Sie trägt eine kurze braune Baggy, hat wuschelige, blond gefärbte Haare, im Hausflur stehen ihre Chucks. Dass sie in einer Punkband Bass spielt, könnte man sich vorstellen, oder dass sie deutsche Skateboardmeisterin ist. Anike Hage, 21, sieht nicht aus wie ein Star der deutschen Mangaszene. Sie hat vergangenes Jahr Abi gemacht und lebt seitdem davon, Mangas zu zeichnen. Seit 1997 schwappt eine Mangawelle durch Deutschland. Auslöser war die Veröffentlichung der Serie „Dragonball“ beim Carlsen Verlag. Seitdem wurden fleißig Comics aus Japan ins Deutsche übertragen und Fernsehserien importiert. Die Mangafangemeinde in Deutschland entwickelte sich in kurzer Zeit zu einer riesigen Szene. Etwa 1,4 Millionen Deutsche lesen regelmäßig Mangas, mehr als die Hälfte davon sind junge Mädchen. Für die Verlage lohnt sich das Geschäft mit japanischen Comics: 75 Prozent des deutschen Comicmarktes macht der Verkauf von Mangas heute aus, im Jahr 2005 waren das 70 Millionen Euro Umsatz. Und viele Mangaleser sind nicht einfach nur Fans. Sie ahmen den Kleidungsstil der Hauptfiguren nach und zeichnen selber Comics.

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Selbstporträt Bei Anike ist das anders. Keine Spur von rosa an ihr, bei ihr hängen keine japanischen Boybandposter an der Wand. Sie trägt auch keine Miniröcke, wie man es aus den japanischen Comics oder Zeichentricksendungen kennt, die nachmittags auf RTL2 laufen. Manga ist nicht Anikes Leben, Manga ist ihr Beruf. Der Kult, den viele Leser um die Mangahefte machen, ist Anike fremd. „Klar habe ich mich am Anfang auch für Japan interessiert und will irgendwann mal hinfahren. Aber das hat sich gegeben.“ Ganz anders als bei den „kleinen Mädchen“, von denen Anike erzählt. „Die lesen klassische Mangas und denken, so läuft das reale Leben in Japan ab.“ Die „kleinen Mädchen“ sind es auch, die bei Kostümwettbewerben in sehr knappen Röcken und mit viel greller Schminke im Gesicht herumlaufen und sich mit Namen von Mangaheldinnen ansprechen. Mickey Maus ist auch Manga Anike ging es nur ums Zeichen. In der dritten Klasse beginnt sie, „Super Mario“ und andere Figuren aus Videospielen abzuzeichnen. „Ich war immer so ein Zeichnerkind: Was mir gefallen hat, habe ich versucht zu zeichnen“, sagt Anike. Erste „kleine Aufträge“, wie sie es nennt, hat sie in der fünften Klasse bekommen. „Du kannst das so gut, mal mir doch mal dies oder das“, sagen Freunde zu ihr. Als Beruf hat Anike das Zeichnen zu dieser Zeit noch nicht im Sinn. „Aber dann habe ich die Mangas entdeckt.“ 13 Jahre ist Anike alt, als sie zum ersten Mal einen „Sailormoonband“ in den Händen hält. Es ist eine Zeit, in der sogar die Jungs aus Anikes Klasse den Mangaklassiker lesen, in dem es vor allem um verliebte Teenagermädchen geht. „90 Prozent meiner Mitschüler kannten Sailormoon“, erzählt Anike. Der Stil gefällt ihr sofort. Auf jedem Bild geht es nur um das Gefühl einer einzigen Person in einem Moment. „Bei Mangas geht alles langsamer, man kommt besser mit.“ Bei Asterix und Obelix zum Beispiel wäre man in einem Bild hier, im nächsten schon wieder ganz woanders, bemängelt Anike, „da passiert sehr viel auf einmal“. Was einen Manga außerdem ausmacht, kann Anike nicht so recht definieren. Weder die Tatsache, dass man die Büchlein von hinten liest, noch die japanischen Figuren mit ihren übergroßen Augen oder die häufig erzählten Teenagerliebesgeschichten sind für sie Dinge, an denen man ein Manga fest machen kann. „Eigentlich ist Manga alles“, sagt Anike. „Sogar Mickey Maus ist Manga.“ Fragt man Anike nach ihrem Beruf, antwortet sie „Comiczeichnerin“ und nicht „Mangaka“. 2003 macht sie zum ersten Mal beim Mangawettbewerb der Leipziger Buchmesse mit. Es ist deutschlandweit der größte Wettbewerb für Nachwuchszeichner ab zehn Jahren. Sie wird nicht angenommen. Ein Jahr später unternimmt sie einen zweiten Versuch, bewirbt sich in der ersten Runde per Internet und schickt in der nächsten Zeichnungen ein. Eines Tages kommt der ersehnte Brief mit der Einladung nach Leipzig. Als eine von 3500 hat sie es unter die ersten fünf geschafft. Noch heute strahlt Anike, wenn sie von ihrem zweiten Platz erzählt. Ihr erster Manga erscheint 2005 in „Mangafieber“, einer Werksammlung der besten deutschen Nachwuchszeichner der Mangaszene. Der erste eigene Band mit sechs Kapiteln auf über 180 Seiten folgt. Er ist im Frühjahr beim Comicverlag Tokypop erschienen, wo Anike einen Vertrag für eine ganze Reihe ergattert hat. Die wurde bereits ins Französische und nach Amerika übersetzt. Übersetzungen ins Italienische, Schwedische, Serbische und in weitere Sprachen sind geplant. Die nächsten zwei bis drei Jahre kann Anike davon leben, zu zeichnen. Den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, große Augen und kleine Stuppsnäschen zeichnen und dafür auch noch Geld bekommen – für viele junge Mädchen ist es ein Traumjob, eine Mangaka, eine professionelle Mangazeichnerin, zu sein. Für Anike muss es nicht Manga sein. „Donald Duck würde ich auch zeichnen, wenn es dafür Geld gäbe“, stellt sie klar. Vier Wochen lang täglich zehn bis zwölf Stunden am Schreibtisch zu sitzen, gehört für sie dazu. „Wenn es soweit ist, dass ich am liebsten durcharbeiten möchte, macht es erst richtig Spaß.“ Erst denkt sich Anike die Geschichten aus, dann skizziert sie mit Bleistift vor. Dann muss sie mit Spezialstiften die Linien nachziehen und die Figuren mit Farbe füllen. Die Rasterfolie, die bei den fertigen Bildern die Grauflächen und Schattierungen ergibt, schneidet Anike selbst passend. Auch jede einzelne Linie ist bei ihr von Hand gezogen. „Viele arbeiten schon mit dem PC, das kann man dann ganz einfach korrigieren und mehrfach ausdrucken.“ Anike ist die Handarbeit lieber: „Nichts geht über ein Original“. Kapitelweise schickt sie die Blätter nach Hamburg zu Tokyopop. Das Scannen übernimmt der Verlag, dort werden auch die Sprechblasen mit Dialogen gefüllt. Meistens dauert es acht Monate von der Abgabe der ersten Skizzen bis zu dem Moment, in dem das Buch in ihren Händen liegt. Ihre Figuren tragen eindeutig westliche Gesichtszüge. Anike zeichnet „europäische Mangas“. „Warum soll ich malen, was in Japan los ist, wenn das doch ein Japaner viel besser weiß?“ Sie zeichnet Geschichten von hier, sagt sie. Mit „hier“ meint sie Wolfenbüttel, ihre Heimatstadt in der Nähe von Braunschweig, wo die Ideen für ihre Mangas entstehen. Wolfenbüttel ist ihr Bezugspunkt. Nicht Tokio, und auch nicht das Leben auf japanischen Schulen. Das Gymnasium in ihren Geschichten ist an ihr eigenes angelehnt und die Kleidung im Gothic-Stil, die die Figuren in Anikes Reihe „Gothic-Sports“ tragen, hat sich Anike bei ihrem jüngeren Bruder und seiner Clique abgeschaut. Und wie Anike sind die Mädchen aus „Gothic-Sports“ sportbegeistert. Lästereien über Zeichenfehler Fans fragen Anike oft nach Tipps für ihre eigenen Zeichnungen. Unter den jungen Zeichnern träumen viele davon, vom Fan zum Profizeichner aufzusteigen. Beliebt sind deshalb Verlagswettbewerbe und FanArt-Aktionen, bei denen die jungen Mädchen ihre Mangahelden nachzeichnen und sich eigene Stories ausdenken. Manche aber, sagt Anike, seien so darauf fixiert, irgendwo unter Vertrag zu kommen, dass das Zeichnen unwichtig werde. „Das ist schade“, findet sie. Eine neue Fangeneration sei das, die um jeden Preis ihre Zeichnungen gedruckt sehen wolle und ihren Namen in den Fanmagazinen lesen möchte. Anike hat da nur einen Rat: Genießt die Zeit ohne Vertrag! „Der Zeitdruck bedeutet einfach Stress. Und unter Stress zu zeichnen ist kein tolles Gefühl.“ Daran, den Fans Autogramme geben zu müssen, hat sich Anike immer noch nicht gewöhnt. „Ein komisches Gefühl“, findet sie. Sie muss an eine mit vielen Büchern erfolgreiche Kollegin denken. Eine, die für sie vor kurzem noch großes Vorbild war. „Jetzt bin ich selber so und fühle mich trotzdem ganz normal.“ Sie führt lieber ein kleines lockeres Gespräch mit den Fans, statt Autogramme zu geben. Beim Plaudern hört sie dann immer die eine berühmte Frage: Anike, wie hast du es geschafft? Üben, könnte sie antworten. Denn viel Übung ist nötig. Die Konkurrenz auf dem Mangamarkt ist hart und Sticheleien unter Kollegen gehören dazu. „Eigentlich sind das alles nette Leute, aber es gibt immer welche, die über die Story, Zeichenfehler oder ähnliches lästern.“ Doch ihr härtester Kritiker bleibt Anike selbst. „Schon nach einem halben Jahr sehe ich an den Zeichnungen viele Details, die mir nicht gefallen.“ Harte Arbeit an ihrem Können gehört für Anike dazu, denn in ihrer Vorstellung verdient sie noch mit 40 Jahren ihr Geld durchs Zeichnen. Sie sieht sich dann immer noch in Wolfenbüttel. Erwachsenencomics zeichnen.