dame im Großmutteralter, die auf uns aufpassen sollte, ihre wieder zurück in die Pfanne gab. Ich war damals empört, mit dreizehn Jahren noch einen Babysitter vor die Nase gesetzt zu bekommen. Ich wußte doch genauestens Bescheid, wann der Hund raus musste, wie die Haustür abzuschließen war und klar, ich konnte hervorragend kochen. Und meine kleine Schwester hielt garantiert immer zu mir und kaute tapfer das eiskalte Essen.

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Illustration: Julia Schubert



  Geschwisterbeziehungen beruhen auf unausgesprochenen Verantwortungen und Verpflichtungen, sagt der auf Geschwisterforschung spezialisierte Hartmut Kasten, Professor an der LMU München. Die Beziehung zu unseren Geschwistern ist die längste, die wir haben. Deshalb versteht man sich aber nicht zwangsläufig gut, denn wir können uns nicht aussuchen, in welcher Familie wir landen und ob wir ältere Schwester, jüngerer Bruder oder Sandwichkind in der Mitte werden. Die Erstgeborene startet als Einzelkind in ihr Leben. Die Nachricht von Familienzuwachs ist anfangs ein kleiner Schock. Ab jetzt ist teilen angesagt und zwar alles: Die Liebe der Eltern, die Aufmerksamkeit, den Platz auf der Rückbank im Auto und im Familienalbum.
  Pünktlich zur Geburt meiner kleinen Schwester malte ich mit schwarzem Edding ein Bild auf das rotsamtene Biedermeiersofa meiner Eltern. Nicht, dass ich in Vergessenheit gerate, wenn das neue Baby da ist! Das Baby erwies sich mit zunehmenden Alter als kleiner Rowdy, der in meiner Abwesenheit zwar mein Zimmer auf den Kopf stellte, aber auch schon früh ein perfekter „partner in crime“ wurde. Wir waren bald Verbündete gegen die Erwachsenen und jeden, der uns nicht passte. 

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Illustration: Julia Schubert



  Im Gegensatz zu Partnern, mit denen man Schluss machen kann, oder Freundschaften, von denen viele mit den Jahren im Sande verlaufen, bleiben Geschwister in guten und in schlechten Zeiten. Sie kennen alle deine Geheimnisse (nicht zuletzt, weil sie heimlich dein Tagebuch gelesen haben), liefern Alibis für die ersten heimlich gerauchten Zigaretten, deren Stummel die Eltern im Garten fanden, sie wissen wie du nackt/pickelig/verschlafen aussiehst und erkennen an deinem Gesichtsausdruck sofort, in welcher geistigen Verfassung du bist. Schwestern können vorausahnen, ob du in wenigen Sekunden in Tränen ausbrechen wirst. Im Gegensatz zu deinen Freunden musst du vor deinen Geschwistern nie ein Blatt vor den Mund nehmen, denn über peinliche Sachen habt ihr schon immer geredet und einen Ruf gibt es nicht mehr zu verlieren. Du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du deine Geschwister um Rat fragst – wenige Menschen werden dir je so schonungsloses Feedback geben. Klar, dass derjenige ordentlich verdroschen wird, der gemein zu dir ist, aber erwarte von deinen Geschwistern keine Höflichkeit. Dass die Grenzen niedriger sind, zeigt sich auch beim Streiten. Was in frühen Jahren im geschwisterlichen Nahkampf ausgefochten wurde, erledigt sich später verbal. Die Versöhnung aber folgt sicher irgendwann – zumindest in den meisten Fällen – denn spätestens an Weihnachten sieht man sich ja doch wieder bei den Eltern.

Der vertraute Umgang miteinander ist das Ergebnis jahrelangen Lebens in der Wohngemeinschaft namens Familie. Das gemeinsame Aufwachsen führt Geschwisterforscher Kasten als wichtigste Basis für die Nähe unter Geschwistern an. Doch um endlich seinen Kram in Ruhe machen zu können, muss man das Weite suchen und das Nest verlassen. Um endlich mal mit Menschen zu leben, die die Badezimmertür hinter sich zumachen und von denen man noch nicht die ganze Lebensgeschichte mit allen Details kennt. Und die einen ebenso neu kennenlernen und einen nicht in typische Rollenmuster zurückfallen lassen.

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Illustration: Julia Schubert



  Dass ich seit drei Jahren wieder mit meiner Schwester zusammenwohne löst bei einem Teil der Menschen denen ich davon erzähle Begeisterung aus, beim anderen Teil Unverständnis. Sie war in Wohnungsnot und als große Schwester half ich ihr, eine Wohnung zu finden. Dass die ausgerechnet im selben Haus war, fanden wir vortrefflich. Nach fast zehn Jahren befand sich ihr kleines Reich – fast so wie früher – direkt neben meinem. Beziehungsweise eine Etage darunter, denn etwas Abstand muss schon sein. Ich hörte sie neue Songs üben, ihr entging kein nächtlicher Herrenbesuch bei mir. Was hätte es gebracht, das vor ihr zu verheimlichen, als beste Schwester kann sie mir so etwas ohnehin an der Nasenspitze ablesen. Seit wir zusammenwohnen sind wir uns eben wieder ein Stück Familie, machen Spaziergänge, gehen zusammen ins Yoga und tappen Tabletts tragend, beladen mit Essen, Espressokännchen und Weinflaschen das Treppenhaus rauf und runter, um uns zu besuchen, wenn es nötig ist auch mal nur in Strumpfhosen. Auf ihrer Sperrmüll-Couch, die geformt ist wie ein Batterienaufladegerät, kann ich mich aufladen, verköstigen und kostenlos therapieren lassen (denn das macht sie auch beruflich). Sind dabei Dritte anwesend, kann das für die manchmal ganz schön anstrengend werden. Denn wenn Geschwister anfangen miteinander herumzualbern, können sie auf ein Insider-Running-Gag Archiv zurückgreifen, das jahrzehntelang gewachsen ist. Es genügen manchmal nur Silben, um den anderen in Lachanfälle zu stürzen, die jeden anderen völlig ungerührt lassen.

Früher haben wir uns geschworen, dass wir nie aufhören würden zusammen mit Barbies zu spielen, haben Sitzblockaden vor dem ausgeschalteten Fernseher abgehalten, sind mit unserem echten Hund (wir hätten lieber den batteriebetriebenen Gogo aus der Werbung gehabt) statt um den Block zu gehen eine Viertelstunde unterm Kirschbaum gestanden und haben uns dort wichtig getan und natürlich haben wir unseren Verliebten Decknamen wie „Weihnachten“ und „Mathematik“ gegeben. Niemand außer uns wusste, was dahinter steckte, wenn Anfang Januar der Satz fiel: „Ich freu mich schon auf Weihnachten!“
  Soll der Postbote doch unsere Briefkästen weiterhin verwechseln, dafür kann ich meine kleine Schwester besuchen, wann immer ich will. Und wenn ich es eilig habe und schnell genug bin, muss ich mir noch nicht einmal Schuhe oder eine Hose anziehen. Das wird nicht für immer so sein, doch so lange es noch so ist, ist es für uns ein Fest.


Das Buch „Schwestern“ aus dem die Zeichnungen stammen, kann man auf ameliepersson.com kaufen.

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