Da hinten wird's hell

Die Welt taumelt von Krise zu Krise. Mittendrin gibt es ein Land, dem es trotzdem sehr gut geht: Deutschland. Doch die Deutschen hören nicht auf, Angst zu haben. Aber muss das denn sein? Eine Reise in die Zuversicht
alex-ruehle

Es ist schon merkwürdig. In einem Land, in dem es den Menschen so gut geht wie nie zuvor; in einem Land, in das mittlerweile Spanier, Israelis, Italiener ziehen, weil es sich hier angeblich um ein Vielfaches besser leben lässt als bei ihnen zu Hause; in diesem Land ist die größte Mangelware mittlerweile: die Zukunft. Und wenn man Nachrichten liest, kann man den Eindruck gewinnen, dass der einzige Rohstoff, der in Deutschland permanent produziert wird, die Angst ist. Nun gibt es gute Gründe, sich zu sorgen: Seit 2008 wirkt es, als sei ein Orkan in das gemütsberuhigte Europa eingebrochen, und die Politiker stehen in diesem Sturm herum wie graue Statisten, getrieben und gelähmt zugleich. Das ganze Projekt Europa kommt ins Wanken, zugleich zerfällt das Vertrauen in alle Regelungsmechanismen des Kapitalismus: Ein Kollege, der eigentlich immer mit mönchischer Gefasstheit durch unseren Redaktionsalltag schreitet, erzählt, er habe jetzt 10 000 Euro in bar zu Hause, weil ja bald die Banken zumachten. Und Alexander Kluge vergleicht unser aller Situation im Interview mit der politischen Großwetterlage 1912. 1912? Das hieße ja, der Weltkrieg steht schon vor der Tür?!

Jetzt reichts aber. Der Mensch braucht, wenn er leben will, vor allem: Zukunft. Perspektiven. Es muss doch auch in diesem Land noch Optimisten geben. Menschen, die Zuversicht ausstrahlen. Die nicht esoterisch verstrahlt sind, sondern um den ganzen Schlamassel wissen und trotzdem ihr Ding machen. Leute, die einen in ihre starken Arme nehmen und sagen, Weltkrieg? Unsinn. Sieh nur, die Zukunft liegt so weit und schillernd vor uns wie einst die Great Plains vor den ersten Siedlern.

Der Großvisionär

Vielleicht sollte man die Suche nach solchen Menschen im Osten der Republik beginnen. Angeblich sind doch die Ostdeutschen krisenresistenter, pragmatischer, seelisch gefestigter als die Wessis. Weil um sie herum schon mal ein ganzes System zusammenbrach, das eigene Leben aber dennoch weiterging. Das Kölner Rheingold-Institut kam nach einer Umfrage 2009 gar zu dem emphatischen Ergebnis: 'Vom Osten lernen heißt, Krisen zu bestehen lernen.' Und die Berliner Psychoanalytikerin Annette Simon, die ein kluges Buch über 'ostdeutsche Identitäten' geschrieben hat, sagt am Telefon, befragt, ob sie an die Ergebnisse solcher Studien glaube, das stimme sicherlich: 'Vielleicht auch aus Schadenfreude: Da seht ihr mal, wie das ist, wenn das eigene System zusammenbricht. Und weil man die Erfahrung gemacht hat, dass ein Zusammenbruch immer auch ein Neuanfang, eine Chance ist.'



Chancen! Neuanfang! Her damit! Auf in den Osten, nach Leipzig, wo der frisch gekürte Weltzoodirektor seines Amtes waltet. Und das auch noch im 'Zoo der Zukunft', wie Jörg Junhold selbst seinen Tierpark nennt. Als der gelernte Tierarzt 2000 sein Amt antrat, war der Leipziger Tierpark eher ein Zoo der Vergangenheit, kleine Gehege, alles mittelprächtig. Jetzt gibt es das weltgrößte Menschenaffengehege und seit im Juli auch noch Gondwanaland eröffnet wurde, strömen die Menschen von fern und nah, diesen Dschungel auf 16 000 Quadratmetern zu bestaunen, Hunderte riesiger Bäume, Hängebrücken, ein Fluss, auf dem kleine Boote an Schabrackentapiren und indonesischen Krokodilen vorbeitreiben, das Geschrei von Totenkopfäffchen, der scharfe Geruch eines Ozelots, den man aber gerade nicht sieht, weil die Tiere hier so viel Platz haben, dass sie sich stundenlang verstecken können vor der Neugier der Menschen. Da man auf Metallgitter verzichtet und die Tiere nur durch Wasser, Büsche oder Abhänge voneinander trennt, könnte man glatt vergessen, dass sie in dieser größten Tropenhalle Europas überhaupt in Gefangenschaft sind.

Wenn Junhold einen Gast durch sein frisch eröffnetes Gondwanaland führt, könnte man meinen, er rolle auf einem goldenen Kugellager über die verschlungenen Dschungelpfade, derart stolz bewegt er sich durch sein Reich. Während draußen alles aus den Fugen gerät, hat hier drinnen einer die ganze Welt noch mal in Schön gebaut. Der Leipziger Oberbürgermeister dachte anfangs, er habe es mit einem Wahnsinnigen zu tun, als Junhold ihm von seinen weltgrößten Plänen berichtete, Kostenpunkt 50 Millionen Euro. Die Rechnung ging aber auf, seit der Eröffnung haben sich die Zuschauerzahlen verdoppelt, die Zoodirektoren der ganzen Welt kommen angereist, um sich diese Halle anzuschauen.


Wenn man Jörg Junhold fragt, ob er ein Optimist sei, sagt er: 'Natürlich!' und erzählt, wie die Stadt und er nach dem Crash von 2008 an seiner teuren Vision festgehalten haben, man müsse nur dran glauben, dann werde das auch was mit der eigenen Zukunftsgestaltung. Je länger er von Change-Prozessen und hoher Risikobereitschaft redet, desto mehr gewinnt man den Eindruck, das Rheingold-Institut habe mit seiner Diagnose noch untertrieben: Von Junhold kann man nicht nur lernen, Krisen zu bestehen, man kann sie anscheinend in vollständige Siege ummünzen. Jedenfalls sieht er nicht, warum die Euro-Krise einen massiv ängstigen sollte. Sorgen, das ja, aber zum einen glaubt er, dass 'Europa das schon hinbekommen wird'. Zum anderen: 'Uns kann die Krise nur recht sein. Die Menschen wollen dem Alltag auch mal entfliehen und hier einen schönen Tag verleben.' Vor solch einer Reise ist klar, dass man viele Stunden in Zügen verbringen wird. Leider werden es diesmal noch mehr als geplant, in Berlin und Umgebung werden dauernd neue Brandsätze entdeckt, weil ein paar Idioten meinen, sie müssten 'die Hauptstadt in den Pausenmodus zwingen'. Man kann in diesen Zwangspausen ein Bier im Bistro trinken und einem Berliner Paar zuhören: 'Ditt is ja noch schlimma als Schienasatzvakähr.'


'Sin ja ooch Terroristen und kein BVG.'

Man kann im tiefsten Brandenburg mit dem Frankfurter Vermögensberater Christian Freiherr von Bechtolsheim telefonieren, der sich als Berufsoptimisten bezeichnet. Der Mann verwaltet ein Milliardenvermögen, tippt auf Inflation und rät seinen Mandanten zu breiter Streuung, Gold, Häuser, Aktien, Grund. Problem sei, dass man kaum noch Wald bekomme, weil das jetzt alle haben wollten. 'Und weil die Bauern nichts mehr verkaufen, die sagen selber, was soll ich mit den Euros.' Draußen vor dem Fenster zieht brandenburgisches Fichtengestängel vorbei, das eher an die Strichcodes auf den Etiketten im Supermarkt erinnert als an Bäume, drinnen sagt der Berater, er suche mittlerweile für seine Mandanten in der Slowakei nach Wäldern.



Der Spender

Drei Stunden später, im Norden von Berlin. Hier wohnt jemand, der anfangs genauso für verrückt erklärt wurde wie Jörg Junhold. Dieter Lehmkuhl hat als Psychiater und Psychotherapeut gearbeitet und ist sicher einer der wohltemperiertesten Revolutionäre, die je auf diesem Planeten wandelten. Wenn er seinem Gast Wasser heißmacht und währenddessen erzählt und zuhört, bekommt der Akt des Teekochens etwas Hochkomplexes, 'Ja, wo war ich, die Vermögensabgabe, Verzeihung, wo sind jetzt die Beutel, ich bin schlecht im Multitasking.'

Lehmkuhl hat 2009 einen Appell verfasst, bitte als Wohlhabender höher besteuert zu werden, einen Appell, für den er von vielen verlacht und von einigen scharf angegriffen wurde. Wenn heute Warren Buffet dasselbe sagt, wird weltweit mit dem Kopf genickt, 'aber damals musste ich den Aufruf mit dem Satz beginnen: ,Wir sind keine Spinner." Da wurde noch von Westerwelle und Sloterdijk das Hohelied auf die Ungleichheit gesungen. Während wir jetzt endlich eine neue Gerechtigkeitsdebatte erleben, die man nicht mehr als Sozialneid abtun kann.'

Der Freitag nannte Lehmkuhl damals den 'Vorzeige-Reichen', was insofern unglücklich formuliert ist, als Lehmkuhl von sich selbst sagt, er habe sich 'immer in der zweiten Reihe wohlgefühlt'. Er musste nach vorne, weil kaum ein anderer unter den 2,2 Millionen Menschen, die hierzulande mehr als 500 000 Euro besitzen, sich als Reicher outen wollte. Lehmkuhl selbst hat in den neunziger Jahren eine beträchtliche Summe geerbt. Und dann verwundert festgestellt, wie schnell sich dieses Geld, für das er selbst nie hat arbeiten müssen, vermehrte.

Lehmkuhl und seine Mitstreiter fordern, jeder, der mehr als 500 000 Euro besitzt, solle zwei Jahre hintereinander jeweils fünf Prozent seines Vermögens zahlen. Einbringen würde das mindestens 50 Milliarden Euro. Danach solle die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden. Das Geld solle in Bildung, Ökologie und soziale Gerechtigkeit fließen.

Klingt sehr schlüssig. Und? Wie viele Leute haben seinen Aufruf unterzeichnet? 56. Hmm. 56 von 2,2 Millionen. Was ist denn mit den anderen 2 199 944? Hatten die bisher keine Zeit? Lehmkuhl lacht. Er hat sich mit vielen Reichen unterhalten, 'man trifft da oft auf beeindruckend starken Verarmungswahn. Wahrscheinlich weil für viele die Statussymbole und ihr Reichtum Teil ihrer Identität sind. Davon gibt man ungern ab.'

Was Lehmkuhl nicht versteht, ist die Kurzsichtigkeit solchen Denkens. 'Ich habe ein großes Interesse an einem funktionierenden Staat. Höhere Einkommensungleichheit führt immer und überall zu steigenden Kriminalitätsraten, weniger Vertrauen, schlechterer Bildung.' Lehmkuhl sagt das nicht in klassenkämpferischem Duktus. Er klingt perplex, fast belustigt, dass all das passieren konnte, ohne dass es zu großer Empörung geführt habe: Dass in kaum einem anderen Land die Zahl der Millionäre so rasant gestiegen ist wie bei uns. Dass Deutschland mittlerweile zu den zehn größten Steueroasen gehöre, vor Liechtenstein. 'Es gibt diese Uhr der Steuerzahler, die den Zuwachs unserer Schulden zählt. Man müsste daneben eine Uhr installieren, die zeigt, wie schnell das private Vermögen zunimmt. Die Privatvermögen übersteigen die Schulden um das Fünffache. Aber das Gute ist, dass all das durch die Krise so offen zutage tritt.'

Da er trotz seiner Bitten immer noch nicht höher besteuert wird, stiftet und spendet Lehmkuhl seine Kapitalgewinne an Umweltorganisationen und NGOs. Er erlebe das als 'wohltuende Befreiung - es ist sinnvoll, ich bin mit mir im Reinen und ich muss mich nicht sorgen, wie ich das Geld anlege. Wer spendet, lebt länger. Kluge Egoisten wissen das.'



Die Idealistin

Nun hat nicht jeder 500 000 Euro auf dem Konto. Was also kann man denen raten, die nicht geerbt haben, trotzdem aber an Seelenreinigung interessiert sind? Die sollten sich vielleicht mal mit Julia Friedrichs treffen, einer Berliner Autorin, die sich auf die Suche gemacht hat nach den großen Idealen, ein Wort, das in Zeiten des totalen Durchwurschtelns fast schon lächerlich antiquiert wirkt. Friedrichs wollte von den Polit-Idolen ihrer Jugend, aber auch von Wirtschaftsführern erfahren, ob sie an etwas glauben. Ob Gerhard Schröder, Peter Hartz, Rezzo Schlauch mit Begriffen wie Schuld und Verantwortung etwas anfangen können. Jetzt sitzt sie in einem Berliner Café und man kann ihre Recherche in einem Wort zusammenfassen: Fehlanzeige. 'Schröder sagte, meine heutige Enttäuschung über ihn sei mein Problem, ich hätte mir 1998 als naive Jungwählerin einfach zu viel erhofft. Und die Ökonomen sagten, Schuld und Verantwortung seien keine Kriterien, die in ihrer Welt relevant seien.'

Man spürt eine große Wut, wenn Friedrichs erzählt. Über die Selbstherrlichkeit der einstigen rot-grünen Machtelite. Aber auch über die Jungpolitiker, die sie anschrieb - Christian Lindner, Karl-Theodor zu Guttenberg, Philipp Mißfelder -, und die sich alle nicht äußern wollten: 'Schon unheimlich, dass eine ganze Alterskohorte von Politikern, deren Kernaufgabe es doch wäre, für etwas einzustehen, sich weigert, solche Fragen zu beantworten.'

Anlass für ihre Suche war eine Irritation: In ihrem ersten Buch über Eliten hatte Friedrichs junge, aufstrebende Ökonomen porträtiert. 'Die hatten alle eine unglaubliche Energie, jeder sagte mantraartig, er wolle nach oben. Wenn ich aber fragte, was sie da oben wollen, kam einfach gar nichts.' In ihrem neuen Buch 'Ideale - Auf der Suche nach dem, was zählt' wollte sie diese Leerstelle füllen, was freilich nicht so gelang, wie sie es sich erhofft hatte. Im Gegenteil, im Reden der Politgranden klafft ein schwarzes Loch, es klingt alles dermaßen rücksichtslos und desinteressiert, als wollten sie gemeinsam George Bernard Shaws Bonmot belegen, alte Männer seien deshalb so gefährlich, weil ihnen die Zukunft egal ist.

Richtiggehend unheimlich aber ist die Rhetorik, mit der die Ökonomen auf Friedrichs Fragen reagieren: Ihnen allen hängt ein unsichtbares Tonband aus dem Mund mit dem immergleichen phraseologischen Blech, das eigentlich seit 2008 auf dem Müllhaufen der Geschichte vor sich hin rosten sollte, unsichtbare Hand des Marktes, und die Krise, tja, nun, da kann keiner was dafür. Frank Krings, einer der mächtigsten Männer der Hypo Real Estate, erklärte ihr, die Finanzwelt gleiche eigentlich einem kristallklaren Bergsee, in den 2008 nur blöderweise ein Tropfen Öl hineingefallen sei.

Friedrichs" Buch liest sich deshalb so angenehm, weil darin nicht einfach die wutbürgerliche Empörungsmaschinerie in Gang gesetzt wird. Sie fragt vielmehr, wie all diese Leute sich dermaßen in die Tasche lügen können ohne das wahrzunehmen. Und sie schaut im eigenen Leben nach Inkonsequenzen. Auf die Frage, was sich denn dadurch in ihrem Alltag geändert habe, zuckt sie im Café mit den Schultern: 'Na ja, kleine Schritte, zäher Alltag: Ich mache Listen: Weniger Fleisch, Spenden, Lesepatenschaften - einiges klappt, anderes nicht.'



Die Hellsichtige

Die Art, wie Friedrichs auf die Frage nach dem eigenen Engagement reagiert, ist symptomatisch für all die Engagierten, die sich auf dieser Reise geäußert haben. Dieter Lehmkuhl, die Potsdamer Klimafolgenforscherin Brigitte Knopf, ein Architektenehepaar aus Leipzig: Sie alle eint eine skeptische Bescheidenheit, ein emphatisches Bekenntnis zur Politik der kleinen Schritte und ein trockener Idealismus, Optimismus on the rocks sozusagen. Große Worte erzeugen bei ihnen allen jähes Unbehagen, sie schauen einen an, als bekämen sie von solchem Wortklingklang inwendig Neurodermitis. Aber sie sagen dann Sätze wie: 'Wenn man sieht, wie die Welt an die Wand fährt, kann man nicht immer nur lässig kommentierend danebenstehen' (Julia Friedrichs). 'Wie wollen wir eigentlich leben?' (Dieter Lehmkuhl). Und Brigitte Knopf erzählt, wie kürzlich am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung 'ein Kollege sagte: ,Ich hab keine Utopie, ich hab nur eine Dystopie: Kriege zu verhindern." Ich war richtig erstaunt über diesen Satz und dachte: Das ist mir viel zu wenig. Ich habe da erst gemerkt, wie optimistisch ich selbst anscheinend bin.'

Die Begegnung mit Knopf in einem Café am Berliner Hauptbahnhof ist vielleicht überhaupt das Kräftigendste an der ganzen Reise. Ausgerechnet eine Klimaforscherin! Tragen die nicht den ganzen Tag nur neue Beweise für den Weltuntergang zusammen? Knopf hat promoviert in theoretischer Physik und arbeitet am PIK in der Abteilung für nachhaltige Lösungsstrategien, eine Abteilung, die ja eigentlich jeder Mensch für sein Leben bräuchte. Knopf arbeitet an Langfristszenarien für das deutsche Energiesystem, ist also gewiss nicht in Gefahr, metaphysisch verspult zu sein oder irgendwelchen Blümchenträumen nachzuhängen. Aber sie funkelt einen im Gespräch fortwährend an, als gebe es da inwendig irgendein geheimes Kraftwerk: 'Ich dachte früher, igitt, Ökonomie, so was Böses. Jetzt denke ich, man muss sie halt selbst gestalten.' Die Krise gefällt ihr insofern, 'als endlich fundamental gerüttelt wird: Seit Jahren ist bewiesen, wie grottig das Finanzsystem ist, jetzt ist endlich zu spüren, dass die Leute wirklich keinen Bock mehr haben auf den alten Stiefel.'

Knopf, so stellt sich en passant heraus, ist bei der Bewegungsstiftung, in der Wohlhabende mit Teilen ihres Vermögens Kampagnen von NGOs fördern. 'Oh, dann sind Sie ja eine von den 2,2 Millionen, die Dieter Lehmkuhls Aufruf nicht unterschrieben haben?' 'Stimmt. Aber das heißt doch nicht, dass ich den nicht gut finde. Ich mache ja viel mit meinem Geld. Muss bloß nicht jeder wissen.'

Leider fährt dann der Zug, und man kann nicht mehr fragen nach dieser irritierenden Übereinstimmung: Friedrichs, Lehmkuhl, Knopf, alle drei sind politisch interessierte Menschen. Alle drei aber reden, wenn es um Politik geht, nur von NGOs, sozialen Bewegungen, privatem Engagement. Von der Politik scheinen sie sich kaum etwas zu erwarten. Insofern scheint die 'Occupy'-Bewegung, die direkt nach dieser Reise für einen Tag die deutschen Städte besetzt, wie eine logische Folge aus all diesen Gesprächen, dem Unbehagen, ja der riesigen Legitimationskrise, in die die westlichen Demokratien durch ihre permanente Notstandsrhetorik längst geschlittert sind.

Den Zügen wird weiterhin deutschlandweit von den autonomen Zündlern Zwangspause verordnet. Es wird auf ewig deren Geheimnis bleiben, wie man die Bundeswehr aus Afghanistan zwingt, indem man S-Bahnen nach Königswusterhausen lahmlegt, aber man kann die Zeit ja auch anders nutzen. Man kann etwa in Braunschweig ins Augustinum fahren, um dort einen 97-jährigen Herrn zu besuchen, der sich noch an die zwanziger Jahre erinnert. Stefan Bröding blinzelt einen aus seinen milchigblauen Augen an und sagt, die Geschichte funktioniere wie eine Wendeltreppe, 'es passiert immer wieder das Gleiche, und doch ist alles anders.' Bröding wurde 1914 geboren, 'zwei Tage vor Ausbruch des Krieges'.

Um Bröding hängt ein unsichtbarer Spinnweb aus Zeit und Erinnerung, manchmal kriegt man nicht ganz mit, wie er von einem Thema zum nächsten kommt. Aber 1923, das erinnert der ehemalige Mathematikprofessor noch genau. 'Mein Vater war Handschuhmacher, meine Eltern dachten, das sei eine sichere Sache, Kavaliere ohne Lederhandschuhe gab es damals nicht. Dann kam die Inflation. Ich musste meinem Vater abends bei der Tageskasse helfen, ein riesiger Lederkoffer, in den kamen die Billionen rein, diese Geldberge, am Morgen sind wir schnell damit einkaufen gegangen, weil es um zwölf Uhr nichts mehr wert war. Der ganze Mittelstand verarmte total. Das prägt einen. Ich esse immer auf.' Brödings weiße Haut schimmert wächsern im Oktoberlicht. Auf die Frage, ob er die Analogien zu 1923 und 1929, die in den Medien oft gemacht werden, nachvollziehen könne, wiegt er seinen fast hundertjährigen Kopf: 'Die Billionensummen, die Flucht in Sachwerte, die Ratlosigkeit - die Geschichte ist eine Wendeltreppe. Aber das heißt ja auch, dass man dieses Mal mehr weiß.'



Der Fachmann

Man kann, wenn dann mal wieder ein Zug in Braunschweig hält, weiterfahren nach Göttingen, wo Borwin Bandelow eine Professur für Psychiatrie innehat. In den Talkshows wird er oft als 'Angstexperte' tituliert, er selbst wirkt, während er sich in Arztkittel und Turnschuhen schlaksig in den Bürostuhl faltet, ruhig und zuversichtlich. Als er vom Besuch bei Herrn Bröding hört, kräuselt er die Stirn: Bandelow glaubt nicht daran, dass sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen eine Angsterinnerung an die Inflation eingenistet hat. 'So was gibt es nicht', sagt er auf seine hager-herbe Art. 'Ich glaube an die Vier-Wochen-Regel. Fukushima, was für ein Schock, und heute ist es so weit weg.' Genauso großer Unfug scheint die German Angst zu sein. 'Ängste sehen überall gleich aus. Schauen Sie sich deutsche und japanische Angstpatienten an, die Symptome stimmen bis in Nuancen überein.' Haben wir also gar nicht mehr Ängste als andere? Und hat Bandelow in solch düsteren Zeiten nicht mehr Patienten als sonst? 'Die Leute denken, dass sich hier nach 9/11 Schlangen gebildet haben. Es geht doch niemand wegen der Euro-Krise zum Therapeuten.' Da er eh schon am Großreinemachen ist, räumt Bandelow noch mit Burn-out auf ('gibt"s ja gar nicht') und erklärt, dass auch die Depressionen nicht zugenommen haben, ja die Selbstmordraten haben sich seit 1987 halbiert. 'Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist, weiß ich auch nicht.' Gut, aber was rät er den Menschen, die trotz rückläufiger Suizidraten ängstlich auf den Rettungsschirm starren? 'Den Abgleich mit der Realität. Wenn es zehn Prozent Inflation gibt, haben wir halt weniger Überfluss als zuvor.' Auf diese Diagnose ein Feierabendpils im Bordbistro. Der Mann, der dort mit schwerem Akzent mit seiner noch schwereren Frau streitet, hebt irgendwann sein Glas in die hessische Abenddämmerung und ruft versöhnlich: 'Du verrückte Huhn du! Liebe! Liebe! Liebe!'




Der Wilde

'Was wollen Sie überhaupt? Alles wird gut. Ich weiß das, wir Isländer sind weltweite Untergangsspezialisten. Wenn wir 2008 überlebt haben, überlebt ihr auch die Euro-Krise.' Jon Gnarr sitzt im Frankfurter Maritim Hotel und lacht in das distinguierte Gemurmel des Foyer-Restaurants ein Lachen, das wirkt, als lasse einer auf einer Beerdigung bunte Luftballons steigen. Drei Kinder drehen sich nach dem komischen Typen mit den roten Haaren um. Gnarr war gerade auf der Buchmesse, schließlich war Island das Gastland in diesem Jahr und er als Bürgermeister von Reykjavik muss da natürlich Hände schütteln und Offiziöses sagen. Eigentlich. Gnarr aber sagte, er plane jetzt ein Gefängnis für die kriminellen Banker aus aller Welt, das werde lecker preiswert, schließlich seien die Insassen ja keine Gewaltverbrecher und somit relativ harmlos, solange sie keinen Internetzugang hätten. Die Messebesucher schauen ihn bei solchen Sätzen an wie die Kinder im Restaurant: Was"n das für einer?

Jetzt sitzt er hier mit seiner Frau und Einar Örn Benediktsson, dem Mann, der in den Achtzigern den Punk nach Island brachte und der seit eineinhalb Jahren Kulturreferent ist. Hier in Frankfurt gibt er den Presseattaché für seinen Freund Jon, der über die Finanzkrise sagt, am bedrohlichsten erscheine ihm, 'dass keiner wirklich Verantwortung übernehme'.

Gnarr selbst hat vor zwei Jahren Verantwortung übernommen. Es fing an mit einer Art Titanic-Aktion: Angeekelt vom Krisenmanagement der isländischen Regierung gründete er zusammen mit ein paar Künstlerfreunden die 'Beste Partei', die die leeren Versprechungen und die hölzerne Rhetorik des Politbetriebes parodierte und unsinnige Wahlversprechen machte. Dann gewann er die Wahl.

Bis dahin ist es nur lustig. Das Beeindruckende ist aber, dass Gnarr und seine Freunde seither richtig gute Politik machen. Selbst ein trockener Politikwissenschaftler wie Olafur Hardarson von der Universität Reykjavik bescheinigt dem Trupp, dass sie 'vernünftige Leute mit gesundem Menschenverstand' seien. Ja sie sind so gut, dass sie von vielen bedrängt werden, landesweit zu kandidieren: 2013 sind Präsidentschaftswahlen.

Das Faszinierende an Gnarr und Benediktsson ist, dass sie im Gespräch permanent hin- und herschalten zwischen Ernst und Komik. Sie haben die Schulsprengel neuorganisiert, planen ein neues Verkehrskonzept, haben ehrgeizige Haushaltspläne und wollen radikal basisdemokratische Strukturen implementieren, man kann sich von alledem auf der eben freigeschalteten Website 'Better Reykjavik' überzeugen.

Dann aber erzählen sie im selben Tonfall davon, dass sie jetzt eine Botschaft in London eröffnen wollen. Eine Botschaft? Haben sie denn Personal für so etwas? 'Brauchen wir nicht', sagt Gnarr. Und was soll passieren in der Botschaft? 'Das Wichtigste wird das Informationszentrum über gar nichts. Und der Balkon zum Winken. Da können die Londoner ihren Mitbürgern winken und sich einmal im Leben wie wichtige Politiker fühlen.'

Gnarr sagt, er wolle unbedingt noch mal antreten. 'Ich gründe eine neue Partei, die ,Zukunftspartei der Ehrlichkeit" oder so. Dann stell ich lauter Leute auf, die ich gar nicht kenne und krieche durch die Talkshows: ,Ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Anfangs dachte ich, die Politik würde mich nicht ändern, dann kam dieser irre Druck. Aber ich gelobe Besserung." Lauter so erbärmliches Zeug.'

Da seine Frau, mit der zusammen er fünf Kinder hat, mit am Tisch sitzt, kann man sie ja mal fragen: Und? Hat er sich verändert? 'Merkwürdigerweise nicht.' Als sie das sagt, fangen Gnarr und Benediktsson an, einen Song der englischen Punkband Crass zu intonieren: 'Big A, little A, bouncing B / The system might have got you but it won"t get me.' Gnarr lacht wieder sein anarchisch lautes Kinderlachen, man sieht das zerkaute Sushi in seinem Mund und wünscht sich sehnlichst, solch ein wildes Lachen auch mal aus Berlin oder Brüssel zu hören.

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