Den Rohrstock kann Sui vergessen. Schlagen wird sie damit keinen mehr. Vor ein paar Wochen hat ihre Mutter den Stock entdeckt und gefragt, ob Sui ihn für die Orchideen gekauft habe. Ihr fiel keine Ausrede ein, und so blieb ihr nichts anderes übrig als zuzusehen, wie ihre Mutter das Spielzeug kürzte, in die Erde steckte und die Pflanzen daran festklemmte. Jetzt muss sie allein beim Anblick des Blumentopfes lächeln. Wenn ihre Mutter nur wüsste. Sui* ist 19 und steht auf Sadomaso.

SM ist eine Facette von BDSM: eine ausgefallene Form der Sexualität, hinter der sich zahlreiche Spielarten verbergen. An sich sind sie kaum noch ein Tabu, aber die Vorurteile kleben an ihnen wie Latex auf nackter Haut. Junge BDSMler haben es leichter als die Generation ihrer Eltern, aber nicht unbedingt einfach.

Sui geht regelmäßig zum Jugendstammtisch der Münchner Szene in der Nähe des Isartors. Monatlich treffen sich dort junge BDSMler wie Daniel und Melli, mit denen Sui sich angefreundet hat. Sie kommen in Jeans und Pulli. Einige tragen das Erkennungszeichen, den "Ring der O.", der aussieht wie ein kleines Halsband für den Finger. Doms, die Bestimmer, tragen ihn links, Subs, die Unterwürfigen, rechts. Switcher wechseln die Hand, je nachdem, ob sie gerade dominant oder devot drauf sind.

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Sui switcht. Sie trägt den Ring an einer Kette, versteckt hinter einem schwarzen Katzenanhänger. Am Tisch diskutiert sie über ihr VWL-Studium und darüber, ob Piercings in der Sauna heiß werden. Neben ihr fällt der Satz, dass der Baumarkt besser sei als jeder Sexshop. "Boah, aber letztens hat der Flo sich da ’ne Stachelwalze gekauft." Eine Rolle mit Nägeln zum Ablösen von Tapeten. Das ist dann doch zu krass, alle verziehen die Gesichter. Nur ein Dom nicht. Der grinst.

Sui hat kurz vor dem Stammtisch noch mit der Peitsche geübt, an einem Kissen: Stelle anfixieren und genau hinschlagen. Sonst übt Sui Harfe, am liebsten Händel oder Telemann. Ihre Eltern legen großen Wert auf Bildung und Anstand. Sie wohnt noch zu Hause. Deshalb kann sie bei den Sessions nicht so laut sein. Ihre Spielzeuge versteckt sie zusammen mit den Lack- und Lederkostümen hinten im Schrank. Vor Kurzem ist ihr elfjähriger Bruder auf die Klamotten gestoßen. "Bist du Catwoman?", fragte er. Sie lässt ihn noch ein wenig in dem Glauben.

Schmerz ist für Sui eine Form von Zärtlichkeit, aber nur beim Sex. "Beim Zahnarzt denke ich natürlich nicht: ,Yay, er holt den Bohrer.’" Seit zwei Jahren lebt sie auch ihre sadistische Seite aus. "Es ist so toll, Leute zu schlagen", sagt Sui. "Aber da habe ich anfangs schon heftig gezweifelt. Wieso will ich das? Darf ich das?"

Der Wirt serviert Schnitzel und Pommes, alle trinken Apfelschorle oder Wasser. BDSMler konsumieren kaum Alkohol. Wer spielen will, muss klar im Kopf sein. Das gilt auch an einem Samstagabend wie diesem, an dem die Leute im Anschluss gern noch ins Kinky gehen, einen "Burlesque & Fetisch Lifestyle Club" in München-Giesing.

Jugendstillaternen beleuchten den Weg zum Kinky. Der Eingang des Clubs liegt in einem Hinterhof. Von der benachbarten Rösterei Dallmayr weht Kaffeegeruch herüber. Heute lautet das Motto "Slipless Commando", unten ohne. Die Gäste zahlen 20 Euro Eintritt und verschwinden in den Umkleiden. Ketten rasseln, Reißverschlüsse ratschen. Im Innern fällt gedämpftes Rotlicht auf einen Käfig, eine Pole-Dance-Stange und ein weißes Klavier. Der DJ spielt Lady Gaga. Auf der Tanzfläche knien zwei Frauen. Ihre Hände liegen auf den Oberschenkeln, die Rücken sind durchgestreckt, die Köpfe erhoben. Sie beißen auf Rohrstöcke. Die eine trägt ein bis zum Bauchnabel geschlitztes, mottokonformes Kleid, die andere hat ihre nackten Brüste in Leder gerahmt. Eine Etage darüber thronen ihre Herren auf Sofas. Hin und wieder zischt eine Peitsche.

Samantha ist ein Mann Anfang 50. Heute Abend ist er eine sie. Sie riecht nach Meer und Minze. Auf ihrem Gesicht lagern mehrere Schichten Make-up, ihren Kopf ziert eine blonde Perücke. Sie steht neben einem Barhocker und bestellt einen Almdudler. Redet sie über Leute wie Sui, Daniel oder Melli, spricht sie von "den Kleinen". Sie findet, dass "die Kleinen" sich vom SM-Trend mitreißen lassen, bevor sie ihre Sexualität überhaupt richtig entdeckt haben. Sie hält das für "äußerst gefährlich". Samantha öffnet ihr kleines Metallköfferchen, nimmt eine Zigarette heraus, zündet sie an und bläst den Rauch als dünnen Streifen in die Luft. Aus den Boxen schmettert jetzt Rammstein.

Die Vorurteile nerven sie: Das mache keine Frau freiwillig, es verschleiere häusliche Gewalt  

Mit acht spielte Melli, Suis Freundin am Stammtisch, am liebsten Sklave und König. Mit 15 hörte sie zum ersten Mal von BDSM. Seitdem hat ihre Vorliebe einen Namen. Heute ist Melli 22. "Mir geht’s vor allem um das Machtgefälle. Schmerz kommt eher mit rein, um die Hierarchie zu verstärken." Bei ihren ersten Erfahrungen war sie noch verlegen. "Wenn ich dann mit Nippelklemmen über den Boden gekrochen bin und kichern musste, meinte mein Freund nur: ,Hallo, ich demütige dich gerade!’" Sie war auch mal mit einem "Vanilla" zusammen – so nennen sie in der Szene Menschen, die nicht auf BDSM stehen. Anfangs hat er sie noch ein bisschen gehauen und gefesselt, aber es gefiel ihm nicht. Mit ihr darüber geredet hat er kaum. "Das ist frustrierend. Heute könnte ich das nicht mehr."

Kommunikation ist ein elementarer Teil von BDSM. Vor der Session wird geklärt, was tabu ist, was gefällt und wie das "Safeword" lauten soll, das die Session augenblicklich abbricht. Danach gibt es Manöverkritik. Die Beteiligten müssen ihre Bedürfnisse in Worte fassen. Was vielen Menschen erst spät und manchen nie gelingt, ist für BDSMler Voraussetzung, um ihre Sexualität ausleben zu können. Das Spiel mit den Grenzen verlangt absolutes Vertrauen.

 Melli bestellt sich einen Vanille-Milchshake und beschreibt wie es war, als sie ihrer Mutter mit 16 von ihrer Vorliebe erzählte: "Ich war fast ein bisschen enttäuscht. Die meinte nur so ,ok’." Heute neckt ihre Mutter sie. "Letztens lag bei uns so ein Werbekatalog von Oreon, dem Sexshop. Sie meinte: ,Schatz, der kann weg, oder? Da sind nur Plüschhandschellen drin, die brauchst du ja nicht.’"

Melli ist devot. Sie mag Rohrstöcke, weil die einen spitzen, stechenden Schmerz verursachen. Einmal war sie mit einem befreundeten Vanilla-Pärchen im Zirkus, kurz nach einer Session, bei der sie vor Schmerz weinen musste. Ihr Hintern war voller Striemen. "Die Zirkusbänke waren so hart, dass ich mir meinen Schal drunterlegen musste." Ihre Vanilla-Freunde nennen sie seitdem "Pavianarsch".

Nicht alle reagieren so locker. Eine Freundin will nichts mehr mit ihr zu tun haben, weil sie BDSM für abartig hält. Anderen ist Mellis Vorliebe im ersten Moment unheimlich. "Mich nervt aber vor allem der Satz: ,So siehst du gar nicht aus.’ Ich frage dann immer: ,Wie sieht man denn aus?’" Beantworten konnte ihr das noch keiner.

Die gängigen Vorurteile hat jede submissive Frau schon gehört: Die sind alle krank, keine Frau macht so was freiwillig, da wird nur häusliche Gewalt verschleiert. Melli schüttelt den Kopf: "Für mich ist es Ausdruck von Selbstbewusstsein. Hab’ erst mal den Mut, die Kontrolle über dich abzugeben. Das ist gar nicht so einfach." Daniel nickt und schiebt sich ein Stück Schnitzel in den Mund. Er ist 24 und studiert Sport, ein Hippie-Typ mit sanfter Stimme. Als er in die Pubertät kam, hatte er immer wieder dieselbe Fantasie: Er verhörte Menschen und folterte sie, bis sie gestanden. "Ich dachte erst, ich sei krank. Dann bin ich auf den Stammtisch gestoßen."

Daniels Freundin will, dass er sie fester schlägt. Aber sie ist noch nicht volljährig, deshalb darf sie nicht in Körperverletzung einwilligen. Ihre Eltern könnten es ihr genehmigen, sagt Daniel, aber sie seien sehr konservativ.

Einer der Stammtischorganisatoren hört zu und berichtet von einem 16-jährigen Mädchen, das nächstes Mal vorbeikommen möchte. Daniel wird kurz zu Mr. Burns von den "Simpsons". Er streckt den Kopf nach vorn, setzt ein teuflisches Grinsen auf, tippt seine Fingerkuppen nacheinander aneinander und sagt: "Wieder jemand, der seine Seele an uns verkaufen möchte." Am Tisch bricht kurz Gelächter aus. "Wir Perversen sind eigentlich total normal", sagt Daniel dann, jetzt wieder ernst. "Uns geht es auch um Zuneigung, wir leben sie nur anders." Und nach einer Session, da sind sich alle einig, ist eines unglaublich wichtig: Kuscheln.

*Alle Namen von der Redaktion geändert


Text: nathalie-stueben - Foto: Stüben