Bier tragen, wo andere Bier trinken

Unser Autor Moritz Baumstieger testet Münchens typischste Nebenjobs. Zum Auftakt der neuen jetzt.de-Kolumne schreibt er über das Kellnersein auf der Wiesn
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Unterwegs ist man Botschafter seiner Heimat. Nun ist der Begriff „Heimat“ etwas schwierig zu definieren, will man nicht in volkstümelnde Milieus abgleiten. Irgendwie bin ich sicher Deutscher, aber genau so gut Europäer, Kind der Turnschuh-Generation und Fan von Linsensuppe. Sehr viel ist Heimat. Machen wir es einfach: Ich komme aus München, diese Botschafterrolle nehme ich gerne an. Immer, wenn ich unterwegs mit jemandem über die Stadt gesprochen habe, kam mein Gegenüber schnell zu dem einen Thema: Dem Oktoberfest. Der Wiesn. The Beer-Festival. Das lag nicht an mir, es war eine einfache Deduktion, die da in den Köpfen ablief: Deutschland = Disneycastle = Lederhosen = Bavaria = Beer = Beer Festival. Nun bin ich auf dem Gebiet zufällig Experte. Ich habe als Kellner auf der Wiesn zwei Jahre lang Bier und Hendl, Schweinswürstel und mich selbst an die Biertische geschleppt. Zugegeben: Ich erzähle gerne davon. Weil nächste einfache Deduktion: Wiesnkellner = Held, und Held ist man gern. In meinem Fall: Retter der Durstigen, Pförtner zur Welt des Rausches. Und ein Hund ist man auch, was toll ist: So bezeichnet der Münchner einen doch irgendwie sympathischen Menschen, der zu viel abkassiert. Das stimmt schon, als Pförtner zum Rausch nimmt man ordentlichen Eintritt. Aber lieber Hund als armer Hund.

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Illustration: Julia Schubert

Türsteher am P1, Bierbrauer, Gemüseverkäufer am Viktualienmarkt: In den kommenden Wochen wird Moritz Münchens typischste Jobs testen. Die Frage nach dem sagenhaften Schatz, den man auf der Wiesn heben kann, interessierte jeden. Egal, ob Kölner, Kairoer oder Kanadier. Und interessiert natürlich auch jeden Münchner. Ich habe auch davon gerne erzählt. Weil noch dickerer Held und noch größerer Hund. Aber ich habe auf dem Oktoberfest mehr mitgenommen, als nur Geld. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass man alles lernen kann. Wenn es sein muss, sehr schnell sogar. Das Dumme am Wiesnkellnern: Man kann es vorher nicht üben, da geht es einem wie dem Obama. Man hat es geschafft, den Job zu kriegen und soll es plötzlich können. Obama wird vereidigt, und dann: „So, jetzt sei mal Präsident, aber ja nicht den falschen Knopf am Schreibtisch drücken, weil dann nix Sekretärin, sondern Atomkrieg.“ Und ich stehe in meiner Kellneruniform (Lederhosen, Hemd, Geldbeutel) im Zelt und warte, dass der Ude mit zweieinhalb Schlägen das neue Wiesnbier vereidigt. Und dann: „So, jetzt nimm das Bier, aber lass es ja nicht fallen. Weil dann nix mit Geld, sondern 10 Maß am Boden.“ Aber man muss es packen, weil sonst Wähler oder Gäste sauer sind und man selber kein Held mehr ist. Also schnell gemerkt: Hendl auf der rechten Seite in der Mitte, beim Bierholen die Marken immer schon vorher abzählen, weil sonst Schankkellner und Kollegen bald ziemlich genervt sind. Außerdem: In der Kurve aus der Schänke heraus immer sachte beschleunigen, weil Holzplanken plus tropfender Bierschaum plus Holzspäne zusammen: ganz schön rutschig. Und der Wirt ist auch nicht dumm. Zahlt keinen Stundenlohn, sondern lässt einen das Bier bei ihm billiger einkaufen und beteiligt einen so am Umsatz. Und wenn zehn Maß am Boden liegen heißt das: 70 Euro weg. Da lernt man schnell. Und das, obwohl die körperliche Wiesn-Arbeit müde macht. Ziemlich sogar. Kellnern ist eine Mischung aus Bundesjugendspielen und Rechenolympiade. Erst schleppen (zehn leere Maßkrüge: 13 Kilo, plus zehn Liter Bier drin: nochmal fast zehn Kilo), rennen und rempeln, dann kassieren, obwohl gar kein Blut mehr im Kopf ist. Das bräuchte man aber zum schnellen und genauen Kopfrechnen, weil sonst zuviel Zeit verplempert oder zuwenig Geld im Beutel. Abends nach elf dann: Tische putzen und aufräumen. Und selber mal ein Bier trinken, weil während der Arbeit streng verboten. Später will der Bundesjugendspiele-Körper schlafen, der Rechenolympiaden-Kopf aber lässt ihn nicht. Der geht nochmal Bestellung für Bestellung durch. Abschalten lässt er sich nicht, weil den ganzen Tag zu viele Sinneseindrücke und zu wenig Zeit, das zu verarbeiten. Vielleicht sollte man besser den Job vom Brezndoktor machen: Der lebt 50 Wochen im Jahr mit Invalidenrente in Thailand und verkauft zwei Wochen Brezn auf der Wiesn. Und wenn es ihm zu anstrengend wird, setzt er sich hin und horcht ein Madel mit dem Stethoskop ab. Ganz unverbindlich. Am meisten habe ich aber über München gelernt. Zum Beispiel weiß ich nun, dass Schankkellner eigentlich erschreckend genau einschenken, dem jährlichen Aufreger und dem „Verein gegen betrügerisches Einschenken“ zum Trotz. Ich habe gelernt, dass die meisten Menschen in dieser Stadt viel münchnerischer sind als wir es uns im Glockenbachviertel und in Haidhausen überhaupt vorstellen können. Und ich habe gelernt, dass der Satz aus der Serie Kir Royal nicht nur für die Schicki-Clubs dieser Stadt gilt: „Wer reinkommt, ist drin“. Wenn es sich bemüht, kann sogar ein Kind von „Zuagroasten“ wie ich Münchner werden – der Ünal aus Moosach, der immer mit dem Brezndoktor und dem Schankkellner Karten spielt, hat es schließlich auch geschafft. Und das will ich nach längerer Zeit woanders wieder probieren: Reinkommen, München wieder kennenlernen. Weil es ist ja oft so, wenn man meint, alles über jemanden zu wissen: Während man seine Weisheiten in die Welt posaunt, ist man sich plötzlich gar nicht mehr so sicher. Also will ich nun die alte Oktoberfest-Taktik anwenden: München durch die Jobs kennenlernen, die einzigartig in der Stadt sind. Ich werde hier Bier brauen und Brezn backen, teures Gemüse auf dem Viktualienmarkt verkaufen, die Tür des P1 bewachen und Touristen durch die Stadt führen. Auch, wenn immer noch Wiesn-Erkenntnis Nummer 2 gilt: Körperliche Arbeit macht müde. Ziemlich sogar. Korrekte Job-Bezeichnung: Kellner auf dem Oktoberfest Verdienst: Zirka 4000 Euro plus ein großes X Arbeitszeiten: Von Mitte September bis Anfang Oktober, meist von 9 bis 24 Uhr. Wie bewirbt man sich? Gar nicht. Diesen Job muss man von jemand erben, der aufhört. München-Faktor: 100 Prozent

Text: moritz-baumstieger - Illustration: Katharina Bitzl

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