Brettern, das die Welt bedeutet

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Die Halle habe „etwas Cooles und Authentisches“, hat Robinson Kuhlmann vorher geschwärmt. Die Kultfabrik ist an diesem frühen Abend allerdings wie tot. Ein paar Arbeiter verladen Kisten, eine Bulldogge läuft durch eine schmutzige Pfütze. Die blassen Leuchtbuchstaben an den Clubräumen wirken wie Überreste aus einer vergangenen Zeit. Hinter dem Eingang, der früher dem alten Babylon galt, steht eine Tür zum kleineren Anbau leicht offen. Der scheppernde Klang von Holz, das immer wieder auf den Betonboden kracht, klingt nach draußen. Einzelne Mitglieder des Skateboardvereins „Skateboarding München e.V.“ fahren hier bereits. Und während man den selbstgemachten Skatepark betritt, spürt man gleich, was Robinson meint: deftiger Lagerhaus-Charme strömt einem entgegen. An der Wand: eine grelle Flower-Power-Zeichnung. In der Raummitte: ein erhöhtes Gebilde aus Holz, das wie ein Hausdach aussieht.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Man sieht den glatten Belag, eine alte, einsame Theke, und eine rostige Treppe, die nach auf eine Galerie nach oben führt, von der aus man den Fahrern beim Skaten zusehen kann. Der Mietvertrag läuft zwar nur bis Ende April, am wichtigsten aber war „Skateboarding München“, dass „die Halle“ – wie sie alle Mitglieder im Forum auf der Internetseite nur ehrfürchtig nennen – zum Vertragsende nicht mehr renoviert werden muss. Das Mobiliar wurde also weitgehend zerlegt. Die Rampen stammen aus Teilen der Theke, und von der Sitzbank, die früher einmal rundum ging, ist nur ein kleiner Rest geblieben. „Wir haben so ziemlich alles bis auf das hier verwendet“, sagt Kristijan Mirkovic, 26, der die Halle organisiert hat, und deutet auf einen Stapel Holzlatten und Gerümpel im Eck. „Im Moment geht es einfach darum, die Kosten unten zu halten.“ Die Halle ist privat gemietet, es wird kein Eintritt verlangt. Verein der Kapuzenpullis Der Gründung von „Skateboarding München“ ging eine lange Geschichte des Streits zwischen Skatern und Stadt voraus. Beide Parteien hatten sich ständig gegenseitig Vorwürfe gemacht, in denen es um Sparmaßnahmen, Jugendkultur und das große Ganze ging. Bis Anfang Januar 26 Münchner Skateboarder einen Verein gründeten. Robinson Kuhlmann, 28, mit Wollmütze, Kapuzenpulli und tiefsitzender Jeans, erzählt das ganz unaufgeregt in einem Café. Dabei ist schon etwas Bemerkenswertes daran: Es wirkt, als wollten sie die Stadt letztendlich mit ihren eigenen Mitteln herausfordern – mit den Mitteln der Bürokratie. „Zur Vereinsgründung waren zwei Treffen in zehn Tagen angesetzt“, erinnert sich Robinson und zieht kurz am Strohhalm seiner Bluna-Limonade. „Und alle waren da. Das ist heute, bei dem ganzen Terminstress und dieser Größenordnung an Leuten, ein Wunder. Da merkt man, dass es allen wichtig ist und man als geschlossene Interessengruppe auftreten kann.“ Auf der Homepage von Skateboarding München e. V. haben sich laut Robinson etwa 400 potenzielle Mitglieder registriert, selbst Jugendliche aus Ebersberg sind dabei. Wenn die Vereinsgründung endgültig offiziell ist – in diesen Tagen prüft das Finanzamt den Antrag auf seine Gemeinnützigkeit –, können die Skater womöglich sogar dem Bayerischen Landessportverband beitreten. Und wenigstens bis Ende April die Halle öffentlich zugänglich machen. Viele der 26 Mitglieder, sagt Robinson, seien wie er über das Skateboard zu einer Arbeit gekommen, in Skate-Läden oder Modegeschäften. Nun wollten sie dem Sport etwas zurückgeben. Robinson nennt das kraftvoll eine „Mischung aus Hobby, Leidenschaft und Lifestyle“.


Es gab in München schon einmal ein erfolgreiches Beispiel dafür: Bis Ende März 2006 konnten interessierte Jugendliche in der Euro-Skate-Halle ihre Haltung auf dem Skateboard verfeinern, jede Menge Rails und Rampen standen bereit, Sozialpädagogen veranstalteten regelmäßig Workshops vor Ort - der Brettsport und die Jugendarbeit hatten sich sinnvoll ergänzt. Letztlich fiel die Halle aber städtischen Sparzwängen zum Opfer. Die Skater scheiterten anschließend beim Referat für Arbeit und Wirtschaft mit der Idee, über Werbung auf Litfaßsäulen nach Sponsoren zu suchen „Die Euro-Skate-Halle war schon cool“, sagt Robinson wehmütig. Diese Halle ist nicht mehr da – das leidige Sponsoren-Problem ist geblieben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Mittlerweile sind acht Skater im ehemaligen Babylon versammelt. Jeder Besucher scheint dem gleichen Muster zu folgen: bloß keine Zeit verlieren. Reinkommen, kurzes Umschauen, kurze Begrüßung. Bequeme Schuhe anziehen, und schon surren die Rollen über den nackten Beton. Es hat fast etwas Verbissenes, wie sich die Skater immer wieder an der gleichen Stelle auf der Rampe versuchen, anfahren, abspringen und ruppig landen – oft ohne Board. Das muss mental ziemlich ermüdend sein, sie sehen trotzdem entspannt aus. Keine Flüche, wenn etwas nicht klappt. Leise klingt Hiphop aus Lautsprecher-Boxen, sonst hört man nichts bis auf die Fahrgeräusche der Skater. Mainstream auf dem Brett Kristijan Mirkovic erzählt, wie er versucht hat, Sponsoren für die Halle zu finden. Unzählige Firmen, die vom Skateboardsport profitieren, habe er angeschrieben, etliche Versand- und Vertriebsunternehmen gefragt: Am Ende stellte einzig der Skateboard-Ausrüster „Vans“ eine Minirampe und 800 Euro zur Verfügung, mit einigen tausend Euro stammt der Löwenanteil an Zuschüssen vom Münchner Skateboard-Shop GoodStuff. Vom Großteil aber bekam Kristijan zu hören, eine Investition in diese Halle lohne sich nicht. „So“, ärgert er sich, „ist es fast unmöglich, was auf die Beine zu stellen.“ Die 26 Vereinsmitglieder, der „harte Kern“, von dem Robinson Kuhlmann oft spricht, beteiligen sich solidarisch an der Miete. Die Hauptlast trägt Kristijan mit seiner Firma unitedskateboardartists, die Skaterkleidung vertreibt. Er freut sich aufrichtig, „dass da etwas wächst“. Er denkt an die nähere Zukunft, an den November, den Anfang der nächsten Wintersaison. Wenn auf den Straßen wieder gestreut wird und die Skater deswegen nicht fahren können. Bis dahin wollen die Skater gemeinsam mit der Stadt München eine neue und größere Halle finden. Dann könnten junge Künstler, sagt Kristijan, ihre Bilder ausstellen, DJs Musik zum Fahren auflegen, Sport und Kultur sich auf diese Weise verbinden. „Skaten“, schwärmt er und beugt sich nach vorne: „Skaten ist über die Kleidung und die Lebenshaltung doch schon längst im Alltag der Mainstream-Jugendkultur verwurzelt. Warum das nicht noch deutlicher machen?“ Dann verabschiedet er sich. Ein paar Minuten später kurvt er selbst durch die Halle. Draußen ist es dunkler geworden. Die Kultfabrik ist fast noch verlassener als zwei Stunden zuvor. Kein Mensch oder Hund weit und breit. Mit einer Ausnahme: Auf dem Weg zum Ausgang kommt einem ein Junge mit Baseballcap, Rucksack, und: einem Skateboard entgegen. Fotos: David Freudenthal Mehr unter skateboarding-muenchen.de

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