Christoph Gottschalk: Mit dem Nachtbus in die große Politik

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Du hast im April 2005 den Vortrag zur Immatrikulationsfeier an der FU Berlin gehalten – das gleiche haben vor dir Joschka Fischer oder Kofi Annan gemacht. Was hast du erzählt? Ich habe mich gefragt: Aus welchem Grund kann man diesen Studenten gratulieren, sich an einer gigantisch großen, unterfinanzierten Uni in Berlin immatrikuliert zu haben?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Deine Antwort? Ich bin auf die Freiheit des deutschen Bildungssystems eingegangen, wie wir sie bisher hatten, wie wir sie bewahren müssen. Dass du die Wahl hast, dich zu entscheiden: Ein Semester aussetzen und beim Aufbau nach dem Tsunami helfen oder zügig das Studium vorantreiben. Dass ist die Freiheit, die die Uni in Deutschland uns zumutet. Aus der Freiheit entsteht Vielfalt und vor allem Verantwortung. Ich wollte den Erstsemestern sagen: Wenn Ihr nur wegen der Wissensvermittlung an der FU seid, dann bitte ich Euch, wieder zu gehen. „Bildung“ ist etwas anderes. Was ist das für ein Gefühl, zu sehen, dass die eigene Stimme was bedeutet? Es ist befremdlich. Ich hatte Angst vor dem Vortrag. Aber irgendwie dachte ich: Ich habe dazu eine Meinung. Und die vertrete ich jetzt. Bist du deswegen Berater des französischen Premierministers geworden? Geschadet hat dieser gewisse Mut, den Mund aufzumachen sicherlich nicht. Im Januar 2003 feierten Deutschland und Frankreich 40 Jahre Elysée Vertrag – mit diesem Vertrag söhnten Adenauer und de Gaulle 1963 die „Erzfeinde“ aus. Raffarin verkündete in dem Rahmen, er wolle einen deutschen Berater in die Regierung nehmen. Er hat dann zwei Profile suchen lassen: Den Typ Ex-Botschafter, der in Frankreich viel gemacht hat – und einen Gegenentwurf, der aus der Zivilgesellschaft kommt und jung ist. Hattest du dich beworben? Um Gottes Willen: Nein! Woher kannten die Franzosen dich? Mit einigen seiner Berater war ich schon vorher bekannt, zusäzlich hatten sie wohl die Debatte zwischen Chirac, Schröder und dem deutsch-französischen Jugendparlament im Rahmen der Elysée-Vertragsfeiern verfolgt. Ich war der Moderator. Gab es ein Vorstellungsgespräch? Anfang Mai 2003 kam ein Anruf aus Paris. Der Premierminister habe meinen Lebenslauf gesehen und Interesse an einem Gespräch. Eine Woche später bin ich für 50 Euro mit dem Nachtbus nach Paris gefahren. Wie war das Treffen mit ihm? Es war eher ein „Bonjour“, im Vorübergehen. Er hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Schön, dass Sie da sind!“ Vielleicht wollte er sehen, dass ich mir eine Krawatte binden kann. Vor und nach der Begegnung mit dem Premier hatte ich ausführliche Gespräche mit dem diplomatischen Chefberater und dem Kabinettsdirektor. „Vielen Dank, dass Sie da waren“, hieß es danach, „es kann einige Wochen dauern, ehe wir uns melden.“ Ich bin aus dem Hotel Matignon, der Residenz des Premiers, rausgekommen und habe gleich Freunde angerufen. Nach einer halben Stunde bekam ich einen Anruf: „Herr Gottschalk, der Premierminister wird Sie in einer dreiviertel Stunde der versammelten Presse vorstellen.“ Woher die Eile? Vermutlich hat mein Profil einfach gepasst. Außerdem gab es einen passenden Anlass: Es war der 9. Mai, Europatag. Am Abend wollte der Premier eine Grundsatzrede zu Europa halten. Er dachte wohl: „Meine Berater fanden den Gottschalk gut und es gibt doch nichts Besseres als heute mein neues Kabinettsmitglied aus Deutschland vorzustellen!“ Ich stand auf dem Podium und war restlos in Trance. Neben mir standen die Verteidigungsministerin, der Jugendminister, der Erziehungsminister . . . Du musst unter den Kandidaten hervorgestochen sein. Naja, was heißt vorgestochen. Ich habe immer sehr viel mit Europa gemacht und war zum Beispiel direkt vorher neun Monate beim deutsch-französischen Jugendwerk persönlicher Referent der Generalsekretärin. Dort habe ich unter anderem das Treffen des deutsch-französischen Jugendparlaments zum Elysée Vertrag und die Chirac-Schröder-Diskussion organisiert. Und schon früher war ich Präsident des europäischen Jugendparlaments, habe Konferenzen organisiert, bei denen es immer um die Frage ging: Wie kann ich den europäischen Gedanken an junge Menschen bringen? Wie kommst du dazu, den „europäischen Gedanken“ vermitteln zu wollen? Per Zufall. In der elften Klasse habe ich mit Freunden an einem Wettbewerb des europäischen Jugendparlaments teilgenommen. Seitdem habe ich viel für das Parlament gearbeitet. Die Leute, die wie ich dort über Jahre eine kleine Karriere gemacht haben – das hat unser Leben verändert! Es hört sich jetzt nach Blabla an, aber: Debattieren lernen, einen Standpunkt vertreten, den Mut haben, ihn zu verteidigen, Konflikten nicht aus dem Weg gehen und lernen, die Sache von der Person zu trennen – wir waren hungrig darauf, das zu lernen. >>Weiterlesen>> Woher Christophs Hunger auf Politik kam, was er über das Referendum über die EU-Verfassung denkt und wie "beraten" im Detail funktioniert - liest du im zweiten Teil des Interviews. >>Weiterlesen>> Foto: Sybille Fendt ------------ Zur besseren Lesbarkeit haben wir das Gespräch mit Christoph, das heute auch in der Süddeutschen Zeitung erscheint, in drei Teile geteilt: im ersten Teil erzählt der 29-Jährige, wie er zum jüngsten Berater des französischen Premierministers wurde. Was er dabei inhaltlich machen musste und wovor er am meisten Angst hatte, ist Thema das zweiten Teils des Gesprächs. Und im dritten Teil verrät Christoph, warum er das politische System in Deutschland spannender findet als das in Frankreich.

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