„Chancengleichheit gibt es nicht"

Ömer Kharlem, 26, ist in Neuperlach aufgewachsen und schreibt gerade an seiner Diplomarbeit im Fach Maschinenbau. Seit knapp zwei Jahren macht er als „Ömer K.“ Hiphop
philipp-mattheis

In der Stunde, die wir vor der Wohnung seiner Eltern in Neuperlach über Integration sprechen, kommen ständig Leute vorbei, die Ömer mit Handschlag begrüßen. „Seit ich rappe, kennen mich alle, selbst die größten Gangster sind plötzlich freundlich zu mir“, sagt er.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Bist Du der einzige hier, der studiert? Ömer: Ja, so ziemlich. Die meisten meiner Freunde haben nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Deswegen haben viele keine Arbeit, hängen rum und machen Blödsinn. Woran liegt das? Ich glaube, dass es viel damit zu tun hat, dass sie den ganzen Tag Gras rauchen. Dadurch sind sie unmotiviert und machen nix. Viele gehen ja nicht einmal am Wochenende weg und wenn dann nur hier im Viertel. Mädchen lernen sie so auch keine kennen. Was machen die Mädchen eigentlich? Viele werden mit 18, 19 Jahren verheiratet. Da machen die Familien auch Druck. Du hast Abitur, hast Dein Studium fast abgeschlossen und machst Musik. Warum ist Dein Leben anders verlaufen? Das hat viel mit der Familie zu tun, in der man aufwächst. Meine Mutter hat mir als Kind deutsche Bücher vorgelesen, dadurch war ich besser in Deutsch und konnte auf’s Gymnasium gehen. Meine Eltern wollten, dass ich mit deutschen Schülern zusammen bin und haben mich nach Trudering auf die Schule geschickt. Mein Vater hat studiert. Bei vielen meiner Freunde sind die Mütter Analphabeten und die Väter Hilfsarbeiter. Aber die Eltern hindern sie doch nicht daran, sich in der Schule anzustrengen. Naja, sieh es mal so: Ein Kumpel von mir hat früher immer die Schule geschwänzt. Als sein Vater davon erfahren hat, war es ihm egal. Der Vater ist selbst nur vier Jahre zur Schule gegangen. Der denkt sich: Warum sollte mein Sohn so lange zur Schule gehen? Klingt nicht gerade nach Chancengleichheit. . . Nein, Chancengleichheit gibt es nicht. Aber ich weiß auch nicht, wie man das ändern sollte. Letztlich sind die Leute selbst schuld. Trotzdem kann ich sie verstehen. Stell Dir vor, Du gehst am Wochenende aus und ein Türsteher nach dem anderen sagt: Ne, Du nicht. Manchmal bringt genau dieser Frust das Fass zum Überlaufen. Viele Leute finden es lächerlich, wenn Rapper in München einen auf Gangster machen. Neuperlach brauchst Du nicht mit Neukölln vergleichen. Hier geht es den Leuten immer noch besser. Deswegen sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich aber nicht kleiner. Viel Mist passiert hier trotzdem.

  • teilen
  • schließen