Christian liefert schneller

Fast wie im Film: Über das aufregende Leben eines On-Board-Kuriers
peter-wagner

Christian Radinger, 27, war früher ein sogenannter "On-Board-Kurier", der eilige Sendungen persönlich an Orte auf der ganzen Welt bringt. Heute ist er selbst nicht mehr so häufig unterwegs, weil er bei der Logistikfirma time:matters die Kurieraufträge entgegennimmt: Spätestens vier Stunden nach Anruf eines Kunden macht sich einer von Christians Mitarbeitern auf den Weg. Ein Interview über Reisen als Nebenjob. jetzt.de: Christian, sind On-Board-Kuriere nur im Flugzeug unterwegs? Christian: Nein, daher kommt nur die Berufsbezeichnung. Du reist auch mal mit dem PKW an, steigst ins Flugzeug, in den Zug oder in einen Hubschrauber . . . jetzt.de: Bitte? Christian: Das war einmal der Fall, als ein Milliardär, der in Russland etwas ab vom Schuss lebt, Ersatzteile für sein deutsches Auto brauchte. Ich habe die Ersatzteile abgeholt, bin nach Moskau geflogen und wurde dort schon von einem Hubschrauber erwartet, mit dem ich auf seinen Landsitz geflogen bin. Das fühlte sich tatsächlich an wie im Film. jetzt.de: Sind denn häufig Privatleute die Auftraggeber? Christian: Meistens sind es Firmen, die uns brauchen. Und zu 50 Prozent sind es unspektakuläre Aufträge, bei denen man vielleicht Dokumente, die für Verhandlungen benötigt werden zum Beispiel nach London bringt. Dort wartet der Empfänger am Flughafen und man fliegt mit dem nächsten Flug nach Deutschland zurück. Es gibt aber viele spannende Sachen, bei denen du auch mal mehrere Tage unterwegs bist. Gemeinsam mit einem Bekannten bin ich einmal mit Ersatzteilen für die Produktion eines Autokonzerns nach Südafrika geflogen. Insgesamt wog die Ladung 650 Kilogramm und war in 80 Paketen verpackt. jetzt.de: Na das macht Spaß, das durch den Flughafen zu schieben. Christian: Der Kunde kam mit dem LKW. Wir haben zehn Gepäckwagen bereitgestellt und immer zwei nebeneinander nach vorne geschoben, sind dann zurück gelaufen und haben die anderen nachgeholt. Bis zum Schalter. Man darf die Sendung ja nicht aus den Augen lassen. Die Fracht war vorher angemeldet, damit Platz im Gepäckraum ist. Trotzdem musste jedes Paket mit Gepäckklebern versehen werden.

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Illustration: Julia Schubert

Babynahrung, Ersatzteile, Schuhe: Christian ist Spezialist für eilige Post. jetzt.de: Was kostet ein Kurier? Christian: Einen Auftrag von Frankfurt am Main nach New York und am nächsten Tag zurück bekommt man so ab 1500 Euro. jetzt.de: Warum schicken eure Kunden nicht eigene Leute los? Christian: Die Zeit ist meist knapp. Daher gibt es Dienstleister wie uns, die auf komplexe Transportlösungen spezialisiert sind und rasch helfen können. jetzt.de: Gab es Fälle, in denen du in den Tagen darauf mitbekommen hast, was mit dem Inhalt des Pakets geschah? Christian: Wir haben schon Fußballschuhe von einem großem Sporthersteller zu einem Spieler nach Spanien gebracht. Am nächsten Tag habe ich im Fernsehen gesehen, wie er mit denen ein Tor geschossen hat. jetzt.de: Du nimmst Aufträge entgegen, bei denen es sich oft um "Notfälle" handelt. Wie verhalten sich die Anrufer? Christian: Sie sind aufgeregt und sehr glücklich, wenn wir ihnen helfen können! Einmal hatten wir Privatpersonen im Urlaub in Spanien. Die wollten eine bestimmte Babynahrung für ihr Kind, die sie in Berlin vergessen hatten. Wir sind dann in einen bestimmten Supermarkt in Berlin gegangen, haben sie gekauft und nach Spanien geflogen. jetzt.de: Entwickeln sich in diesen Ausnahmesituationen auch mal besondere Beziehungen zu den Auftraggebern? Christian: Ich hatte eine Sendung, die ging nach Moskau. Ein britischer Bankmanager hatte seine Aktentasche in einem Hotel in Paris vergessen und ich habe sie ihm in einem Hotel in der Innenstadt von Moskau persönlich übergeben. Er fragte: Haben sie ein Hotel? Ich sagte: Nein, noch nicht. Er sagte: Ich hab ein Gästezimmer! Gut, ich bin geblieben und hab mit ihm und noch einem Bekannten von ihm das Championsleague-Halbfinale zwischen Liverpool und Chelsea gesehen. jetzt.de: Wieviele Kuriere seid ihr? Christian: In Deutschland und international haben wir einen Pool von circa 50 Kurieren, die meist als freie Mitarbeiter arbeiten. Für Russland, Indien oder China zum Beispiel brauchst du ja Visa, die wir so schnell nicht bekommen würden. Dafür haben wir zum Beispiel Leute, die Jahresvisa haben. jetzt.de: Reißt du die Kuriere, wenn du einen Auftrag hast, einfach so aus ihrem Alltag? Oder haben die Bereitschaftsdienst wie ein Notarzt? Christian: Jeder hat seinen eigenen Zeitplan - Studenten, Pensionäre, Freiberufler. Normalerweise melden die sich Anfang der Woche und geben Bescheid, wie ihre Verfügbarkeit die nächsten Tage ist. jetzt.de: Wie häufig bist du selbst bislang geflogen? Christian: Bestimmt 200 mal. jetzt.de: Was hast du beim Fliegen gelernt? Christian: Ich kenne alle Drei-Letter-Codes der Flughäfen und weiß, wo man gut essen kann. Und man lernt, dann zu schlafen wenn man Zeit hat und nicht dann, wenn man müde ist. jetzt.de: Was ist das Schlimme an der Arbeit als On-Board-Kurier? Christian: Man muss private Termine schon mal sehr kurzfristig absagen. Das kam bei mir häufig vor. Aber meine Freunde wussten ja Bescheid. jetzt.de: Immerhin kannst du ihnen tolle Dinge mitbringen. Christian: Stimmt. Ich habe eine Excel-Liste, in die ich die Wünsche von gut 20 Leuten eingetragen habe, zum Beispiel bestimmte Zigaretten oder Parfums, die in manchen Ländern billiger sind. Wenn die Destination des Auftrags dazu passt, bringe ich das gerne mit. jetzt.de: Wohin würdest du noch gerne fliegen? Christian: Ich war noch nie in Kanada! Aber ich würde auch gerne mal in die Karibik. Ein Kollege durfte einmal nach Tonga, östlich von Neuseeland fliegen. Ich bin an dem Tag erst von einem Auftrag zurückgekommen, da war der leider schon vergeben. Der Kollege "musste" schließlich sechs Tage bleiben, weil vorher kein günstiges Ticket für den Rückflug zu haben war. Die Reise dauert circa 30 Stunden - da kommt man nicht jeden Tag hin. jetzt.de: Er wurde für die sechs Tage bezahlt? Christian: Ja, es war insgesamt günstiger, als gleich den nächsten Flug zurück zu nehmen. Er wurde bezahlt und hat es sich dort gut gehen lassen. Das ist aber eine seltene Ausnahme!Text: peter-wagner - Foto: privat

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